Who´s next? Deutscher IT-Markt im Übernahmefieber

Der Umbruch im IT-Markt ist in vollem Gange. Das hat auch Auswirkungen auf den lokalen Markt. Eine Übernahme jagt die andere, allerdings sind die Preise für potenzielle Akquise-Ziele mittlerweile sehr hoch. Gibt es überhaupt noch interessante Übernahmekandidaten?

Selten war so viel Bewegung im deutschen IT-Markt. Eine Übernahme folgt auf die andere. Host Europe hat sich die Telefonica Online Services einverleibt, Cancom hat bei Pironet zugeschlagen. Im Windschatten dieser Übernahmen steigen auch die Bewertungen der anderen IT-Provider immer weiter. Denn eine Frage elektrisiert die Finanzmärkte: Who´s next? Wer vor einem Jahr sein Geld in Aktien großer deutscher Player wie Bechtle, Cancom & Co. investiert hat, der kann sich über Zuwächse freuen, die es zuletzt während der Internetblase um die Jahrtausendwende gegeben hat. Allerdings sind die Gründe diesmal glücklicherweise andere. Die Vorstände der einzelnen Unternehmen haben zumeist offensichtlich einen guten Job gemacht. Trotzdem muss man sich fragen, inwieweit die Bewertungen gerechtfertigt sind, und ob nicht den Einen oder Anderen eine getätigte Übernahme mittels Wertberichtigung wieder einholen wird.

Umsätze ausgewählter börsennotierter IT-Provider_141113

 

Die Bewertungen der börsennotierten Player sind mittlerweile so hoch, dass es in den meisten Fällen kaum noch lohnt zuzugreifen. Überall dort, wo der Finanzmarkt das Zauberwort Cloud Computing hört sind die Marktkapitalisierungen sagen wir mal ambitioniert. Beispiel Bechtle, dort liegt das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis auf dem Niveau von SAP. Und das obwohl Bechtle in starkem Maße vom Handelsgeschäft abhängig ist.

Die Umsätze mit Cloud Computing Lösungen und Services bewegen sich bei den meisten Anbietern ohnehin noch im homöopathischen Bereich. Die Wette der Märkte ist also eine Große. Denn zum einen ist noch nicht klar, ob diese Unternehmen überproportional vom Cloud-Boom profitieren können. Zum anderen sollte man genau hinschauen, ob sich hinter dem Label Cloud Computing auch das verbirgt, was man vermutet.

Performance-Kennziffern ausgewählter börsennotierter IT-Provider_151113

 

Den Aktienkursen hat dies indes keinen Abbruch getan. Bechtle hat mittlerweile die 1 Mrd. Euro- Grenze bei der Bewertung überschritten. Da scheint nicht mehr viel Luft nach oben zu sein. Vor dem Hintergrund der noch dürftigen Cloud-Umsätze umso mehr. Crisp Research geht davon aus, dass Unternehmen wie Allgeier beim Cloud Computing gerade erst die 1%-Marke überschritten haben. Andere Player wie GFT oder Cenit nehmen das Wort Cloud erst lieber gar nicht in den Mund. Wer solche Unternehmen also übernehmen wollte, der sollte andere gute Gründe haben, als Cloud Computing Umsätze zu kaufen.

Abseits des Börsentrubels existieren glücklicherweise Dutzende kleiner und mittelgroßer Unternehmen, die ein attraktives Portfolio in Sachen Cloud Computing zu bieten haben. Hier lohnt in vielen ein genauer Blick in die Bücher und auf die Eignerstrukturen. Diese wissen zwar auch um ihren derzeitigen Wert, allerdings lassen sich abseits der Öffentlichkeit oftmals Verhandlungen führen, die nicht von den überzogenen Erwartungen der Finanzmärkte bestimmt werden. Für Unternehmen, die also anorganisch wachsen möchten, beziehungsweise sich strategisch in Richtung Cloud Computing verstärken wollen oder müssen, lohnt daher ein Blick in die zweite oder gar dritte Reihe.

Potenzielle Übernahmekandidaten im Cloud-Umfeld_141113

 

Und für viele dieser Unternehmen wird der Weg nicht an einer Übernahme vorbeiführen, sind doch viele Anbieter nicht in der Lage aus eigener Kraft den nötigen Wandel schnell genug zu vollziehen. Und dieser kommt in großen Schritten. Konnte sich das ein oder andere Unternehmen in den letzten zwei Jahren noch hinter vollen Auftragsbüchern durch „Nach-Krisen-Sonderkonjunktureffekte“ verstecken, so hat sich die Lage verändert. Die Kunden brauchen jetzt und heute Hilfe bei der Digitalen Transformation. Dieser Weg wird in vielen Fällen über das Cloud Computing in einer seiner Spielarten führen. Also müssen die meisten jetzt schnell handeln. Doch eine eigene Transformation zu gestalten ist alles andere als einfach. Das haben die großen IT-Majors wie Microsoft und HP bereits demonstriert. Insbesondere das Thema Skills steht vielen mittelständischen Anbietern dabei im Wege. Woher auf die Schnelle in einem solchen Marktumfeld gute Leute bekommen? Aber auch die notwendigen internen Veränderungen und Anforderungen sind für viele ein unüberwindliches Hindernis. Da ist in vielen Fällen eine Übernahme vielleicht der einfachste Weg, um die ersten Schritte zu tun. Oder aber auch die letzte Rettung.

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Über den Autor:

Senior Analyst & COO

Steve JanataSteve Janata ist COO und Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Steve Janata als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Fragen des Strategie-, Portfolio- und Channel-Management. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Carlo Velten bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Steve Janata engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.