SAP S/4 HANA – Wundermittel oder nur teures Placebo?

Mit großem Getöse hat SAP seine neue Business Suite SAP S/4 HANA angekündigt. Wie so oft wurde dabei nicht mit Superlativen gespart. Nicht weniger als eine Revolution soll die neue Plattform sein. Ob sich da SAP nicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster lehnt?

„Eine Revolution ist ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt. Er kann friedlich oder gewaltsam vor sich gehen.“, so Wikipedia zum Wesen der Revolution. Wir kommen später noch einmal darauf zurück.

Zunächst wollen wir uns aber dem SAP-Anwender, unverdächtig jeder revolutionären Tendenzen, widmen. Vielleicht ergibt sich aus dieser Sichtweise ein wenig mehr Klarheit zu den von SAP gemachten Ankündigungen.

SAP-Anwender sind klassische Schmerzpatienten

SAP-Systeme waren und sind ja per se kein Quell der Freude. In Zeiten von Cloud und Mobile verstärken sich aber die Probleme der Anwender überproportional.

Was also sind die großen Schmerzen der SAP-Anwender und welche dieser Schmerzen könnten in Zukunft durch SAP S/4 HANA gelindert werden?

Zum einen plagt SAP-Anwender seit jeher das Thema Komplexität. SAP-Projekte gehören zu den Albtraumszenarien großer Unternehmen. Das liegt zugegebenermaßen nicht nur an der Software, sondern häufig auch an der Qualität des Projektmanagements. Dennoch sind sich wohl alle SAP-Nutzer darin einig, dass die Reduzierung der Komplexität ein zentrales Ziel einer Neuentwicklung seitens SAP sein muss.

SAP verspricht zwar eine Vereinfachung des Datenmodells. Das scheint allerdings nicht hinreichend zu sein, um eine Reduzierung der Gesamt-Komplexität zu erreichen. Und um von diesem Datenmodell profitieren zu wollen, müssen die Anwender ihre Datenbank wechseln. Die versprochene Performance gibt es also nur in Kombination mit HANA.

Komplexität und Kosten – Keine Heilung in Sicht

Zurück zu den heutigen Problemen der SAP-Kunden. Auf Komplexität folgt in der IT-Branche – wie ein Naturgesetz – das zweite K: Kosten. Falls irgendjemand glaubt, dass sich durch die Einführung von SAP S/4 HANA die Gesamtkosten eines SAP-Betriebes dauerhaft verringern lassen, der glaubt wahrscheinlich auch an eine Rückkehr der Griechen an die Finanzmärkte noch in diesem Frühjahr.

Zu den Kosten hat SAP auch noch keine konkreten Aussagen gemacht. Man wird in Walldorf wissen warum.

Man spricht dafür lieber über das Thema Performance, bisher gehörte die ja nicht zum Markenkern von SAP. SAP S/4 HANA verspricht eine deutlich bessere Performance durch das neue Datenmodell. Das erscheint glaubhaft und plausibel, setzt allerdings voraus, dass der Kunde den Weg so mitgeht wie SAP sich das vorstellt.

Ein weiteres großes „Bauchschmerzthema“ ist für viele SAP-Anwender das Thema Security. Das ist eine der größten Baustellen der Zukunft. Die immer größere Vernetzung und steigende Integration von Cloud-basierten Anwendungen erfordert neue Sicherheitsarchitekturen und -modelle. Hierzu gab es bisher erschreckend wenig von SAP zu hören.

SAP

Aber es gibt auch gute Nachrichten!

Es wurde nämlich wirklich Zeit für SAP sich dem Thema Usability ernsthaft zu stellen. Und zumindest hier scheint SAP seinen Job gemacht zu haben. SAP S/4 HANA basiert nun einheitlich auf Fiori und ersetzt damit den Zoo an UI Technologien. Kurz gesagt bedeutet dies, dass SAP jetzt einen modernen Anstrich bekommt und vor allem mobil wird.

Revolutionen sehen anders aus!

Dann also zurück zum Anfang des Artikels. Revolutionen sind also im Wesentlichen tiefgreifend und sie vollziehen sich abrupt. Weder das eine noch das andere ist bei SAP S/4 HANA der Fall. Und zum Glück muss, im Gegensatz zu den Revolutionen der Geschichte, hier keiner mitmachen, wenn er nicht will. Aber wenn schon keine Revolution stattfindet, so ist doch zumindest eine Evolution erkennbar. Das immerhin ist für viele SAP-Kunden schon eine gute Nachricht.

Jetzt muss SAP es allerdings schaffen die Kunden in den nächsten Jahren für die neue Plattform zu begeistern und gleichzeitig die „Altkunden“ nicht zu vergessen. Sonst könnten diese, wie vor ein paar Jahren bei der Erhöhung der Wartungsgebühren, doch noch zu Revoluzzern werden.

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Über den Autor:

Senior Analyst & COO

Steve JanataSteve Janata ist COO und Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Steve Janata als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Fragen des Strategie-, Portfolio- und Channel-Management. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Carlo Velten bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Steve Janata engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.