Progressive Web Apps – Hot Shit oder Developer-Spielzeug?

  • In Entwicklerkreisen und bei einigen Early-Adopter-Unternehmen sind Progressive Web Apps (“Hybride” Apps aus Web- und Native-App) schon bekannt - jetzt stehen sie unmittelbar vor dem großen Durchbruch in der Mobile-App-Entwicklung der Unternehmen
  • Zukünftig sollen mobile Anwendungen mit viel Funktionalität und Interaktion ihren Platz im Browser haben und die Existenz der App-Stores ein wenig in Frage stellen - für Unternehmen bedeutet das mehr Interaktion und weniger Umwege zu ihren Kunden
  • Der Erfolg der Progressive Web Apps hängt maßgeblich von den großen Browser- und Mobile-OS-Anbietern ab - sobald hier alle Signale auf Grün stehen, müssen die Unternehmen schnell handeln

Nur wenige Jahre ist es her, da haben die Unternehmen noch damit gekämpft, ihren eigenen Markenauftritt fit für die mobilen Endgeräte zu machen. Im Herbst 2015 waren nur wenige der Top 500 Unternehmen mit ihren eigenen Webseiten so weit fortgeschritten, dass diese auch auf mobilen Endgeräten richtig angezeigt werden. Schnell mussten die anderen Unternehmen nachziehen und mit dedizierten mobilen oder responsiven Webseiten auch mobil für die Kunden gut sicht- und erreichbar zu sein.

Dieses Spiel spielen die Unternehmen und deren Marketingabteilungen seitdem immer wieder. Nach den mobilen Webseiten brauchten die Unternehmen native mobile Apps, um ihre Kunden bei der Stange zu halten. Als es davon irgendwann zu viele gab, mussten die Apps schließlich auch interaktiv und “engaging” sein, um sich abzuheben.

Ähnliches wird passieren, wenn Voice-Interfaces um Alexa und Co. einen großen Teil der täglichen Interaktion mit den Kunden übernehmen sollen.

Diese Relikte existieren auch jetzt noch, denn es gibt zahlreiche Apps in den App Stores oder auf den Smartphones der Nutzer, die einfach nicht genutzt werden. Für die Unternehmen fließen teilweise hohe Entwicklungs- und Bereitstellungskosten den Bach herunter und damit auch die Hoffnung, durch die eigene Mobility-Offensive ein strahlender Stern der innovativen Unternehmen zu werden.

Aber es gibt Hoffnung. Mit Progressive Web Apps (PWA) versprechen die Anbieter eine leichtere Handhabung der Apps und gleichzeitig hohen Funktionsumfang. Progressive Web Apps vereinigen Funktionalitäten von Web und Native Apps. Sie werden für alle Betriebssysteme einheitlich erstellt, über eine URL aufgerufen, können aber mehr Interaktion hervorbringen und native Endgeräte-Funktionen nutzen. Damit wird der Einstieg für die Nutzer wieder einfacher, die Unternehmen können eine neue Art der Mobile Digital User Experience bieten.

Progressive Hä..? Worin unterscheiden sich Progressive Web Apps von Web & Native Apps?

Schon vor den Progressive Web Apps haben die normalen Web Apps weit mehr geleistet, als nur Inhalte über das Internet anzuzeigen. Die Interaktion auf den Webseiten kam schon häufig an die User Experience einer echten App heran. So können seit einiger Zeit Videos abgespielt werden oder Artikel über Online Shops angesehen, verglichen und gekauft werden. Das alles funktioniert vor allem Dank Java, HTML5 und Co. Durch zusätzliche Tools und Frameworks können Progressive Web Apps die bisherigen Möglichkeiten noch erweitern. Dabei sind sie keine eigenständige Technologie, sondern ein Zusammenschluss vieler einzelner.

Zu den neuen Tools und Services, die diese Erweiterung erst ermöglichen, zählen maßgeblich:

  • Application Shell: PWAs werden im Browser über eine URL aufgerufen. Die App Shell legt beim ersten Aufruf dieser URL im Gerätecache die dynamischen Inhalte ab. Dabei orientiert sich der Aufbau der App-Funktionalitäten am Browser und vor allem der technischen Möglichkeiten des Endgeräts.
  • Service Workers: Die Service Workers sind JavaScript-Anwendungen, die im Hintergrund einer Web App arbeiten können - auch wenn die Website nicht geöffnet ist. Dies ist eines der Kern-Features, die aus der nativen App-Welt stammen und nun für den Browser bereitgestellt werden. Sie übernehmen das Caching oder weitere Programmlogiken, um die PWA bspw. auch offline funktionsfähig zu machen. Alle Service Worker arbeiten mit HTTP und sind der Grund, warum die Anbieter der mobilen Browser die Entwicklung maßgeblich beeinflussen.
  • Web App Manifest: Das Web App Manifest macht den hybriden Charakter nahezu komplett. Im wesentlichen ermöglicht es die “Installation” der Web App auf dem Home-Bildschirm. Das ist soweit schon bekannt, da Website-Shortcuts auf ähnliche Weise installiert werden konnten. Jedoch installiert das Web App Manifest tatsächlich eine App, deren Funktionen sofort bereitgestellt werden können.
  • Push Notifications: Push Notifications von nativen Apps sind bekannt. Das gleiche geht nun auch mit den PWAs, die eigentlich nur zu einer URL gehören.

Diese Tools sorgen mitsamt aller bekannten Web-Development-Technologien und Frameworks dafür, dass die Progressive Web Apps ihren Hybrid-Charakter erfolgreich ausspielen können. Charakteristisch für Progressive Web Apps sind daher folgende Merkmale:

  • Progressivität: Die PWA passt sich dem jeweiligen Endgerät und Browser an und stellt die Inhalte und Funktionen in Abhängigkeit davon bereit.
  • Responsivität: Desktop, Tablet und mobiles Endgerät können gleichzeitig unterstützt werden, die App passt sich an das Display an.
  • Offline-Fähigkeit: Die Apps können offline geöffnet und verwendet werden. Optimalerweise werden Interaktionen mit notwendigem Internetzugang gecached und bei stabiler Verbindung direkt ausgeführt.
  • Installierbar: Wie echte Apps können die PWAs auf dem Home Screen sein und einige Funktionen nativ nutzen, wenngleich der Kern über das Web bereitgestellt wird.
  • Updates: Wie ein Cloud Service wird die App immer über das Internet auf den neuesten Stand gebracht.
  • Usability: Die PWAs können einfach über URLs gefunden und genutzt werden, ohne Installationen abzuwarten - Plug & Play neu definiert.
  • Gesichert: Die https-Verschlüsselung ist nur eine von vielen notwendigen Maßnahmen für den Schutz der Daten.
  • Administration: Die PWA kann für alle Endgeräte bereitgestellt werden und verwendet ein Technologie- und Framework-Set, sodass die Administration möglichst einfach ist.

Damit ist es tatsächlich so, dass die Progressive Web Apps sich der meisten Stärken der Alternativen Web und Native Apps bedienen können und gleichzeitig die Schwächen derselben überwinden. In Sachen Go-To-Market, Usability und User Journey, sowie im Hinblick auf die Ausnutzung der Endgeräte-Technologie haben die Progressive Web Apps klare Allrounder-Qualitäten. Lediglich die Monetarisierung der Anwendungen ist noch schwierig.

Auch die Tools, Frameworks und technologische Reife könnten derzeit besser sein. Die oben beschrieben Technologien funktionieren allesamt und werden u.a. von Google durch namhafte Player vorangetrieben. Auch erste App Builder verwenden diese. Das Hauptproblem ist aber derzeit, dass Apple nur zögerlich auf den PWA-Zug aufspringt und trotz des letzten Updates in der Grundausrichtung des iOS-Betriebssystems Schwierigkeiten bestehen, das Konzept in exakt gleicher Form auch anzuwenden. Hier muss noch eine Lösung gefunden werden, bis die verbleibenden Developer wirklich unter Zugzwang stehen, ihre PWA-Expertise zu beweisen.

Treiber von Progressive Web Apps

Es zeigt sich aber, dass die Mobile App Entwicklung derzeit stark im Wandel steht. Damit wehrt sich das Business gegen die Totsagungen vieler Experten. Mit Progressive Web Apps oder auch dem Low Code-Paradigma erhalten die Unternehmen ganz neue Möglichkeiten bei der Entwicklung und Bereitstellung ihrer Apps, um günstiger, schneller und kundenfreundlicher mobile Apps anbieten zu können.

Natürlich muss auch hier im Einzelfall betrachtet werden, ob eine Progressive Web App für den jeweiligen Anwendungsfall geeignet ist. Das Monetarisierungsmodell ist derzeit noch entscheidend und über das Web nicht ganz so einfach zu realisieren wie bei einer kostenpflichtigen App im App Store. Auch braucht es für manche Web Apps nicht die Weiterentwicklung der Progressive Web Apps, da sie bspw. nicht offline oder mit weniger Interaktion genutzt werden können. Andererseits gibt es bei der Umsetzung nur wenig Limitationen. Jeder Use Case, der eine App oder Web App vonnöten macht, kann grundsätzlich auch als Progressive Web App abgebildet werden. Sweet Spots liegen derzeit vor allem gemessen an den ersten Success Stories im Bereich eCommerce, Buchungsportalen oder News Seiten bzw. Online-Zeitungen.

In welche Richtung sich diese Entwicklung zukünftig bewegen wird, determinieren derzeit vor allem eine Hand voll Browser-Anbieter. Google war hier sehr früh und hat sich als Thought Leader in diesem Bereich hervorgetan und die Grundlagen für die neuen Technologien wie Service Worker geschaffen. Auch Amazon Web Services hat in seinen Development-Services u.a. mit Amplify ganz konkret Service Workers und PWAs aufgenommen. Zahlreiche App Builder und Baukasten-Anbieter unterstützen PWAs und deren zugehörige Technologien bereits heute im Portfolio. Es wird also entscheidend sein, wie Apple die Hürden in iOS überwindet und die Caching-Prozesse und Schnittstellen geöffnet werden, um Progressive Web Apps auch dort verfügbar zu machen.

Empfehlungen für Unternehmen & Entscheider

Die Frage, die sich nun logischerweise stellt, ist, ob Progressive Web Apps ein Phänomen von Dauer oder eine Eintagsfliege sind. Die Konsequenz der Technologie-Anbieter, die ersten namhaften Success Stories und die auf technologischer Ebene eher inkrementelle Veränderung im Vergleich zur klassischen mobilen App-Entwicklung lassen wenigstens den Schluss zu, dass Aufwand und Ertrag für die Unternehmen einen positiven Saldo haben werden.

Die fehlenden Puzzleteile heißen hier vor allem Apple, Technologie-Reife und Monetarisierung. Während bei Apple und der Reife wohl eher abwarten angesagt ist, können bei der Monetarisierung neue Subscription-basierte Apps und der klassische eCommerce den App-Store-Kauf überwinden.

In der Zwischenzeit ist den Entscheidern also zu empfehlen:

  • Technologie-Set erweitern - Für PWAs braucht es keinen großen Stack, die neuen Technologien stehen schon bereit.
  • Know-how aufbauen - Mitarbeiter werden zu App-Designern - zusammen mit den Entwicklern und App Buildern können sie die Basics der PWAs lernen.
  • App-Strategie definieren - Welche Apps braucht das Unternehmen zukünftig, um erfolgreich zu sein?
  • App-Strategie definieren II - Welche Technologien, Plattformen, Frameworks und Budgets benötigen diese Apps?
  • Testballons starten - Erste Apps können testweise aufgesetzt werden und durch Mitarbeiter und Testnutzer auf ihre Erfolgschancen geprüft werden.

Mehr zu den Themen App Stores Applikationen Low Code Mobile Customer Experience Native Applicaton Web Apps

Share on:


Über den Autor:

Senior Analyst & Mobile Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead für Mobility, Collaboration und User Experience des Research und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Maximilian Hille ist verantwortlich für die Marktfoschungsinitiativen und Beratungsinitiativen insbesondere in den Bereichen Digital Workplace und Mobile Business.
Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG.
Seine Schwerpunktthemen sind Digital Workplace Design, digitale Geschäftsmodelle, Unified User Experience, Mobile Backend & Development Plattformen, Mobile Management & Security, Mobile Web Experience, mobile Technologien, Mixed Reality, Chatbots, digitale Sprachassistenten und Collaboration.
Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.