Prism – Der Albtraum der US Tech-Industrie

Als Lenker eines US-Tech Konzerns hat man mit Sicherheit schon bessere Tage erlebt. Was da derzeit am Himmel heraufzieht sollte den Strategen bei Google, Amazon & Co. Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Die Enthüllungen rund um Prism haben ohnehin schon einen riesigen Schaden in Sachen Image und Vertrauen bei amerikanischen IT-Majors angerichtet. Was alleine schon schlimm genug wäre, bedenkt man, dass gerade beim Thema Cloud Computing diese Faktoren sehr schwer wiegen.

Was sich jetzt aber gerade in den USA abspielt zeigt, dass Prism oder XKeyscore nur die technologischen Vehikel sind, auf denen eine Ideologie transportiert wird, die sich anschickt das Werte-Gerüst  der gesamten westlichen Welt zum Einsturz zu bringen.

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Der E-Mail Provider Lavabit, berühmtester Kunde war übrigens Edward Snowden, hat gestern seinen Dienst eingestellt. Der Gründer von Lavabit hat in einem Brief an seine Nutzer mehr oder minder detailliert deutlich gemacht was  dafür die Beweggründe sind. Er hatte die Wahl entweder den Behörden Zugang zu den Daten seiner Kunden zu verschaffen oder sich strafbar zu machen. Welch eine Ironie! Strafbar macht sich in den USA derzeit ein Provider, der die Daten seiner Kunden vor fremdem Zugriff schützt. Dass zeigt auch die ganze Verlogenheit der politischen Debatte diesseits und jenseits des großen Teiches. Es ist einfach nicht gewollt, dass  Bürger und Unternehmen Ihre Daten verschlüsseln, schließlich erschwert es das Mitlesen.

Aber der CEO von Lavabit besitzt offensichtlich Größe, denn er hat sich dafür entschieden, den Dienst lieber einzustellen und nicht wie die meisten anderen Provider mit den Behörden zu kooperieren. Das ist ein Paukenschlag und sollte eine Warnung an uns alle sein. Und es sollte auch die deutsche Politik endlich dazu bewegen nicht nur mit Ahnungslosigkeit, Verharmlosung und Worthülsen zu glänzen.

Der letzte Absatz im Brief von Lavabit-Gründer Ladar Levison hat es besonders in sich und man kann wohl sagen, dass er die großen amerikanischen IT-Provider Lügen straft:

„This experience has taught me one very important lesson: without congressional action or a strong judicial precedent, I would _strongly_ recommend against anyone trusting their private data to a company with physical ties to the United States.”

Man muss dem Mann Recht geben. Unter den derzeitigen Voraussetzungen kann man wirklich niemandem mit gutem Gewissen empfehlen US Cloud-Dienste einzusetzen, außer es handelt bei den Daten um Irrelevantes. Denn es ist offensichtlich, die Konzerne haben keine Chancen sich zu widersetzen, ob sie wollen oder nicht.

Die USA spielen ein sehr gefährliches Spiel. Die direkten Auswirkungen auf die Umsätze der Cloud-Anbieter sind dabei nur der kleinere Kollateralschaden. In einem gerade erschienen Research Paper kommt der US-amerikanische Think-Tank  ITIF zum Ergebnis, dass die US Cloud-Industrie durch den Prism-Skandal in den kommenden 3 Jahren Umsatzeinbußen zwischen $20 Mrd. und  $35 Mrd. zu befürchten hat.

Der wirklich große wirtschaftliche Schaden droht allerdings von ganz anderer Seite. Die USA und Ihre Wirtschaft leben schon immer davon, dass Sie das Land der Sehnsüchte waren. Einwanderer, Gründer, Pioniere und nicht zuletzt die Wirtschaftselite anderer Staaten zog es in das Land der Freiheit. Die USA sind derzeit dabei diesen Mythos schwer zu beschädigen. Die Folgen davon sind nicht zu beziffern.

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Über den Autor:

Senior Analyst & COO

Steve JanataSteve Janata ist COO und Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Steve Janata als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Fragen des Strategie-, Portfolio- und Channel-Management. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Carlo Velten bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Steve Janata engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.