Nationaler IT Gipfel 2015 – Chancen und Verantwortung in der Digitalisierung

Die 9. Auflage des Nationalen IT Gipfels brachte auch in diesem Jahr die Top-Entscheider aus Politik und Wirtschaft zusammen, um die Wachstums- und Innovationspotenziale der IT-Branche in Deutschland zu diskutieren. Neben Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, waren eine Reihe an Vertretern aus den Bundesministerien und Fraktionen sowie die Konzernlenker der in Deutschland ansässigen ITK-Unternehmen zu Gast.

Thematisch beherrschte die Digitalisierung die zweitägige Veranstaltung in Berlin, die neben einem breitgefächerten Programm, das alle Punkte der „Digitalen Agenda“ der Bundesregierung streifte, auch eine Reihe an Exponaten und Exkursionen zu den Berliner Hot Spots der Digitalisierung beinhaltete.

Während Telekom-Chef Timotheus Höttges im letzten Jahr noch für Aufsehen sorgte, indem er die erste Halbzeit der Digitalisierung für verloren erklärte (aus deutscher Perspektive), so ist den Beteiligten in Politik und den Konzernspitzen nun zumindest klar, dass der Handlungsbedarf im Kontext der Digitalisierung enorm ist. Noch immer haben viele der deutschen Unternehmen die Bedeutung der digitalen Transformation für das eigene Unternehmen nicht erkannt, auch wenn das Thema medial omnipräsent ist.

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            Studie 2015: "Digital Leader" - Crisp Research AG mit Dimension Data Deutschland

Zieht man ein Fazit zum diesjährigen Nationalen IT Gipfel fällt positiv auf:

  • Strategische Relevanz und der konkrete Transformationsbedarf stehen in Politik und IT-Wirtschaft mittlerweile außer Frage und bilden einen gemeinsamen Nenner. Die Digitalisierung ist Katalysator für einen erneuten Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft.
  • Ökosystem statt Einzellösung – es zeichnet sich die Erkenntnis ab, dass der Erfolg der Digitalisierungsstrategien nicht von genialen Einzellösungen, sondern von Plattformen und Ökosystemen abhängt. Mit der „Plattform Industrie 4.0“ wurde gezeigt, dass branchenübergreifende Kooperationsstrukturen funktionieren können. So arbeiten in diesem Bereich über 100 Unternehmen an der Entwicklung konkreter Industrie 4.0-Anwendungen. Mit dem „Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0“ (RAMI 4.0) wurde ein erstes Etappenziel hinsichtlich der Standardisierung von industriellen IoT-Anwendungen erreicht.
  • Fokus auf Daten als Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es um die Nutzung und Kommerzialisierung der Daten selbst geht, da diese die Grundlage für neue Geschäftsmodelle, software-definierte Produkte und personalisierte Services sind. Die verantwortungsvolle Nutzung von Daten wird zu einem zentralen Grundsatz einer Datenökonomie im Zeitalter von Big Data. In diesem Kontext wurde im Rahmen des Gipfels ein Positionspapier vorgestellt, das Unternehmen Leitlinien für einen rechtskonformen und verantwortungsbewussten Big Data-Einsatz bietet. Crisp Research freut sich bei der Erstellung des Papiers mitwirken zu können, das Sie an dieser Stelle herunterladen können:

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Doch wo Licht ist, ist meist auch viel Schatten:

  • Keine konkreten Ergebnisse und finanzielle Zusagen. Es war wieder einmal ein Gipfel der warmen Worte. Seitens der Bundesregierung und der stellvertretenen Minister gab es keinerlei Vorschläge und Finanzierungszusagen, um die schwächelnde digitale Infrastruktur zukunftsfest zu machen („Wir setzen hierbei auch weiterhin primär auf einen markt- und nachfragegetriebenen, technologieoffenen Ansatz, der Raum für Innovationen lässt“). Ein Witz für ein Hochtechnologieland, in dem die Bürger jedes Jahr die Staatsmedien mit knapp 10 Milliarden Euro subventionieren! Die Hälfte der GEZ-Gebühren könnten auf jeden Fall in die Netzinfrastruktur fließen.
  • Auch der Aufruf für eine bessere Zusammenarbeit von Startups und Unternehmen ist nichts als ein frommer Wunsch, wird doch nichts getan, um Anreize zu setzen, die den Bezug von Technologien und Services von Startups ernsthaft fördern. Denn „Buy Startup!“ bedeutet für Unternehmen ein echtes Risiko. Dies könnte man abmildern, z.B. indem man eine Art "Hermes-Bürgschaft" für den Kauf bei Start-ups einführt.
  • In der Plattform „Digitale Arbeitswelt“ malt man sich die Welt derzeit auch noch in bunten Farben. Hier ist davon die Rede „Gestaltungslösungen zu entwickeln, die den Risiken entgegenwirken und dazu beitragen, selbstbestimmter und gesünder, in attraktiven Arbeits- und Lernumgebungen arbeiten zu können“. Das einerseits hochqualifizierte Entwickler, Cloud-Architekten und Data Scientists in großer Zahl fehlen und andererseits Millionen einfache Dienstleistungsjobs in den kommenden fünf bis zehn Jahren wegfallen werden, davon war auf dem Nationalen IT Gipfel anscheinend nicht die Rede. Würde man ernsthaft über Digitalisierung des Arbeitsmarktes sprechen, könnte man sich auch Fragen, warum in der Welt digitaler Jobbörsen und flexibler Arbeitsmärkte die „Bundesagentur für Arbeit“ mit über 108.000 Mitarbeitern immer noch die größte Behörde in Deutschland ist und dort die meisten Prozesse analog ablaufen!

Abschließend lässt sich sagen, dass der Beitrag der Politik zur digitalen Transformation weiterhin gering bleibt. Man kann sagen, dass die Bundesregierung versucht, den Prozess wohlwollend zu begleiten und der deutschen Wirtschaft zumindest keine Steine in den Weg legt. Das ist ein Anfang.

Von aktiver Gestaltung und richtungsweisenden Investitionen allerdings keine Spur. Und vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Denn es ist immer noch die ureigene unternehmerische Aufgabe des Top-Managements, das eigene Unternehmen in Zeiten von Strukturwandel neu auszurichten und umzubauen. Digital Leadership ist auch im Management und nicht nur in der IT-Abteilung gefragt. Wer das im rauen internationalen Wettbewerbsklima schafft, ist im digitalen Zeitalter auch nach 2020 noch gut aufgestellt. Und dass dies funktioniert, zeigt schon heute eine Reihe deutscher Unternehmen vom Küchengerätehersteller Vorwerk bis zum Automobilzulieferer Bosch.

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.