Mobile First – Die dritte Generation mobiler Anwendungen wächst heran

„Mobile First“ ist das neue Schlagwort für Technologieanbieter, Entwickler und Unternehmen gleichermaßen. Viele Unternehmen befinden sich noch in der ersten Generation, und erhöhen mit leichtgewichtigen Anwendungen ihre externe Sichtbarkeit. Manche Unternehmen stecken aber schon zwei Generationen weiter, mitten in der Umsetzung kompletter mobiler Geschäftsprozesse. Um mobile Anwendungen und Geschäftsprozesse effizient zu entwickeln und in die IT-Backendsysteme zu integrieren sind neue Technologien und Services nahezu unverzichtbar – Mobile Backend-as-a-Service und Mobile Middleware.

Deutsche Unternehmen entdecken die Bedeutung mobiler Anwendungen und Services für den eigenen Geschäftserfolg. Um im Zeitalter der digitalen Transformation hinsichtlich Kundenreichweite, Kundenbindung und vernetzter Geschäftsprozessen wettbewerbsfähig zu sein, setzen deutsche Unternehmen zunehmend auf mobile Apps und Services.

Von der Werbe-App zum mobilen Geschäftsprozess

Zum Einstieg bei der Nutzung mobiler Services starten Unternehmen oft mit „Lightweight-Anwendungen“ zur Steigerung der Sichtbarkeit der Unternehmen nach außen. Dazu zählen vor allem mobile Webseiten und kleinere Apps zur Bekanntmachung des eigenen Brands. In der zweiten Stufe beginnen die Unternehmen, ihre interne Kommunikation mittels Collaboration-Apps auch mobil zu unterstützen.

Nun zeichnet sich langsam die dritte Generation an mobilen Anwendungen ab, die von den Unternehmen entwickelt und implementiert werden. Aus den Lightweight-Apps mit Marketing-Charakter weitgehend ohne Integration in das Unternehmens- und IT-Backend, werden zukünftig komplette Geschäftsprozesse mobil abgebildet und echter Mehrwert für Mitarbeiter, Partner und Kunden generiert. Die mobilen Anwendungen haben einen Status-Wandel vollzogen – vom „Nice-to-have“-Projekt in der Pressearbeit hin zu unternehmenskritischen Anwendungen in Vertrieb, Qualitätsmanagement oder Kundenservice.

Enterprise MobilityUser Experience & Backend-Integration

Mit den neuen Möglichkeiten und Einsatzszenarien wachsen auch die An- und Herausforderungen seitens der Unternehmen an die beteiligten Entwickler, Projektmanager und Technologiepartner. So werden die Projekte nicht mehr „auf der grünen Wiese“ konzipiert und entwickelt, sondern müssen Rücksicht auf eine Vielzahl von Geschäftsprozessen, Schnittstellen und Berechtigungen nehmen.

Der Erfolg einer mobilen Applikation wird maßgeblich durch die User Experience auf Frontend-Seite und der richtigen Integration der einzelnen Backend-Systeme determiniert. CIOs und CMOs stehen bei der Planung & Entwicklung eines mobilen Geschäftsprozesses daher folgende Herausforderungen im Auge haben:

  • Integration & Management einer Vielzahl von IT-Backend-Systemen
  • Vereinfachung der Entwicklungs- und Testing-Prozesse
  • Einführung von Sicherheitsprozessen & einer einheitlichen Entwicklungs-Plattform

Mobile Backend-as-a-Service & Mobile Middleware setzen neue Standards

Die gute Nachricht für Entscheider und Entwickler ist, dass man der Mehrzahl dieser Anforderungen mit neuartigen Lösungen, sogenannten Mobile Backend (-as-a-Service)- beziehungsweise Mobile Middleware-Lösungen, erfolgreich begegnen kann.

Derartige Lösungen stellen eine Art Bindeglied zwischen den abgeschirmten und gesicherten Backend-Systemen der Unternehmen, wie beispielsweise ERP, CRM, Single-Sign-On oder Collaboration-Lösungen, und dem Front End, also der Benutzeroberfläche dar. Mobile Backend- oder Mobile Middleware-Systeme verfügen über ein Set an Konnektoren und Schnittstellen, die vorkonfiguriert bereitgestellt oder individuell in Absprache mit den Kunden entwickelt werden.

Mithilfe dieser Schnittstellen können sich Entwickler maßgeblich auf die Spezifikationen der eigentlichen Anwendung sowie der Benutzerführung konzentrieren. Die Kombination aus Backend-Services mit einem übersichtlichen Design und zusätzlichen Front End Features garantieren die optimale User Experience auf der Bedienungs- und Funktionsebene. In der Regel sind die einzelnen Lösungen Plattform-unabhängig, sodass die Anwendungen auf iOS, Android und Windows-Smartphones und Tablets sowie auf dem Desktop lauffähig sind.

Trotz eines relativ einheitlichen Grundmodells unterscheiden sich die Anbieter in vielerlei Details.

Die einzelnen Lösungen sind unterschiedlich stark auf eine Funktionsvielfalt im Backend- oder im Frontend-Bereich fokussiert. Backend-fokussierte Lösungen bieten vor allem eine breite und variable Auswahl an Schnittstellen für einzelne Systeme. So kann das bereits vorkonfigurierte Set an Konnektoren für diverse Standardsysteme (SAP, Microsoft Dynamics usw.) recht unkompliziert erweitert und auf die individuellen Bedürfnisse angepasst werden. Dies garantiert eine hinreichende Funktionsdichte, die vor allem in kritischen Business Anwendungen ihren Einsatz findet.

Mobility Backend as a Service

Demgegenüber gibt es auch Mobile Middleware Lösungen, die den Fokus verstärkt auf die Entwicklung des Frontends legen. Dort werden ebenfalls Konnektoren zu wichtigen Backend-Systemen bereitgestellt. Allerdings handelt es sich dabei oftmals um ein sehr spezifisches und kleines Set, das nur umständlich erweitert werden kann. Bei diesen Lösungen steht vor allem die schnelle und standardisierte Entwicklung des Frontends mitsamt einer strukturierten Nutzeroberfläche im Vordergrund.

Zum einen können Mobile Backends und Mobile Middleware für vergleichsweise einfache und standardisierte Anforderungen als Open Source oder im Cloud-Modell „as a Service“ bezogen werden. Open Source-Varianten sind vor allem für Testzwecke einzelner Entwickler geeignet, da hier lediglich die Oberfläche bereitgestellt wird. Innerhalb des Cloud-Modells werden die Funktionen etwas umfangreicher und die Preise werden maßgeblich durch die Anzahl der Nutzer und die SLAs bestimmt. Für den komplexeren Business-Einsatz eignen sich aber vor allem Appliances, die dann im Rechenzentrum des jeweiligen Nutzers liegen. Diese Variante stellt die maximale Individualisierung der Lösung sicher. So können die Schnittstellen beliebig erweitert und angepasst werden. Die Abrechnung erfolgt dann monatlich und setzt sich aus der Appliance-Konfiguration (Cores) und einer zusätzlichen Support-Gebühr zusammen.

Start Ups prägen das Bild

Die Anbieter von Mobile BaaS und Mobile Middleware sind insbesondere junge Start Ups und kleine Unternehmen, die teilweise als Pure Play Vendoren gegründet wurden oder in verwandten Segmenten (Mobile App Entwicklung) bereits aktiv waren. Auch einige globale Technologieanbieter, wie Google und Microsoft, die über eine PaaS-Plattform verfügen, planen in den kommenden Monaten einen vergleichbaren Service anzubieten.

Mobile Middleware Anbieter

Zu den relevanten Anbietern von MBaaS zählt unter anderem Parse. Das Start Up wurde kürzlich von Facebook übernommen und konzentriert sich vor allem auf die Frontend-Entwicklung. Mithilfe von Parse können beispielsweise Push-Anwendungen vereinfacht geschrieben werden. Ein Anbieter mit stärkerem Backend-Fokus sind die Apinauten mit ihrer Lösung Api-O-Mat. Der Api-O-Mat wird sowohl als Mobile Backend as a Service aber auch als fest beziehbare Mobile Middleware als Appliance für Enterprise-Kunden angeboten. Der Api-O-Mat verfügt über eine Vielzahl vorinstallierter Konnektoren, die vom Kunden oder auch in Absprache mit dem Anbieter angepasst und erweitert werden können. Darüber hinaus bringt der Api-O-Mat auch einzelne SDKs für das Frontend mit.

Vorteile von MBaaS und Mobile Middleware

Die Vorteile beim Einsatz von MBaaS oder vergleichbarer Mobile Middleware Technologien liegen vor allem in diesen Aspekten:

  • Die Entwicklungsdauer wird signifikant verkürzt. Mobile Anwendungen und Apps können deutlich schneller entwickelt und ausgerollt werden, wenn nicht jede einzelne Schnittstelle zu CRM oder Active Directory individuell programmiert werden muss. Crisp Research schätzt die durchschnittliche Verkürzung des „Time-to-Market“ bei komplexen mobilen Apps auf 60-70%.
  • Die mobilen Geschäftsprozesse werden auf breiter Front eingeführt und über ihren Lebenszyklus hinweg immer wieder aktualisiert und weiterentwickelt. Hier können MBaaS und Mobile Middleware auch die laufenden Entwicklungs- und Maintenance-Kosten signifikant senken.
  • Testing und Qualitätskontrolle werden maßgeblich vereinfacht. Mithilfe von MBaaS und Mobile Middleware werden Fehler bei der Integration in IT-Backendsysteme ausgeschlossen oder früher entdeckt.
  • Ein höheres Sicherheitsniveau wird erreicht, da der Zugriff auf die IT-Backend-Systeme nun zentral vom eigenen IT-Management gesteuert und überwacht werden kann – und nicht einer Vielzahl an unterschiedlichen Entwicklungspartner (Digitalagentur, App Entwickler, IT-Dienstleister etc.) obliegt.

Ausblick – Von Mobile First zu Mobile Now!

Unternehmen beginnen, die Entwicklung und den Betrieb mobiler Anwendungen ernst zu nehmen. So verschiebt sich das Gewicht von leichtgewichtigen Marketing Apps hin zu den mobilen Geschäftsprozessen. Zur Integration in die internen Prozesse und IT-Systeme werden Mobile Backend-Technologien zum entscheidenden Baustein für eine erfolgreiche Enterprise Mobility Strategie. Diese innovativen Technologien entwickeln sich stetig weiter und werden zukünftig auch bei den großen Anbietern, gegebenenfalls durch Zukäufe, zu finden sein.

 

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Über den Autor:

Senior Analyst & Cloud Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead bei Crisp Research. Als Cloud Practice Lead leitet er alle Research- und Beratungsaktivitäten zu den Themen Cloud-Architektur, Cloud-Native Technologies, Managed Cloud Services, Digital Workplace und Mobility.

Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG. Maximilian Hille studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.

Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Platforms, Cloud Architecture Design, Hybrid & Multi Cloud Computing, Cloud-Native Architectures, Digital Workplace, Collaboration, Enterprise Mobility und Mobile Business. Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.

One Response to “Mobile First – Die dritte Generation mobiler Anwendungen wächst heran”

  1. Avatar
    Thomas Reinberger

    Mich würden die Bewertungskriterien der Anbieter interessieren. Was bedeutet z.B. bei Backend ein „-“ verglichen mit einem „–„? „-“ heisst „gibt’s nicht“ und „–“ heisst gibt’s gleich zehnmal nicht?

    Gleiche Frage für „Frontend“. Und warum ist beispielsweise beim Apiomaten bei Frontend eine „o“ eingesetzt? Ich dachte, die haben ein MBaaS und dazu nur ein Client-SDK.

    Außerdem ist die Recherche z.B. bei Appcelerator falsch – die bieten sehr wohl ein recht mächtiges MBaaS Backend an, das man sich auch in der Enterprise-Variante sogar ins unernehmenseigene Rechenzentrum stellen kann.