Mirantis schnappt sich Docker Enterprise – das Ende von Docker Swarm …und noch viel mehr?

  • Mirantis, Infrastruktur und Service Provider für Open Source & Container, übernimmt mit sofortiger Wirkung die Enterprise Sparte der Containertechnologie Docker zu einem nicht genannten Preis
  • Das bringt mächtig Bewegung in den Markt um die Open Source & Cloud Native Tools, die schon längst weg vom Gratismodell und im beinharten Business gelandet sind
  • Für Mirantis steigt die Machtstellung im Wettbewerb enorm, auch wenn Docker zuletzt eher mäßige Erfolge feierte. Nicht Teil des Deals sind Docker Hub und Desktop, mit denen Docker, Inc. zukünftig weiter arbeiten kann.

Für den Markt für Cloud Computing ist die Container Technologie so etwas wie der Turbolader für das Auto. Es bringt einen enormen Leistungsvorteil mit, ohne dass der Motor (die Cloud-Plattform selbst) sich fundamental verändern muss. Dadurch entsteht eine neue Nachfrage und der Umstieg auf das verbesserte Setup. 

Und diese Nachfrage nach dem Turbolader der Cloud ist immens. Laut einer aktuellen Studie von Crisp Research will noch in 2019 knapp ein Drittel der Unternehmen ein Container-Management-Tool à la Kubernetes zumindest für Testzwecke im Einsatz haben. In den kommenden 36 Monaten sind es sogar 93 Prozent, sodass Container für digitale Infrastrukturen zukünftig und nach derzeitigem Stand absolut gesetzt scheinen. Docker Container haben darunter im Moment den größten Marktanteil. Einige Wettbewerber holen jedoch stark auf.

Die Container & Kubernetes Adoption wird zum Standard

 

Kubernetes ist derzeit der Shining Star im Containerumfeld. Alles dreht sich um die Container-Orchestrierungsplattform, die von Google initiiert und nun von einer Open Source Community weiterentwickelt und durch die Cloud Native Computing Foundation vermarktet wird. 

Im ersten Hype-Stadium der Containertechnologie um 2014/2015 war es vor allem die Dockerplattform, die den Markt getrieben und definiert hat. Parallel haben einige IoT Devices mit leichtgewichtigeren LXC Containern experimentiert.  Erinnern Sie sich?

Noch heute gehört Docker zu den wichtigsten Containertechnologien im Cloud-Native-Umfeld, wenngleich der Wettbewerb stärker und die Erfolge der Docker, Inc. hinter der Lösung schwächer wurden. Besonders die OCI basierte open source implementierung der Kubernetes Container Runtime macht den CRI-O Container populär. 

Nach einigen schwierigen Entscheidungen und einem anhaltenden Abwärtstrend geht das Enterprise-Geschäft von Docker, also die Premium-Variante und sämtliches IP dazu, nun für eine nicht näher genannte Summe an den Open Source Service Provider Mirantis. Das hat direkte und indirekte Veränderungen im Cloud Native Markt zur Folge, die nicht unbedeutsam sein können.

Der Deal als solcher – Gewinner oder Verlierer?

Die Eckdaten zum Deal sind nur teilweise bekannt:

  • Docker Enterprise geht mitsamt aller zugehörigen IP und den Teilprodukten Docker Enterprise Engine, der Docker Trusted Registry, der Docker Unified Control Plane und dem Docker CLI an Mirantis
  • Alle etwa 1.000 Docker Enterprise Kunden werden weiterhin unterstützt
  • Für Docker Swarm wird es noch mind. 2 Jahre Support geben, danach wird nach offiziellen Angaben weiter entschieden
  • Mirantis übernimmt alle 300 Docker Enterprise Mitarbeiter (und wächst auf 750 insgesamt)
  • Gemeinsam wird das Docker Enterprise Produkt als Open Source “continuously-delivered container management platform” weiterentwickeln
  • siehe FAQ

Für Mirantis ist es ein Zeichen der Stärke, nachdem sich der Anbieter zuvor mit einer eigenen OpenStack-Plattform selbst verspekuliert hat. Dort wurde fast zu lang auf die Cloud Management Lösung gesetzt, die schlussendlich nicht den erwarteten Durchbruch hatte. Gerade noch rechtzeitig hat Mirantis die Kurve bekommen und ist stärker auf den Container-Zug aufgesprungen – nun mit ersten Ambitionen, den Lokführer zu spielen.

Das Ende der Orchestrierungslösung Docker Swarm heißt Kubernetes & Mirantis – na und?

Eine dieser Schwierigen Entscheidungen war der Umgang mit der Docker-eigenen Management-Lösung Swarm. Gegen die Marktmacht von Kubernetes, dessen Community und Unterstützergruppe im Steilflug wuchs, konnte Docker Swarm nicht gegenhalten. Daher sind beide Lösungen heute auch technisch schon etwas auseinander und Kubernetes aufgrund seiner Variabilität, der zahlreichen Distributionen und dem Backing der Cloud Native Computing Foundation weit vorne.

In der CNCF ist Kubernetes die maßgebliche Technologie für zahlreiche Projekte & Provider

 

Mit dem Deal von Mirantis erhält Docker Swarm nun seinen Gnadenstoß. Das will zwar noch niemand offiziell so sagen und spricht stattdessen von einer langsamen Transitionphase über zwei Jahre, die im Endeffekt aber nichts anderes bedeutet, als ein würdevoller Abschied.

Denn Mirantis, seines Zeichens Lösungsanbieter und Dienstleister für Container-Architekturen in On-Premise, Hybrid und Multi Cloud Umgebungen, setzt ganz klar auf Kubernetes als Orchestrierungslösung. Das wird auch tatsächlich genau so kommuniziert. 

Daher wird es sich nicht lohnen, Docker Swarm langfristig weiter zu unterstützen. Derzeitige Nutzer werden einen Migrationsplan erhalten, der Mirantis zusätzliche Kunden für das gesamte Portfolio bescheren kann. Damit hat Kubernetes einen weiteren Sieg eingefahren und Docker Swarm kann symbolisch für die Erfolgswelle der CNCF-Alternative stehen.

Quelle: https://www.cncf.io/blog/2018/08/29/cncf-survey-use-of-cloud-native-technologies-in-production-has-grown-over-200-percent/

 

Das Ende von Docker könnte Mirantis heißen – wird’s jetzt interessant?

Was aber ist mit der Docker Technologie selbst?

Auch weiterhin gehört Docker einem Anbieter, der sich der Open-Source-Bewegung verschrieben hat und ganz klar auf quelloffene und frei verfügbare Technologie setzt.

ABER…

Dahinter steckt gerade bei Mirantis als Service Provider ein umfangreiches Businessmodell. Wird Docker als Technologie in den Mirantis-Stack integriert, ist die Annahme nicht unbedingt abwegig, dass auch Docker mehr und mehr die Handschrift von Mirantis und nicht mehr nur noch der Community trägt.

Die “kontinuierlich weiterentwickelte Containermanagement- Plattform” wird dann ein Teil des Mirantis Produktstacks sein, der bislang ohnehin ein Mix aus Open-Source-Komponenten verschiedener Anbieter und eigener Lösungen ist. Allerdings wird Docker als zentrale Container-Technologie darin einen ganz besonderen Platz haben und gemeinsam mit Kubernetes die Speerspitze der Plattform bieten.

Quelle: https://www.mirantis.com/software/mcp/

 

Das bedeutet schlussendlich mit großer Wahrscheinlichkeit vor allem zweierlei:

  1. Unternehmen, die mit Mirantis gehen, werden noch stärker von der Docker Lösung im eigenen Ökosystem profitieren und die Lösung noch besser auf die eigene Plattform zugeschnitten bekommen
  2. Unternehmen, die nicht mit Mirantis gehen, müssen womöglich auch auf andere Container-Plattformen setzen, wenn einzelne Releases und Spezifikationen eingestellt oder verändert, sodass sich die Plattform zu stark verändert.

Letzteres läuft grundsätzlich gegen die Aussagen von Mirantis und dem Kernkonzept von Open Source, sodass Mirantis sich auch gehörig daran verbrennen könnte, diesen Schritt zu gehen.

Ebenso ist es jedoch auch möglich, dass Docker tatsächlich weiter wie bisher entwickelt wird und das Docker-Team bei Mirantis alle notwendigen Freiheiten erhält. 

Was heißt das für die Enterprise-IT?

Soll Docker Enterprise möglicherweise zukünftig wieder wachsen, hat Mirantis eine schwere Aufgabe vor sich. Eine Chance für den Erfolg ist dagegen, dass der Business Erfolg nicht mehr vom Produkt alleine, sondern vom Service herum abhängig ist. Ohne Druck auf der kommerziellen Ebene von Docker alleine kann die Technologie auch wieder zu neuer alter Stärke finden.

Die Reaktion der Entscheider, die bislang auf Docker Container setzen oder gerade in der Evaluation ihrer Hybrid Cloud und Container-Orchestration sind, wird besonders spannend sein. Denn dieser Deal ist bereits der zweite Hammer des Jahres in Sachen Cloud-Native und Open-Source. Für ein großes Beben hat bereits die Übernahme von Red Hat durch IBM gesorgt. (Crisp Research analysierte: https://www.crisp-research.com/ibm-schluckt-red-hat-und-riskiert-seine-zukunft/). 

Gewissermaßen ist der Red Hat-Deal der Blueprint für Open Source Unternehmen unserer Zeit. Sie steigen von der Nische zum echten Open Source Schwergewicht auf, bis sie schließlich kommerzialisiert werden und in eine ungewisse (oder zumindest weniger offene) Zukunft gelangen. 

Da auch Docker durch Mirantis entweder noch stärker werden kann oder gar komplett vom Markt verschwindet, ist es für die Entscheider nun an der Zeit, sich auch nach potenziellen Alternativen umzusehen.

Schon zuletzt stand Docker mächtig unter Druck. Denn Kubernetes und die Welt der Containertechnologien ist längst nicht mehr auf den Cloud-Native Container-Pionier angewiesen. Aus dem Kubernetes-Projekt selbst ist beispielsweise CRI-O entstanden. Das Container Runtime Interface (CRI) kommt mit eigenen Kommandozeilenwerkzeugen und kann damit Docker leichtgewichtig ersetzen. 

Für die Entscheider, die in ihren Hybrid Cloud Umgebungen auf Container mit Kubernetes setzen wollen, führen damit einige Wege auch an Mirantis und Docker vorbei. Es kommt darauf an, inwieweit die stärker standardisierte Managed Service Komponente einen Mehrwert bieten kann, oder ob das Cloud und Container Management mehr Freiheiten unterliegen soll. 

Durch diese neue Sortierung könnte auch ironischerweise OpenStack als Cloud Management-Plattform (auf die Mirantis bekanntlich früher erfolglos setzte) wieder eine Chance haben, genutzt zu werden, nachdem die Container ihr kommerzielles Wesen grundlegend ändern.

Docker, Inc. – zurück auf Los

Zur Vollständigkeit soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Docker, Inc. nun ohne die Enterprise-Solution mit den Produkten “Hub” und “Desktop” weiter existiert, sich aber aus den Enterprise-fokussierten Themen erst einmal zurückzieht.

Vielmehr werden Entwickler, vor allem DevOps Engineers und SREs adressiert, die Anwendungen einfach und schlank entwickeln möchten.

Docker Hub und Enterprise sind damit eher auf die Zielgruppe zugeschnitten, mit denen Docker zu Frühzeiten seinen rasanten Aufstieg erlebte. Die Produkte brauchen noch einige Zeit, bis in den Unternehmen ihr Use Case identifiziert wurde. 

Ob Docker diese Strecke gemeinsam mit seiner Community durchhält, ohne erneut in finanzielle Schieflage zu geraten, bleibt abzuwarten. 

Die Kommerzialisierung von Open-Source

Der Deal unterstreicht somit einmal mehr, wie viel ernstes Business hinter der Open Source Community steckt. Das Kubernetes-Ökosystem der Service Provider ist wichtig, um die Enterprise Adoption weiter voranzubringen. Digitale Plattformen und Infrastrukturen können fast ausschließlich existieren, weil eine Gruppe erfahrener DevOps und Cloud Native Service Provider existiert, die sich der Anwendungs- und Infrastrukturmodernisierung annimmt und diese am Ende auch erfolgreich betreiben kann. Allgemein steigert sich die Bedeutung von Kubernetes und Cloud Native Managed Service Providern beinahe täglich.

Unmittelbar befeuert der Mirantis-Docker-Deal die Adoption von Container-Lösungen und insbesondere Docker noch weiter. Doch in Zukunft muss Docker, gerade durch diesen Deal, nicht die einzige bedeutsame Container-Technologie am Markt bleiben. 

Der abgelaufene Rang durch Kubernetes als höherwertige Managementplattform hat gezeigt, wie stark die Community ist und welche Veränderungen im Markt in kürzester Zeit möglich sind.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Cloud Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead bei Crisp Research. Als Cloud Practice Lead leitet er alle Research- und Beratungsaktivitäten zu den Themen Cloud-Architektur, Cloud-Native Technologies, Managed Cloud Services, Digital Workplace und Mobility.

Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG. Maximilian Hille studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.

Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Platforms, Cloud Architecture Design, Hybrid & Multi Cloud Computing, Cloud-Native Architectures, Digital Workplace, Collaboration, Enterprise Mobility und Mobile Business. Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.