Microsofts Kurswechsel – Nadellas Stempel oder lange geplant?

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Microsofts CEO Satya Nadella die klassischen Werte von Microsoft kurzerhand verwirft und mit einer eigenen Strategie neue Zeichen setzen möchte. Die Öffnung für fremde Plattformen, die Attraktivitätssteigerung der Produkte über den Preis und auch die „Mobile-First“ und „Cloud-First“-Strategie sind eindeutige Indizien dafür, dass sich bei Microsoft derzeit einiges ändert. Ein wohl eher zufälliges Paradebeispiel dafür ist beispielsweise das Ende des Windows-XP-Supports, was gleichbedeutend mit dem Ende einer kleinen Ära ist.

Viele Jahre lang konnte Microsoft mit Recht von sich behaupten, das Maß der Dinge gegenüber der Konkurrenz zu sein. Doch mit der Zeit sank nach und nach die Fähigkeit des Konzerns, die Trends selbst zu setzen. Innovative Technologien, der rasante Aufstieg von Cloud Computing und die Smartphone-Ära haben Microsoft teilweise die eigenen Grenzen aufgezeigt. Die Folge war, dass man lange Zeit mit der Reaktion auf diese Entwicklungen beschäftigt war. So war beispielsweise Microsoft Azure als Public Infrastruktur-Service in der Lage zum Marktführer Amazon Web Services Boden gutzumachen. Nicht zu vernachlässigen sind hierbei ebenfalls die unterschiedlichen Deployment-Modelle. Neben IBM ist Microsoft derzeit der einzige Anbieter, der sowohl Public, Private und Hybrid Szenarien anbieten kann.

Mit Office 365 hat man dagegen sehr lange gebraucht die Akzeptanz der Anwender wirklich zu wecken. Der neue Weg für Office 365 ist die Multi-Plattform-Fähigkeit. Die Ankündigung, Office ab sofort auch für das iPad verfügbar zu machen, verbreitete sich beinahe wie ein Lauffeuer. Dahinter steckte aber weniger ein Goody für die User, sondern vielmehr die Einsicht, dass nicht-multiplattformfähige Lösungen nicht mehr am Markt bestehen können. Darüber hinaus wird Office 365 nun noch ein deutliches Stück mehr „social“. Yammer und weitere Features erhalten nun Einzug in das Produkt. Crisp Research geht davon aus, dass Microsoft die Userzahlen für Office 365 dadurch im B2B-Umfeld bis 2015 deutlich steigern kann.

Die Offenheit, der Microsoft sich offenbar nun verschrieben hat, wird auch darin unterstrichen, dass man zum Ende des letzten Jahres dem Open Compute Project beigetreten ist. Somit wird dieses Thema nicht nur als einfacher Marketingeffekt, sondern auch auf der Technologieebene mit Nachdruck verfolgt.

Offenbar reagiert Microsoft nach wie vor auf die Konkurrenz und die Bedürfnisse der Anwender. Doch im Unterschied zu anderen Anbietern, die dabei häufig ihr Gesicht verlieren, schafft es Microsoft häufig, aus der Reaktion auch eine Aktion zu machen.

Die Notwendigkeit, die oben beschriebenen Strategiewenden vorzunehmen, war nicht mehr zu umgehen. Doch Microsoft schafft es, aus dieser Stellung als der gefühlte Sieger hervorzugehen. Nicht nur eine Verknüpfung bestehender Dienste, sondern vor allem die Weiterentwicklung einzelner Komponenten überspielt häufig Microsofts zeitlichen Nachteil.

Jüngstes Beispiel dieses Phänomens ist  die intelligente Sprachassistentin Cortana. Die Konkurrentin von Apples Siri und Google Now basiert auf dem Suchmaschinendienst Bing, der ebenfalls einen schweren Stand besitzt. Allerdings verspricht Cortana, die etwa zweieinhalb Jahre nach Siri zum Leben erweckt wurde, nach überwundenen Beta-Schwierigkeiten zur Klassenbesten aufzusteigen. Voraussetzung dafür ist, dass die angekündigten Funktionen, vor allem die verbesserte künstliche Intelligenz, die in dieser Form die Konkurrenz deutlich abhängen würde, nicht in Rauch aufgehen, sondern tatsächlich die konsequente Umsetzung erfahren, der sie bedürfen. Die Integration verschiedener Microsoft-eigener und –fremder Dienste sowie das erwartete, deutlich umfangreichere Feature-Spektrum könnten an dieser Stelle erneut der Beweis sein, dass lange Anlaufzeiten manchmal erfolgreiche Ergebnisse hervorbringen.

Doch wer steckt hinter diesen Neuerungen? Der neue CEO Satya Nadella steht demonstrativ für die neuen Werte und Trends und hat an wesentlichen Stellen auch das Führungsteam neu geordnet. Doch tatsächlich bleibt es dabei, dass dieser Umschwung nicht aus genialen Einfällen eines einzelnen entstanden ist, sondern eher genau das abdeckt, was sich aktuell um Microsoft herum abspielt. Sowohl im Consumer-, aber auch im Business-Umfeld setzt man die Trends nicht selbst, man setzt sie lediglich erfolgreich um.

Darüber hinaus ist Microsoft kein Konzern, welcher seine strategischen Entscheidungen innerhalb von zwei Monaten umwerfen und umsetzen kann. Daher ist es tatsächlich eher so, dass Satya Nadella nun das umsetzen darf, was Steve Ballmer lange Zeit eingeleitet hat.

Nichtsdestotrotz zeigt Microsoft, dass es sich immer weiter entwickeln kann, ohne selbst der Innovator zu sein. Es kann gut sein, dass diejenigen, die Microsoft frühzeitig abgeschrieben haben, Lügen gestraft werden.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Cloud Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead bei Crisp Research. Als Cloud Practice Lead leitet er alle Research- und Beratungsaktivitäten zu den Themen Cloud-Architektur, Cloud-Native Technologies, Managed Cloud Services, Digital Workplace und Mobility.

Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG. Maximilian Hille studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.

Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Platforms, Cloud Architecture Design, Hybrid & Multi Cloud Computing, Cloud-Native Architectures, Digital Workplace, Collaboration, Enterprise Mobility und Mobile Business. Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.