Microsoft´s Cloud Transformation – Zurück zu alter Stärke

Microsoft diente in den letzten Jahren gern als Prügelknabe der Analysten und Presse. Zu langsam vollziehe das Unternehmen die eigene Cloud-Transformation, die von den Partnern und Kunden so vehement eingefordert wird. Doch wie steht es kurz vor Beginn des neuen Geschäftsjahres? Welche Rolle wird Microsoft im Cloud-Business in den kommenden Jahren spielen?

Beim Blick zurück stellt man fest, dass Microsoft einige Riesenbaustellen hat aufmachen müssen, um das Unternehmen vom klassischen Software-Lizenzgeschäft in die Cloud Service-Welt zu überführen. Für viele Marktbeobachter schienen die Herausforderungen nahezu unüberwindbar und Microsoft als einer der Verlierer des großen Cloud-Hypes – immer auf der Suche nach Anschluss an Salesforce, Google und AWS. Doch verhält es sich wirklich so? Wer wird in der kommenden Phase des Enterprise-Cloud Computing die Nase vorn haben?

Vom Cloud-Hype zum Enterprise-Cloud Computing

Nach einer Inkubations- und Testphase in den Jahren 2008 bis 2013 ist Cloud Computing mittlerweile in der Unternehmensrealität angekommen. Und diese stellt deutlich höhere und komplexere Anforderungen an die Cloud-Lösungen der Anbieter und ihrer Partner. Konnten in den vergangenen Jahren SaaS-Anbieter relativ leicht mit kleinen Nutzerzahlen in den Unternehmen Fuß fassen, so steht nun der unternehmensweite Rollout neuer Cloud-Lösungen und deren Verzahnung mit den Backendsystemen und bestehenden Applikationslandschaften (ERP, CRM etc.) an. Und hier stoßen viele der reinen Public Cloud-Anbieter (Salesforce, AWS, Google) an ihre Grenzen. Diese sind seit kurzem bestrebt, als Enterprise-IT-Anbieter wahrgenommen zu werden und gehen strategische Partnerschaften mit den etablierten IT-Vendors ein (z.B. Salesforce/Microsoft oder Salesforce/T-Systems). Nur so haben sie eine Chance, auch hybride Cloud-Umgebungen zu unterstützen und die Anforderungen klassischer Unternehmenskunden erfüllen zu können.

Es zeigt sich deutlich, dass das schnelle Wachstum mit den reinen „Self Service“ Cloud-Diensten nur noch über Partner realisieren lässt, die auf diesen Plattformen aufsetzend, daraus Managed Services bauen. Denn die Anforderungen der Kunden werden komplexer. Die Cloud-Workloads unternehmenskritisch. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine stand-alone Webapplikation auf einer Cloud-Plattform noch als großer Erfolg gefeiert werden konnte. Das ist mittlerweile Standard.

Die kommenden Jahre werden von folgenden Trends bestimmt:

  1. Hybride Cloud-Umgebungen werden zum de-facto Standard
  2. Einheitliches Identitäts- und Sicherheitsmanagement für multiple SaaS-Dienste
  3. Einheitliche Enterprise Mobility-Konzepte zur Nutzung von Unternehmensanwendungen auf mobilen Endgeräten
  4. Umstellung der Softwareentwicklung in Richtung DevOps und agiles Programmieren

Cloud-OS – Richtige Antwort auf die hybride Cloud-Welt

Gemessen an den oben skizzierten Anforderungen befindet sich Microsoft im Jahr 2014 in einer sehr guten Ausgangslage. So können derzeit nur sehr wenige andere Player ihren Kunden ein so umfassendes Cloud-Technologie- und Service-Portfolio in nahezu allen Deploymentvarianten (Private, Public, Hybrid, Partner-hosted) bieten. Innerhalb des Microsoft-Universums kann der Kunde jetzt frei wählen, nach welchem Modell und vor allem in welchem Datacenter er seine Cloud betreibt. So lässt sich beispielsweise die Microsoft PaaS-Technologie nun auch in einer Hosted Variante (Azure Pack) bei lokalen Partner vor Ort nutzen – ein großer Vorteile für viele deutsche ISVs und Anwender. Zwar ist die Cloud-OS-Story komplex und der Produkt-Pitch gegenüber Partnern und Kunden nicht ganz einfach. Trotzdem ist Cloud-OS die richtige Antwort auf die Fragen der hybriden Cloud-Realität.

Aus dieser Perspektive ist auch die kürzlich verkündete Partnerschaft mit Salesforce zu werten. Die engere Verzahnung des Salesforce-CRM mit den Office- und Collaboration-Lösungen von Microsoft zeigt, wie wichtig die Interoperabilität verschiedenere Cloud-Anwendungen und -Anbieter für die CIOs mittlerweile ist.

 

MS Carlo Blogpost

Azure 2.0 – Eine Cloud-Plattform reift heran

Von der Ursprungsidee – eine vollintegrierte Betriebsumgebung maßgeblich für .NET-Anwendungen bereitzustellen – ist nicht mehr viel übrig geblieben. Und das ist gut so. Denn heute bildet die Microsoft Azure-Plattform eine der vielseitigsten und leistungsstärksten Compute-Plattformen (IaaS + PaaS) für Entwickler, Integratoren und Unternehmenskunden. Microsoft hat erkannt, dass Offenheit die Grundlage für ein funktionierendes Ökosystem ist. So werden auf Microsoft Azure mittlerweile nicht nur alle relevanten Programmiersprachen und IDEs unterstützt sowie virtuelle Maschinen mit Linux als Betriebssystem angeboten. Durch eine Vielzahl an strategischen Partnerschaften schafft Microsoft seinen Kunden Freiräume für den reibungslosen und zertifizierten Betrieb weit verbreiteter Infrastruktur-Technologien (z.B. MongoDB, Hadoop) und Business-Lösungen, wie z.B. Oracle Datenbanken und SAP-Anwendungen.

Zu den Meilensteinen der letzten Jahre zählen:

  • Erweitertung der Platform um IaaS (April 2013)
  • Bereitstellung von Hadoop auf Azure unter „HDInsight“ (Oktober 2013)
  • Betrieb von Oracle Datenbanken auf Azure (März 2014)
  • Vorstellung einheitlicher, Azure-basierter  Identity Management und Mobile Device Management Services unter „Enterprise Mobility Suite“ (April 2014)
  • Direkte Azure-Anbindung mittels ExpressRoute für hybride Enterprise-Clouds (April 2014)
  • Zertifizierter Betrieb von SAP-Applikationen in der "SAP Cloud Appliance Library" (Mai 2014)

Die Lösungsvielfalt und hybriden Betriebsszenarien machen die Azure-Plattform zu einer der interessantesten Alternativen für Partner und Anwender. Zwar erfordert die Komplexität der Plattform einiges an Know-How. Dafür hat Microsoft einige der dringenden technischen Probleme der Anwender z.B. bei der Verwaltung von Nutzern (umfassender Integration von Active Directory) gelöst.

Cloud-PS auf die Straße bringen – Neue Partner-Offensive

Nachdem Microsoft den Partnern in den ersten Jahren des Cloud-Hypes nicht diejenige Aufmerksamkeit geschenkt hat, die notwendig gewesen wäre, so hat sich dies nun ins Gegenteil verkehrt. Microsoft wird im kommenden Geschäftsjahr einen Großteil seiner Mittel in die Unterstützung der über 20.000 Partner investieren. Dies ist auch dringend geboten. Denn anders lässt sich die umfängliche Microsoft Cloud-Story nicht bis zum Anwender tragen. Die Partneroffensive wird auch anhand organisatorischer Veränderungen deutlich. Mit der Ernennung von Kai Göttmann zum Senior Director Partner Sales (ehemals Leiter Server & Platforms) sowie Carsten Heimrich (Marketing) und Bernd Stopper (Leiter CSP) steht ein sehr „cloud-erfahrenes“ Management-Team den Partneraktivitäten vor. Da der Anteil an direkt bei den Cloud-Providern bezogenen Services in Deutschland derzeit noch bei unter 20% liegt, spielen die Partner die entscheidende Rolle beim Kampf der Budgets in den kommenden Jahren.

Bing – Geheimwaffe im Kampf gegen den Information Overload

Neben dem breiten Portfolio und seiner großen Partner-Basis verfügt Microsoft zudem über Technologien, die sich im Laufe der kommenden Jahre als Differenzierungsmerkmal herauskristallisieren könnten. Zu diesen zählt die hausinterne Suchtechnologie Bing, die in der Cloud-Diskussion meist unter den Tisch fällt.

Nach Einschätzung von Crisp Research wird Bing in den kommenden 2-5 Jahren zu einem der zentralen USPs von Microsoft gegenüber anderen Cloud-Providern. Denn nach der Phase der Cloud-Integration und Implementierung von Social Collaboration und Enterprise Mobility-Konzepten wird die Steuerung der Informationsflut im Unternehmen zur absoluten „Key Challenge“ für CIOs und Top Executives. Derzeit steigt die Anzahl der Applikationen, Geräte und Kommunikationskanäle pro Anwender noch dramatisch an. Durch Verzahnung der Apps und Kommunikationskanäle (Stichwort Unified Communications) steigt die Informationsdichte und Kommunikationsfrequenz weiter an. Ohne leistungsstarke Suchtechnologien und intelligentes Kontext-Management werden die Wissensarbeiter in den Organisatoren in der Vielzahl an Informationen und Reizüberflutung ersticken. Schon heute liegt die Aufmerksamkeitsspanne („Arbeiten ohne Störung“) bei unter 10 Minuten.

Microsoft verfügt mit Bing über eine Such- und Recommendation-Engine, die in der Lage ist, die Produktivität der Anwender in der neuen Wissenswelt auf einem gesunden Niveau zu halten oder gegebenenfalls noch zu steigern. Falls es Microsoft gelingt, Bing entsprechend weiterzuentwickeln und in sein komplettes Lösungsportfolio zu integrieren, dann gibt es in dieser Liga mit IBM („Watson“) und Google nur noch zwei ernsthafte Konkurrenten. Die Suchtechnologien spielen aber nicht nur beim Produktdesign der neuen Collaboration-Services eine wichtige Rolle. Auch Webapplikationen und Analytics-Dienste werden ohne leistungsstarke Such- und Recommendation-Funktionen nur noch schwer auskommen.

Re-Frame Microsoft – vom Prügelknaben zum Wunderkind?

Die hier angestellte Betrachtung fokussiert einseitig auf die Stärken und Chancen von Microsoft im Zeitalter des Enterprise-Cloud Computing. Immer unter der Voraussetzung, dass Microsoft keine strategischen Fehler begeht. Aber rund 5 Monate nach Antritt von Satya Nadella als neuem CEO sieht alles danach aus, als ob Microsoft verlorenes Terrain zurückerobern und in den neuen Marktsegmenten dynamisch wachsen kann. Selbst wenn das Cloud-Business die üppigen Erträge aus dem klassischen Lizenzgeschäft vergangener Tage mittelfristig nicht komplett kompensieren, so liegt im Cloud-Business dennoch die Zukunft für Microsoft. Und für diese scheint Microsoft mittlerweile gut gerüstet.

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.