Leonardo IoT: SAP spielt mit dem Vertrauen seiner Kunden

  • SAP claimt mit Leonardo ein breites Spektrum von IoT-Diensten
  • Lernen Sie, welche Leonardo Dienste für Sie interessant sein können
  • Was ist der Haken an SAP’s Edge-Strategie?
  • Welche Alternativen haben SAP Anwender?

SAP hat gestern in Frankfurt eine signifikante Erweiterung seines IoT-Portfolios unter dem Namen SAP Leonardo mit folgenden Elementen angekündigt:

  • SAP Leonardo IoT Bridge, ein konfigurierbares Dashboard für Operations-Manager, das IoT-Daten in Echtzeit und Kontext zu anderen Daten aus SAP Anwendungen darstellt.
  • SAP Global Track and Trace, ein cloud-basiertes Angebot für die Ende-zu-Ende Verfolgung von Dingen entlang von Supply- und Process-Chains.
  • SAP Leonardo IoT Edge, eine Software, die die Möglichkeit zur Berechnung und Speicherung von Daten sowie Business Semantic aus der Cloud in intelligente Geräte “on the Edge” bringt.
  • SAP Digital Manufacturing Insights, eine zentrale, cloud-basierte Lösung im Bereich Manufacturing Performance Management.
  • SAP Asset Manager, eine cloud-basierte mobile Anwendung zum Verwalten von Assets einschließlich Zustand, Inventory, Maintenance und Sicherheit.

Soweit das SAP Marketing. Crisp Research recherchiert tiefer. Dabei stellt sich das aktuelle Leonardo-Announcement als eher vage Ankündigung heraus. SAP versucht damit einen Wert in allen Bereichen der IoT-Welt zu claimen. Bis hin zur Edge, wo (non-contraint) Gateways mit noch kleineren (constraint) Sensoren reden. Keine Frage, dass der Kontext zwischen Sensordaten und der transaktionalen Welt in der klassischen SAP Anwendung einen immensen Wert für viele Kunden darstellt, aber ist SAP die richtige Wahl um die IoT-Welt mit der bisherigen SAP Domäne zu verbinden?

Wir schauen uns die Announcements - von Produkten kann man ja in den meisten Fällen noch nicht reden - im einzelnen an:

  • SAP Leonardo IoT Bridge - Eine gute Strategie. Wie Elvira Wallis, einer der besten Produktstrategen im Hause SAP, in ihrem Blog geschrieben hat, gibt es einen großen Bedarf für Echtzeit Visualisierung von IoT-Daten im Kontext der rechtlichen SAP Anwendungen und ihrer Daten. Auch wenn anderen Firmen wie Google und AWS inzwischen ihre neuen Produkte über einen Blog ankündigen, ist das hier von SAP ein reiner Marketing Pitch. Keine Spezifikation, Architektur, GA-Date, Pricing - einfach ein vager Claim. Kaum verbindlich und eher eine Enttäuschung.
  • SAP Global Track and Trace - Supply Chain ist SAP Domaine. Hier ist SAP zuhause und es ist offensichtlich, dass Echtzeit-Informationen aus dem Feld genau das sind, was vielen Track ’n Trace Lösungen gefehlt hat. Mit dem In-Memory Hana-Backend ist SAP jetzt ja auch in der Lage mit einem großen Event-flow von RFIDs oder GPS-Trackern umzugehen. Ob Kunden aber Leonardo IoT Edge benutzen sollen, um diese Sensordaten zu aggregieren, steht auf einem ganz anderen Blatt.
  • SAP Leonardo IoT Edge - Dünnes Eis für SAP. SAP’s Stärke sind große Enterprise-Systeme und inzwischen zunehmend auch Cloud-Plattformen. Gleichzeitig hat SAP erkannt, dass nicht jeder kleine Sensor an einer Maschine, in einem Raum oder in einem Fahrzeug direkt mit der Cloud reden kann und sollte. Lokale Aggregation, Vorverarbeitung, oder Pufferung falls das Device Offline ist, benötigen einfach in vielen Fällen Edge-Gateways. Oft müssen diese Gateways zunächst einmal Feld-Protokolle wie Zigbee, KNX, Bluetooth, Modbus und viele industrielle Varianten in IP-Kommunikation zum Beispiel auf MQTT umsetzen. SAP schweigt sich dazu aus und kommt selbst auf seiner Leonardo IoT Edge Produkt-Seite nicht viel unter den Marketing Level. Selbst wichtige Elemente, wie eine Digital-Twin-Strategie fehlen auf dem Marketing-Level. Nach der Cloud-Decade, erwarten jetzt in der “IoT Decade” nicht nur Kunden, sondern auch Entwickler, die die POCs in vielen Digitalisierungsprojekten treiben, eine direkte Verfügbarkeit. AWS Greengrass oder Azure IoT Hub sowie zahlreiche Open-Source Alternativen sind real - besonders für Entwickler, die eher kein Marketing verdauen möchten.
  • SAP Digital Manufacturing Insights - Gorilla Game um Industrie 4.0. Hier muss SAP seinen PLM-Marktanteil verteidigen. PTC mit seinem ganzen Portfolio um Thingworx oder GE mit Predix bieten schon lange den Baukasten, um das "ERP der Fertigung" bei Kunden zu realisieren. Beide - PTC aus dem CAD und GE selbst als Hersteller und Betreiber von Industrieanlagen - haben einen Vorsprung. Sie sammeln schon seit Jahren Daten von Devices und verstehen IoT bis zum Edge. SAP muss das erst von seinen Kunden lernen.
  • SAP Asset Manager - Jetzt erst als Mobile App? SAP kennt die meisten Assets in Unternehmen oder Gebäuden, da sie zum Beispiel über eine SAP-Transaktion beschafft wurden. Leider gehen oft die wichtigen Metadaten verloren. Also wo genau etwas zum Beispiel verbaut wurde. Hier ist eine Mobile App eher überfällig. Der Markt ist daher immer noch weit offen für intelligente Nischenanbieter, die bestimmte Use-Cases im Assetmanagement perfekt abbilden, wie zum Beispiel die Firma Syfit, die als Spin Off eines Industrieunternehmens die Prozesse sehr gut versteht.

SAP Leonardo Edge Services on the SAP Cloud Platform Gateway
Quelle: SAP

Indirekte Datennutzung von SAP Daten schreckt den IoT Kunden ab

SAP kommt ja von einer Benutzer-basierten Lizenz-Welt. Seit den ersten e-Commerce-Systemen vor 18 Jahren tut sich SAP mit anonymen Benutzern schwer und hat viele Kunden durch maßlose Lizenz-Nachforderungen vergrault. Erst die Übernahme von Hybris konnte die Kultur in dem Umfeld bei der SAP verändern. Trotzdem ist die Diskussion über secondary-data-use gerade wieder entflammt. Was passiert, wenn in einem Industrie-4.0-Szenario ein Lieferant über APIs auf das SAP System seines Kunden zugreift? SAP öffnet sich technisch immer besser, lässt Kunden aber im unklaren über die Lizenzsituation und fordert Lizenzen nach, wenn Anwendungen auf den offenen Architekturen entstanden sind. Jetzt fragen sich natürlich die SAP Kunden, die das im e-Commerce-, dann im Supply Chain-, und jetzt nochmal im Industrie 4.0-Kontext erlebt hatten, ob sie all ihre IoT-Sensor-Daten und IoT-Aktor Interfaces zu “SAP Daten” machen wollen, indem sie ein SAP Platform Gateway verwenden. Hier bedarf es klarer Aussagen im Marketing und verlässliche, öffentlich zugängliche Verträge, die wieder Vertrauen aufbauen.

Ist Leonardo Ready for Prime-Time?

SAP Leonardo ist ein Portfolio Ansatz aus vielen Ankündigungen, bestehenden Produkten, die in den IoT-Kontext gebracht wurden und letztlich ein paar neuen Produkten, die für IoT Devices- und den IoT-Business-Kontext entwickelt wurden oder werden. Im einzelnen empfiehlt Crisp Research heutigen SAP Anwendern folgendes:

  • SAP Leonardo IoT Bridge - auf Produktverfügbarkeit warten und APIs anschauen
  • SAP Global Track and Trace - unbedingt in der Fertigung und Logistik anschauen
  • SAP Leonardo IoT Edge - AWS & Azure und Opensource sind im Moment besser
  • SAP Digital Manufacturing Insights - anschauen, wenn Sie schon auf S4/Hana sind
  • SAP Asset Manager - erst Prozesse und Benefits, dann alle Anbieter anschauen

Auch wenn sich die meisten SAP Anwender schon denken können, wo SAP seinen Wert hat und wo nicht, versucht der Global  Player mit dem Leonardo Announcement erst einmal alles zu claimen. Leider fehlt soviel Essenz, dass ein Chief Digital - oder Chief Innovation Officer nicht auf die Verfügbarkeit von SAP’s IoT Produkten warten sollte, solange verlässliche und öffentliche Aussagen zur Verfügbarkeit, GA, Public Beta, First Customer Shipment und besonders Pricing und Lizenzbedingungen fehlen.

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Über den Autor:

Principal Analyst & IoT Practice Lead

Stefan RiedDr. Stefan Ried – IoT Practice Lead, Principal Analyst – is responsible for the research and consulting activities covering IoT and modern platform architectures. Stefan Ried worked previously at Unify, a global communications and collaboration vendor as CTO. Graduated in Physics with an PhD at the Max Planck Institute, Germany, Stefan brings 20 years of experience in senior positions in software development, product management and marketing from international vendors to Crisp Research. His experience includes two software startups and major players including SAP and Software AG. Over 7 years at Forrester Research, Stefan lead the cloud platform research globally as a Vice President.