It’s the product, stupid!

Bereits vor wenigen Wochen haben wir an dieser Stelle feststellen müssen, dass die großen Innovationen auf dem Smartphone-Markt sukzessive zurückgehen.  Neue Denkweisen zu finden fällt vielen Anbietern im Kampf um Marktanteile im Moment sehr schwer.

Die jüngsten Neuerungen und Erwartungen zeigen, dass der Smartphone und Mobility-Markt erste Lähmungserscheinungen aufweist. Die Unternehmen tun sich offensichtlich schwer mit wirklichen Innovationen. Apples einzige Innovation der letzten Präsentation war es, das iPhone 5c in eine Plastikhülle zu verpacken und damit eine Begründung gefunden zu haben, das iPhone 5s preislich höher zu positionieren. Samsung hat dem neusten Modell der Galaxy-Serie ein gebogenes Design verpasst, welches dem Nutzer fortan den Tastendruck durch eine Wipp-Bewegung des Telefons zur Abfrage des Home-Screens ersetzt und damit ebenfalls nicht wirklich den Markt revolutioniert.

 Crisp Marketanalysis Smartphone

Genau dieser Trend zeigt sich auch auf den Finanzmärkten. Analog zu den insgesamt eher dürftigen Produktneuheiten der Hersteller sank auch das Vertrauen des Marktes. So haben alle führenden Unternehmen im Smartphone-Umfeld deutliche Kursverluste seit Jahresbeginn verzeichnet.

Umso erfreulicher ist es, dass in dieser Gruppe doch mindestens ein Unternehmen zu finden ist, welches es tatsächlich geschafft hat, mittels neuer und guter Produkte sich aus einem tiefen (selbstgeschaufelten) Tal nach oben zu kämpfen. Mit dem Schachzug Microsofts, sich für 5,5 Mrd. € die gesamte Mobiltelefonsparte von Nokia zu kaufen, gelang es dem Unternehmen gleich mehrere Löcher zu stopfen.

So schaffte es Nokia mit der Lumia-Serie Produkte nach dem individuellen Bedarf der jeweiligen Zielgruppe zu kreieren. Diese Strategie erscheint in dem aktuellem Marktumfeld erfolgsversprechender, als der Versuch ein „Superphone“ für alle Zielgruppen und Einsatzzwecke zu entwickeln.

Die Zeit der großen Innovation ist auf dem Smartphone-Markt offenbar vorerst vorbei. Auch wenn Apple und Samsung stellvertretend für eine ganze Gruppe von Anbietern dem Kunden nach wie vor mit Marketing-Tricks vorgeben möchte, jedes Quartal Quantensprünge machen zu können.

Sowohl Nokia, wie auch Microsoft, haben ereignisreiche Jahre im Mobilfunk-Geschäft hinter sich. So gab es sicherlich nicht wenige Experten, die den beiden Unternehmen ein Scheitern in diesem Markt vorhergesagt haben. Gerade noch zur richtigen Zeit haben sie erkannt, dass Sie mit einer strategischen Partnerschaft und wirklich guten, konkurrenzfähigen Produkten am Markt bestehen können. Mit der Nokia-Übernahme nimmt Microsoft den Druck vom finnischen Handy-Hersteller und zeigt, dass das Windows Phone und damit auch das Thema Mobility in Zukunft zu den Kernthemen von Microsoft gehören sollen. Und bei konsequenter weiterer Umsetzung ist es auch durchaus möglich, die vielen Untergangspropheten Lügen zu strafen.

Der 22. Oktober wird für die Branche ein wichtiger Tag. Microsoft, Nokia und Apple haben an diesem Tag größere Events zur Vorstellung neuer Hardware geplant. Apple versucht sich, nach der etwas enttäuschenden September-Performance mit dem iPhone, noch einmal mit MacBook Pro und einem neuen iPad zu rehabilitieren. Allerdings gehen die Erwartungen zumindest beim iPad eher in die Richtung „iPad 4s“, mit technischen Parallelen zum iPhone 5s. Das heißt, es wird kein komplett neues Produkt geben, sondern vielmehr ein weiteres Derivat.

Schlanker und effizienter will es Microsoft gestalten. Hinter dem Slogan versteckt sich das Surface 2, Microsofts Hybrid-Tablet, welches am 22. Oktober offiziell den Verkaufsstart antritt. Nach Angaben von Microsoft selbst deuten die aktuellen Vorbestellungen auf einen Erfolg hin.

Erfolg scheint auch der Weg von Nokia zu heißen. Zugegebenermaßen gab es vor wenigen Jahren auch wenig Potenzial nach unten, aber die neue Strategie unter dem Dach Microsofts scheint gut durchdacht.

Auf der letzten offiziellen Nokia World (und gleichzeitig der ersten mit Mutterkonzern Microsoft) sollen gleich mehrere Produktreihen im Fokus stehen. Erwartet wird, dass Nokia an diesem Tag ein Phablet mit dem Namen Lumia 1520, das erste Windows Tablet Lumia 2520 sowie vier neue Smartphone-Modelle für alle Einsatzszenarien und Preiskategorien vorstellt. Auch ein Service mit dem Namen Nokia Storyteller, der insbesondere Fotos und Orte aufbereiten und visualisieren soll, gilt als wahrscheinliches Novum auf der Nokia World.

Mit den exakten Spezifikationen der Hardware verhält es sich noch sehr undurchsichtig.

 

Gelingt es Microsoft und Nokia weiterhin, dem Druck der Android- und iOS-Smartphones Stand zu halten und mit guten, auf die Anforderungen des Kunden zugeschnittenen Neuerungen im Betriebssystem und Hardware-Bereich daherzukommen, ist die Allianz in Zukunft ein absolut ernster Konkurrent für die zwei Platzhirsche.

Langfristig werden auch die Marktführer nicht zuletzt aufgrund des Drucks seitens der Anwender dazu genötigt werden, die eigene Innovationsmaschine wieder etwas kompromissloser zu pflegen und der Welt tatsächliche Neuerungen zu präsentieren. Je länger die scheinbare Lethargie der Konkurrenz anhält, desto einfacher kann Microsoft mit Nokia den Neustart wagen. Jetzt oder nie!

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Über den Autor:

Senior Analyst & Cloud Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead bei Crisp Research. Als Cloud Practice Lead leitet er alle Research- und Beratungsaktivitäten zu den Themen Cloud-Architektur, Cloud-Native Technologies, Managed Cloud Services, Digital Workplace und Mobility.

Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG. Maximilian Hille studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.

Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Platforms, Cloud Architecture Design, Hybrid & Multi Cloud Computing, Cloud-Native Architectures, Digital Workplace, Collaboration, Enterprise Mobility und Mobile Business. Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.

One Response to “It’s the product, stupid!”

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    ThorstenK

    Unterschätze nie Microsoft. Gerade MS Office, das auf iOS und Android gleichermaßen quasi fehlt – abgesehen von einigen Apps, die eher durch interessante Bedienkonzepte hervorstechen als durch MS-Office-Kompatibilität – ist ein deutliches Plus, wenn es um Geschäftgeräte im Bereich Tablets und Smartphones geht. Ob die MS Nokia auch im Consumer-Gewässer erfolgreich navigieren kann, bleibt indes abzuwarten.