IaaS & PaaS: Die Oracle Cloud Platform auf dem Prüfstand

Im Rahmen von Multi-Cloud-Szenarien spielen Public Cloud-Umgebungen eine zentrale Rolle. Schließlich stehen Sie sinnbildlich für die Digitale Transformation und erlauben Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle von der technischen Seite kommend zu verändern und die dafür notwendigen Prozesse anzupassen oder neu zu definieren. Für IT-Entscheider stellt sich damit die Frage, welcher der Public Cloud-Anbieter auf die Shortlist gehört. In diesem Analyst View werden die Cloud-Angebote der Oracle Cloud - IaaS und PaaS - betrachtet, die unter deutschen mittelständischen Unternehmen noch praktisch keine Bedeutung haben, wenn es darum geht, ein Teil der Cloud-Strategie zu sein.

Public-Cloud-Anbieter_Oracle

Das Oracle Cloud-Platform Portfolio

Oracle fasst sein Cloud-Angebot unter der Oracle Cloud zusammen und versucht hierunter ein umfangreiches Portfolio zu schnüren, um den gesamten Cloud-Stack zu bedienen. Neben SaaS-Lösungen für HCM, ERP, CX, SCM und EPM spielt der Bereich Data-as-a-Service (DaaS), also Oracles Kerndisziplin, eine besondere Rolle.

Oracles Cloud-Strategie liegen zwei Ziele zu Grunde:

  • Konsistenz: Jede Oracle Software soll zukünftig ebenfalls als Cloud-Service verfügbar sein.
  • Hybrid: Auf Basis eines von Oracle definierten Standards sollen Kunden in die Lage versetzt werden, sämtliche Oracle Cloud-Angebote ohne Einschränkungen sowohl in der Public als auch in einer Private Cloud zu betreiben und somit Workloads nahtlos verschieben zu können.

Zur aktiven Unterstützung der hybriden Strategie hat Oracle die Private Cloud Machine veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um einen physikalischen Server, auf dem der identische IaaS- und PaaS-Stack, den Oracle in seiner Public Cloud verbaut, befindet. Die Private Cloud Machine wird im eigenen Rechenzentrum eines Kunden installiert und in einem Managed Private Cloud-Modell von Oracle verwaltet und ständig aktualisiert.

Oracle Cloud: Infrastructure-as-a-Service

Seit 2014 ist Oracle mit einem Infrastructure-as-a-Service (IaaS) Angebot am Markt. Die Cloud-Services werden über 19 weltweit verteilte Rechenzentren ausgeliefert. Für den deutschen Markt betreibt Oracle zwei Rechenzentren in Deutschland. Ein Primäres in Frankfurt und ein Backup-Rechenzentrum in München, womit sich eine Georedundanz innerhalb von Deutschland aufbauen lässt. Allerdings sei angemerkt, dass derzeit noch nicht alle Oracle Cloud-Services aus einem deutschen Rechenzentrum bereitgestellt werden.

Der Infrastruktur liegen diverse Technologien zu Grunde. Darunter OpenStack, Nimbula (Akquisition im Jahr 2013) sowie Linux, der XEN Hypervisor und Docker.

Im Rahmen seines IaaS-Angebots konzentriert sich Oracle ausschließlich auf die Bereitstellung von Basis-Infrastrukturleistungen. Dazu gehören:

  • Rechenleistung (Elastic Compute)
  • Speicherplatz (Elastic Block Storage, Elastic Object Storage)
  • Netzwerk (Network)
  • Sicherheit (Secure Identity)

Der Zugriff auf diese Ressourcen erfolgt nicht im typischen Self-Service-Modus einer Public Cloud. Stattdessen lässt sich das Angebot (derzeit nur Storage) in einem 30 Tage Free-Trial ausprobieren.

Die Steuerung der Infrastrukturressourcen erfolgt entweder auf Basis einer REST API, der Python-basierten Kommandozeile oder einer graphischen Weboberfläche. Virtuelle Maschinen können im Self-Service bestellt werden und lassen sich mit von Oracle vorkonfigurierten Images bereitstellen. Die Absicherung der eigenen virtuellen Infrastruktur erfolgt zum einen über Listen und Regeln, mit denen der Netzwerkzugriff auf die einzelnen Instanzen gesteuert wird. Zum anderen anhand von Firewalls, mit denen sich Gruppen von Objekten bilden lassen, um darüber den Zugriff auf mehrere Ressourcen gleichzeitig zu steuern bzw. diese zu isolieren.

Die Rechenleistung bietet Oracle in zwei Varianten an - Compute und Dedicated Compute. Diese unterscheiden sich wie folgt:

Compute

  • Richtet sich an Fachabteilungen und für Test- und Entwicklungsumgebungen
  • Gemeinsam genutzte physikalische Infrastruktur
  • Garantierte Kapazität für 50 und 100 Kerne
  • Isolation erfolgt anhand des Ressourcenmanagements über die verschiedenen Kundenumgebungen. „Noisy Neighbors“ kann jedoch Einfluss auf die eigene Umgebung haben.

Dedicated Compute

  • Richtet sich an Großunternehmen
  • Jeder Kunde erhält seine dedizierte physikalische Umgebung
  • Die benötigte Leistung ist planbar
  • Kapazitäten für 500, 1000, 1500 und 2000 Kerne stehen zur Verfügung
  • Vollständige Netzwerkisolation zu anderen Kunden
  • Exklusives Site-to-Site VPN zwischen der Oracle Cloud und der eigenen Umgebung

Der Zugriff auf die Infrastrukturressourcen erfolgt typischerweise über das Internet. Anhand einer Cross-Connect-Verbindung über Partner-Angebote wie dem Equinix Cloud Exchange lassen sich ebenfalls direkte Verbindungen zwischen dem Unternehmensnetzwerk und der Oracle Cloud-Infrastruktur aufbauen.

Das Oracle Infrastruktur-Angebot fokussiert sich ausschließlich auf Infrastrukturressourcen und vernachlässigt Platform- und Mehrwertservices, um den führenden Public Cloud-Anbietern ernsthaft gefährlich werden zu können. Oracles Hauptaugenmerk orientiert sich daher immer stärker auf die Platform-Ebene, für welche das Infrastrukturangebot als Grundlage dient. Hierüber sollen andere Zielgruppen, wie z.B. Entwickler angesprochen werden.

Oracle Cloud: Platform-as-a-Service

Oracles Platform-as-a-Service (PaaS) Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem der Wettbewerber. Ein PaaS hat typischerweise die Aufgabe, eine umfangreiche aber leichtgewichtige Entwicklungsumgebung bereitzustellen, auf der Anwendungen entwickelt, ausgeführt und deren Lebenszyklus verwaltet wird. Über ein Platform-Service-Modell werden bereits fertige granulare Funktionen als Service bereitgestellt, die sich wie Microservices in eine Applikation integrieren lassen. Oracle hingegen interpretiert seinen PaaS als eine große Plattform, welche in die einzelnen Kategorien Anwendungsentwicklung, Datenmanagement, Geschäftsanalysen, Integration, Collaboration und Mobile unterteilt sind. Hierunter finden sich dann wiederum die einzelnen Produkte, die sich auf eine bestimmte Zielgruppe bzw. Anwendungsfall konzentrieren. Zu den Angeboten gehören aktuell:

  • Java Cloud
  • Database Cloud
  • Application Builder Cloud
  • Developer Cloud
  • Mobile Cloud
  • Node Cloud
  • Java Standard Edition Cloud
  • Database Cloud Exadata Service
  • Big Data Cloud
  • Big Data Preparation Cloud
  • NoSQL Database Cloud
  • Database Backup Cloud
  • Business Intelligence Cloud
  • Big Data Discovery Cloud
  • Internet of Things Cloud
  • Integration Cloud
  • Messaging Cloud

Jede der oben genannten Lösungen wird von Oracle separat als Teilsegment der Oracle Cloud betrachtet. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Angebote (z.B. Developer Cloud) sich aktuell nur an US-Kunden richtet, was einen deutschen Interessenten allerdings nicht davon abhalten sollte, das Produkt trotzdem testen zu können. Weiterhin stellt Oracle derzeit keine fertigen Microservices zur Verfügung, die sich von Entwicklern nutzen lassen, um eigene Applikationen mit Funktionen zu erweitern, ohne diese extra selbst entwickeln zu müssen.

Die Perspektive: In der Public Cloud hat Oracle großen Nachholbedarf

In Anbetracht der Tatsache, dass Oracle über eine breite On-Premise Kundenbasis verfügt, sind, wie auch bei anderen renommierten IT-Anbietern, gute Voraussetzungen vorhanden, um Kunden über einen hybriden Ansatz in die eigene Public Cloud zu überführen. Denn eines muss man festhalten. Im Verhältnis zu On-Premise-Infrastruktur- und Datenbank-Deployments ist Oracle in der Public Cloud vergleichsweise immer noch ein Zwerg. Wo Oracle im Datenbankumfeld als Gigant gilt, ist im IaaS- als auch im PaaS-Bereich noch sehr viel Nachholbedarf vorhanden. Die Gründe hierfür lassen sich in der „Augen zu und durch“ Strategie bzw. mit der ablehnenden Haltung gegenüber der Public Cloud in den letzten Jahren erklären. Den Vorsprung, den der Wettbewerb allen voran Amazon Web Services, Microsoft Azure oder auch Google sich bis heute erarbeitet haben ist nur mit sehr großen Anstrengungen wieder einzuholen und gleicht einer Herkulesaufgabe.

Mit seinem PaaS-Angebot versucht Oracle für alle derzeit wichtigen Bereiche, sei es eine Entwicklerplattform, der Bereich Internet of Things oder das Thema Daten und Datenmanagement, eine Antwort zu haben. Das ist einerseits die richtige Strategie. Denn ein breites Portfolio, das unterschiedliche Zielgruppen adressiert, kann auf Unternehmenskundenseite zu einer höheren Attraktivität führen, um als One-Stop-Shop wahrgenommen zu werden. Andererseits macht es genau dieses große Portfolio für Kunden schwer, genau zu verstehen, wofür Oracle in der Cloud steht und welche Lösungen tatsächlich vorhanden und miteinander zusammenspielen. Oracle muss es schaffen, sein Angebot zu straffen und das Portfolio wie aus einem Guss zu platzieren. Angefangen damit, dass PaaS als alleinige zentrale Anlaufstelle für die Kunden gilt und innerhalb dieser Plattform dann die jeweiligen Kategorien untergeordnet werden und sich als Teil einer Gesamtapplikation integrieren lassen. Denn aktuell steht jedes Angebot für sich selbst und präsentiert sich als Insellösung.

Dieser Analyst View wurde im Auftrag von IDG Business Media erstellt und ist zuerst auf Computerwoche.de erschienen.