Hybrid Cloud-War bei den Hyperscalern (Teil 1)

  • Vor ein paar Jahren noch unvorstellbar - die globalen Hyperscaler bekriegen sich mit eigenen Hybrid Cloud-Angeboten
  • Für CIOs und Digitalentscheider gibt es endlich eine echte Option, Hybrid Cloud-Szenarien in die Realität umzusetzen
  • Welche Benefits und Risiken bieten die Angebote rund um Google Anthos, AWS Outposts, Azure Stack und IBM Cloud for VMware darüber hinaus?

Auch wenn der globale Markt für Cloud Infrastructure- und Platform-as-a-Service laut Einschätzung von Crisp Research im Jahr 2019 bei rund 83 Milliarden USD liegen wird, ist dies den führenden Hyperscalern nicht genug. Diese haben mittlerweile verstanden, dass in der Enterprise-IT noch immer ein anderer Wind weht und CIOs sehr klare Anforderungen im Hinblick auf ihre Cloud-Transformation sowie einen hybriden IT-Betrieb haben. Die Welt ist eben doch nicht schwarz oder weiß!

Um im Segment der mittelständischen Unternehmen und Konzerne weiter wachsen zu können, brauchen AWS, Azure, Google und Co. also auch eine überzeugende Hybrid-Strategie und entsprechende Angebote. Und genau darauf legen AWS, Microsoft und Google derzeit großen Wert.

Dies ist für CIOs und IT-Infrastrukturmanager erst einmal eine gute Nachricht. So haben mittlerweile fast alle Hyperscaler in den vergangenen 6 bis 12 Monaten Ankündigungen gemacht oder entsprechende Lösungen vorgestellt. Kürzlich öffnete auch Google sein “Cloud Services Program” (CSP) für ausgewählte Beta-Nutzer. Am 10. April 2019 erfolgten neue Announcements und die Umbenennung des Google Hybrid-Angebots in “Anthos”.

Aber analog zu den reinen Public Cloud-Diensten ist es nicht so einfach, die Hybrid Cloud-Angebote zu bewerten, da sich diese teils fundamental in Struktur, Funktionalität und Preisgestaltung unterscheiden. Es macht also viel Sinn, sich mit den verschiedenen Angeboten einmal auseinanderzusetzen.

Dabei fällt auf, dass die Hyperscaler sehr unterschiedliche Wege bei der Ausgestaltung ihrer Hybrid Cloud-Angebote gehen bzw. auch gerne mehrere Optionen zur Auswahl stellen:

  • Full-Stack: Hybrid Cloud auf Basis herstellerindividueller Hard- und Software (“Appliance”-Modell / Full Stack Modell, wie im Fall Microsoft Azure Stack oder AWS Outposts)
  • Public Cloud Appliance - Hybrid Cloud mit 3rd Party Software auf eigener Public Cloud Infrastructure, wie im Fall “VMware on AWS” oder “IBM Cloud for VMware”)
  • Software Defined: SDHC Software Defined Hybrid Cloud à la “Google Anthos” / Kubernetes On-Premise als Software Tool Stack, der kompatibel mit der Public Cloud ist und den der Kunde auf eigener Hardware implementieren kann oder auch auf anderen Clouds

Allen Varianten ist gemein, dass diese dem Kunden ein sehr hohes Maß an Interoperabilität mit den “echten” Public Cloud Plattformen und Services (IaaS, PaaS) der jeweiligen Hyperscaler oder auch anderer Cloud-Plattformen (wie z.B. bei Google Anthos) bieten. Sprich, der Kunde kann von den “privaten” bzw. “On-Prem”-Instanzen problemlos auf die weiteren IaaS und PaaS-Dienste zugreifen und dies (in der Mehrheit der Angebote) innerhalb seiner eigens definierten Netzwerk-Grenzen und Security-Policies. Dies ist nicht nur praktisch für den täglichen IT-Betrieb, sondern ermöglicht auch den relativ bequemen Umzug von VMs, Containern oder Services im laufenden Betrieb oder im Rahmen einer größeren Transformation.

Auf folgende Punkte sollten Anwender bei der Evaluierung der Angebote allerdings achten:

  • Interoperabilität zu Public Cloud Services
  • Einheitlichkeit von Control Planes & Management Tools
  • Lizenzkosten & TCO
  • Mindestkonfigurationen für On-Premise / Private Instanzen
  • Auswahlmöglichkeiten hinsichtlich zertifizierter Hardware

Die Interoperabilität zwischen den On-Premise-Instanzen bzw. Appliances und den nativen Cloud Services (IoT, Machine Learning, Messaging etc.) auf den jeweiligen Cloud-Plattformen ist entscheidend. Was vor Jahren als strategisches Announcement vollmundig verkündet wurde und lange auf sich warten ließ, ist nun mit den neuen Hybrid Cloud-Angeboten größtenteils Realität geworden.

Dennoch gibt es auch hier Unterschiede. So bieten die Angebote “VMware on AWS” und “IBM Cloud for VMware” eine gute Admin Experience von VMware-basierten Workloads in den beiden Public Clouds sowie eine gute Nutzungsmöglichkeit der jeweiligen Cloud Services von AWS und IBM Cloud. Dies nutzt vor allem IT-Managern, die Standard Business Workloads in VMs betreiben und verwalten. Aber nur Google Anthos schafft dem Kunden eine Interoperabilität über die Grenzen einzelner Hyperscaler hinweg und macht aus der Hybrid- eine echte Multi-Cloud. Dies ist zumindest das Versprechen von Google - gilt aber derzeit nur für Container- bzw. Kubernetes-basierte Workloads. Der Kunde muss also vorher die Modernisierung seiner Workloads bereits abgeschlossen haben.

Eine deutliche Verbesserung hat sich mittlerweile auch beim Tooling bzw. der Vereinheitlichung der Admin- und Management-Werkzeuge ergeben. Hier haben die Hybrid Cloud-Angebote, die sich nur auf einen Vendor beziehen, naturgemäß immer noch leichte Vorteile. So funktionieren AWS Outposts und Microsoft Azure Stack mit einem Set identischer bzw. nahezu komplett vereinheitlichter Management-Tools.

Im Hinblick auf die Lizenz- und Gesamtkosten (TCO) gibt es allerdings noch viel Spielraum für Verbesserungen und mehr Transparenz. Die Vielzahl an Optionen sowie die individuelle Lizenz-Situation des jeweiligen Anwenders (Stichwort “Enterprise Agreements”) sorgen hier immer noch für eine recht hohe Komplexität. Ein detailliertes und gut strukturiertes Kosten- und Kapazitätsmanagement ist daher unbedingt von Nöten, um die Vorteile zwischen Public- und Private Cloud in einem Hybrid-Modell bestmöglich nutzen zu können.

Auch sollte bedacht werden, mit welchem Provider man nun den Vertrag für das Hybrid Cloud-Offering eingeht - z.B. VMware oder wahlweise AWS oder IBM. Hier haben es Microsoft-Kunden etwas einfacher. Hinzu kommt, dass bei den meisten Hybrid Cloud-Angeboten - zumindest bei den “Full Stack” und “Public Cloud Appliance”-Varianten der Hybrid Clouds - eine Mindestkonfiguration hinsichtlich des initialen Hardware-Setups gefordert wird. So liegt diese beim Angebot von “VMware in AWS” bei rund 250.000 Euro - sicherlich kein schneller On-demand-Einstieg. Ein Investment in die Hybrid Cloud will daher gut überlegt und geplant sein.

CIOs und CTOs sollten vor einer solchen Investitionsentscheidung, vor allem bei der Wahl des konkreten Angebots, die Notwendigkeit und den potenziellen Ertrag genau untersuchen. Die Heterogenität der Angebotslandschaft im Hinblick auf Integrationsoptionen, Hardware, Lizenzmodell, Use Cases und Management-Stack lenken die Entscheidung bereits in eine klare Richtung. Dennoch stellt sich im Einzelfall möglicherweise auch die Frage, wie viele Abstriche notwendig (und sinnvoll) sind, um die richtige Konfiguration zu finden.

Lesen Sie im zweiten Teil rund um die Hybrid Cloud-Strategien der Hyperscaler, welche Updates und Entwicklungen in Zukunft auf uns zukommen werden und welche Rolle die Hardware, insbesondere Hersteller wie VMware oder Nutanix dabei spielen.

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.