Hannover Messe 2019 – Messe Highlights und IoT Trends

  • Das Crisp IoT Breakfast bringt IoT-Entscheider zur Hannover Messe zusammen
  • Welche Aussteller zeigen in 2019 sehenswerte IoT Innovationen?
  • Was sind die Trends dieses Jahres auf der Messe?

Nach den ersten zwei Messetagen möchten wir Ihnen ein erstes Fazit und Empfehlungen zur Hannover Messe geben. Basis sind rund 100 Gespräche, über 40 besuchte Exponate und Stände sowie das Screening einer Vielzahl von aktuellem Announcements und Presse-Events. Im Rahmen des ersten “Crisp IoT Breakfast” haben wir einer ausgewählten Gruppe von IoT-Entscheidern diese Messe-Highlights und IoT-Markttrends heute morgen vorgestellt, worauf sich eine Reihe spannender Diskussionen ergeben hat.

Crisp IoT Breakfast und Meetup am Rande der Hannover Messe
Quelle: Crisp Research, 2019

 

Eins lässt sich klar konstatieren - der Besuch der Hannover Messe lohnt sich. Und dies nicht nur als Ersatz für die gerade eingestampfte Cebit, sondern als Innovations-Schaufenster und Gradmesser der Digitalisierung in der deutschen Industrie.

Zwar ist und bleibt die Hannover Messe eine klassische Industriemesse - zumindest wenn man sich den Messeplan und die vertretenen Aussteller betrachtet. Nur 3 von 27 Hallen fokussieren sich auf Software & Digital Factory. Diese haben aber mittlerweile ein sehr innovatives Gesicht. So sind die Themen IoT und künstliche Intelligenz überall präsent - und zwar in der Form einer Vielzahl an spannenden Exponaten und auch belastbaren Kunden-Beispielen. Auch wenn der Weg für viele deutsche Mittelständler und Konzerne noch weit ist - den Startschuss für den Wandel vom Industrie- zum Software-Unternehmen hat ein Großteil der Unternehmenslenker gegeben. So plant die Mehrheit der deutschen Unternehmen (59 Prozent) bis 2022 mehr als 10 Prozent ihrer Umsätze mit IoT-basierten Produkten und Geschäftsmodellen zu erwirtschaften, wie eine noch unveröffentlichte empirische Studie von Crisp Research in Kooperation mit maincubes und Axel Springer hy zeigt.

Folgende Trends reflektieren sich auch im Messegeschehen der Hannover Messe:

  • Industriemesse bleibt Industriemesse. Nach dem Tod der CeBit lag es natürlich nahe, dass die großen und mittleren Software-Hersteller versuchen die Hannover Messe für ihre Branche zu kapern. Allein flächenmäßig ist das nicht gelungen und das Publikum ist auch weiterhin hauptsächlich die deutsche Industrie. Das zwingt die Software Unternehmen sich auf die Industrie-relevanten Kundenbeispiele und Teile ihres Portfolios zu konzentrieren. Anders als früher auf der CeBit, sind jetzt die Hausmessen der Software-Hersteller besser geeignet “alles” über einen Hersteller zu lernen.
  • Die globalen Cloud Hyperscaler (AWS, Microsoft, Google) haben die deutsche Industrie erobert.
    Die Anzahl zu vernetzender Endpoints / Maschinen, das Datenvolumen sowie der Geschäftswert der IoT-Lösungen und -Geschäftsmodelle machen den Markt für AWS, Microsoft und Google äußerst attraktiv. Traditionelle Software- und IT-Partner müssen sich warm anziehen - auch wenn die Cloud Provider noch einen weiten Weg bis zur Edge und in die Werkshallen vor sich haben.
  • 5G kommt - aber in Trippelschritten - Geht es nach dem Messe-Hype und den Ankündigungen der Telcos, hat man den Eindruck, dass die neuen 5G-Netze schon ausgerollt sind und die vielen neuen Digitalisierungs-Szenarien und Geschäftsmodelle in den nächsten Monaten an den Start gehen können. Aber weit gefehlt! Bis Ende 2019 werden in Deutschland die meisten Bundesländer nur eine Flächenabdeckung von bis zu 6 Prozent haben. Zwei Bundesländer planen mit bis zu 10 Prozent Das reicht für Startups und Unternehmen definitiv nicht aus, um belastbare 5G-Use Cases und Geschäftsmodelle an den Start zu bringen. Ausnahme sind 5G-Campusnetze für ausgewählte Großunternehmen, die sich einfach ihr eigenes 5G-Netz bauen.
  • Machine Learning kommt auf die Edge - Während in den letzten Jahren der Fokus von Machine Learning primär auf Deployments in der Cloud lag (wo ja auch die meisten Kundendaten liegen), zeigt die aktuelle Hannover Messe deutlich, dass der Trend - zumindest im Kontext von IoT und vernetzten Use Cases - klar in Richtung Edge zeigt. Sprich, nachdem die Modelle und Algorithmen in der Cloud entwickelt und trainiert wurden, erfolgt das Deployment auf den Gateways und Edge-Devices. Also nahe am User und mit wenig Latenz. Das ist für viele Use Cases unverzichtbar und wird die Adaption von Machine Learning sprunghaft ansteigen lassen. AWS und IBM haben auf der Hannover Messe sogar Beispiele gezeigt, bei denen die Algorithmen sich autonom auf den Edge Devices weiterentwickeln können.
  • IoT-Innovation Excellence - eine Kombination aus Software und Engineering - Wie die Beispiele und Exponate von Leichtbau BW und Porsche Engineering (neue Ladesäulen für Elektromobilität) eindrucksvoll zeigen, braucht es für echte und nachhaltige Innovationen im IoT-Kontext nicht nur die entsprechende Software- und Analytics-Kompetenz, sondern auch Engineering-Know-How. Das industrielle Design und die Kompetenz in der Umsetzung komplexer vernetzter Produkte, wie autonomen Autos oder Ladestationen, sind unverzichtbare Erfolgsbausteine für die IoT-Strategien und Geschäftsmodelle deutscher Mittelstands- und Großunternehmen.

Quelle: Deutsche Messe

 

Nach der Vielzahl an Gesprächen und Besuchen möchte ich Ihnen gerne folgende Empfehlungen für den Besuch auf der Hannover Messe geben. Diese Beispiele zeigen einerseits das Innovationspotenzial sowie andererseits die technische Machbarkeit auf die IoT- und Digitalisierungs-Use Cases der kommenden Jahre.

  • Halle 2
    • DFKI Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz , H2 C59
      • Sehenswerte Cobotic Demo mit der Reparatur eines Airbus. Mensch und Roboter arbeiten zusammen.
  • Halle 5
    • Telekom H5 E04
      • Neben vielen Industrie-Beispielen zeigt die Telekom auch das Deployment eines 5G Campus Netzes, das bei der Firma OSRAM in Garching in Betrieb ist.
      • Auch die “5G Arena” mit der eigenen Hallte H16 hat eigens für die Hannover Messe ein 5G Campus Netz aufgespannt. Hier sieht man viele 5G Use Cases wie Autonomes Fahren und Roboter Collaboration.
        5G Campus Netze sind lokal aufgespannte Netze die aber in den regulierten 5G Frequenzen laufen und komplett von einem Telko remote gemanagt werden. Der Datenfluss zwischen Teilnehmern verlässt zwar den Campus nicht, aber ein kompletter Offline Betrieb ist aufgrund des Remote Managements durch den Telco auch nicht möglich.
    • Leichtbau BW GmbH, H5 C18
      • Leichtbau-Netzwerk, zu dem über 2.000 Unternehmen und mehr als 270 Forschungseinrichtungen gehören.
      • Hier ist unter anderem ein Leichtbau autonomes Elektro-Auto zu sehen dass nur 460 kg wiegt.
      • Deutschland positioniert sich damit als Engineering-Dienstleister, leider nicht mit guten Vermarktungsstrategien.
  • Halle 6
    • Amazon Web Services, AWS H6 F46
      • Siemens und Beckhoff Exponate zeigen Machine Learning auf der Edge. Dabei wird mit großen Daten in der AWS-Cloud gelernt und das Ergebnis auf kleine Edge Devices geladen. Das ermöglicht eine sehr schnelle Reaktion und damit die Steuerung von Automatisierungsanlagen. Im Siemens Beispiel kann sogar das AWS Greengras Zertifizierte Siemens Edge Device in lokal weiter lernen!
Machine Learning On-The-Edge von Siemens, auf dem AWS Stand
Quelle: Crisp Research, 2019

 

      • Ebenfalls bei AWS auf dem Stand zu sehen ist der Digitale Zwilling der Deutschen Bahn der Güterwagons in der Logistikkette verfolgt und steuert.
      • Gut gefallen hat den Teilnehmern der Crisp Messe-Tour auch die Referenzarchitektur an einer großen Wand des AWS Standes. Davor standen viele Leute und haben diskutiert welche Services sie in ihren Lösungen kombinieren würden.

 

AWS Referenz-Architektur von Industrie 4.0 (links) über Cloud bis Smart Products (rechts)
Quelle: Crisp Research, 2019

 

  • Halle 7
    • Microsoft H7 C40
      • Wie gesagt fokussiert sich Microsoft wirklich auf Referenzen aus der Fertigung und Industrie. Man bekommt also keinen vollständigen Microsoft-Überblick.
      • Unter den Neuheiten ist sicher die Hololens 2 mit doppelter Auflösung und neuem Betriebssystem interessant. Sie ist jetzt für 3.500 USD vorbestellbar.
      • Nachdem AWS kürzlich die Manufacturing Cloud mit Volkswagen angekündigt hatte, konterte passend zur Hannover Messe Microsoft mit Open Manufacturing Platform mit BMW. Fragen Sie nach Details auf dem Stand.
    • IBM H7, C16
      • Neben den drei Public Cloud Hyperscalern bietet IBM weiterhin ein reichhaltiges Portfolio aus Software und Cloud Services für das Internet der Dinge.
      • Auch hier war viel Innovation auf der IoT Edge zu sehen. Lokale Analytics und selbstlernenden Machine Learning-Algorithmen auf der Edge.
      • Auch zeigt IBM beispielsweise Edge Devices mit Docker-Containern zum einfachen Deployment von Edge Logik.
  • Halle 8
    • Axoom H8, F12
      • Axoom ist 100% Tochter von Trumpf, positioniert sich aber als offene und Herstellerunabhängige Industrie 4.0 und IoT Plattform. Damit ist sie in direkter Konkurrenz beispielsweise mit Adamos, der Industrie Plattform um die Software AG.
      • Axoom ist ein gelungener Ecosystem Ansatz mit großer Offenheit von Schnittstellen
    • FIWARE und International Data Spaces H8 C25
      • International Data Spaces (vorm. Industrial Data Spaces) ist der Ansatz eine Datenarchitektur für die “Data Economy” zu schaffen.
      • Während International Data Spaces die Lobby zwischen eine Vielzahl von Mitgliedsunternehmen moderiert, ist FiWare eine Open-Source Implementierung die eine Software zur Interoperabilität implementiert.
      • Beide, International Data Spaces und Fiware sind Vereine
    • Technologie-Initiative SmartFactory KL, H8 D18
      • Die Initiative geht auf 2005 zurück und ist damit die älteste Industrie 4.0 Aktivität in Deutschland.
      • Die Konzepte sind inzwischen sehr reif und es sind einige Produkte aus dem Inkubations-Konzept hervorgegangen.
      • Die Smartfactory plant eine Neuausrichtung mit neuen Partnern.
  • Halle 17
    • Bosch Rexroth, H17, A40
      • Hier ist ebenfalls eine smarte Factory Demo mit autonomen Material Management Fahrzeugen
      • Auch Bosch öffnet sich zunehmend zu Partnern, so ist die Firma Bigrep mit dem größter 3D Kunstoff-Drucker der Welt auf dem Bosch/Rexroth Stand vertreten.
  • Halle 27
    • Hier dreht sich alles generell E-Mobilität und die Energiewende.
    • DLR, H27, H70
      • Crisp Research sprach insbesondere mit Prof. Karsten Lemmer, DLR-Vorstand Energie und Verkehr, der die aktuelle Forschung zur Energiewende, besonders Hoch-Temperatur Wärmespeicher, vorstellte.
    • Porsche Engineering, H27, F69
      • Was in Sachen moderne Ladeninfrastruktur möglich ist, zeigt der Engineering-Dienstleister von Porsche. Besonders interessant für ambitionierte Privatleute oder alle Stellen die “nur” einen normalen 400V Stromanschluss haben, ist eine Batterie-gepufferte Ladestation, die bis zu 320kW ladeleistung an einem 400V Hausanschluss von 50-100KW anbietet. Der Rest kommt aus einer Batterie die laden kann während man mit dem Fahrzeug unterwegs ist.

Damit wünsche ich Ihnen eine gute Reise nach Hannover, viele spannende Gespräche und Inspirationen für Ihre IoT-Projekte.

Ich würde mich sehr freuen, auch etwas über Ihre Messe-Highlights und über Ihre IoT-Use Cases  zu erfahren. Schreiben Sie mir gerne unter stefan.ried@crisp-research.com

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Über den Autor:

Principal Analyst & IoT Practice Lead

Stefan RiedDr. Stefan Ried – IoT Practice Lead, Principal Analyst – is responsible for the research and consulting activities covering IoT and modern platform architectures. Stefan Ried worked previously at Unify, a global communications and collaboration vendor as CTO. Graduated in Physics with an PhD at the Max Planck Institute, Germany, Stefan brings 20 years of experience in senior positions in software development, product management and marketing from international vendors to Crisp Research. His experience includes two software startups and major players including SAP and Software AG. Over 7 years at Forrester Research, Stefan lead the cloud platform research globally as a Vice President.