EMC World 2016: Ziemlich beste Freunde

Als EMC CEO Joe Tucci die Bühne der EMC World 2016 betrat, fühlte man sich in ein Stück IT-Geschichte zurückversetzt. Tucci sprach nicht nur von der ersten EMC Conference im Jahr 2001, damals noch unter dem Namen „Enterprise Wizards Conference“ mit 3.000 Teilnehmern bekannt, sondern machte auch mit Wehmut deutlich, dass dies seine letzte EMC World sein wird. Er wirkte unglücklich und man merkte seiner Körpersprache mehr als deutlich an, dass der Dell-EMC-Deal eine persönliche Niederlage für ihn ist. Um es vorweg zu nehmen, man merkt auch EMC die Historie an. Daran konnte auch ein Michael Dell nichts ändern, der das Publikum auf den bereits gestarteten Merger zwischen Dell und EMC einstimmen wollte. Allerdings muss man sagen, dass man von Michael Dell sicherlich schon bessere Key Notes gehört hat. Anstatt über Neuigkeiten und Visionen zu sprechen, wirkte sein Auftritt wie eine verzweifelte Nachricht an den Markt um zu unterstreichen: „Wir müssen durchhalten und werden überleben.“ Michael Dell machte den Eindruck, als müsste er sich für den Merger zwischen Dell und EMC entschuldigen und suchte händeringend nach Argumenten, warum dies für beide Unternehmen als auch die Kunden von Vorteil sein wird. Von dem kleinen Ausflug in das digitale Zeitalter bzw. das Internet of Everything den er wagte, muss man leider festhalten, dass sowohl Dell als auch EMC mit ihren Portfolios noch lange nicht dort angekommen sind, um ihre Kunden auf dem Weg aktiv begleiten zu können.

Hardware, Hardware, Hardware und wenig Services

Zu Beginn sei gesagt, dass die Akquisition von EMC durch Dell in dem neuen Unternehmen „Dell Technologies“ münden wird, welches neben Dell und EMC ebenfalls die weiteren Marken und Produkte von Pivotal, VMware, RSA, Virtustream und SecureWorks vereint.

Die EMC World lockte in diesem Jahr rund 10.000 Teilnehmer an, in den vergangenen zwei Jahren waren es immerhin noch 13.000. Ein Vorbote? Möglicherweise. Was während den Key Notes an den drei Tagen allerdings auffiel, es ging überwiegend um Hardware. Nun mag man sich fragen, was an einer Veranstaltung wie der EMC World daran so verwunderlich sein soll, schließlich ist Dell Technologies ein Hardware- und Storage-Hersteller. Wenn man Michael Dell allerdings genauer zugehört hat, liegt ihm das Internet of Everything scheinbar doch sehr am Herzen. Dieses gewinnt man heutzutage allerdings nicht mehr alleine nur rein durch den Verkauf von teurer Hardware, sondern durch das Angebot von Services über ein IoT-Backend. Das ist nicht nur ein Grund, warum Public Cloud Anbieter wie Amazon Web Services oder Microsoft Azure dem IT-Markt und auch Dell Technologies derzeit mit riesen Schritten davoneilen.

Lesen Sie hierzu auch den Studien-Report zu Crisp Researchs „Crisp Vendor Universe IoT-Backend-Anbieter“.

Weiterhin lässt sich argumentieren, dass in Zeiten einer hybriden IT-Welt weiterhin Hardware und entsprechend Software für Static-IT-Umgebungen benötigt werden, in denen Enterprise-, Backend-, und Legacy-Applikationen, auf Grund ihrer rechtlichen Regularien, Datenschutz- und Compliance-Richtlinien aber insbesondere wegen technischer Beschränkungen auf altbewährten IT-Infrastrukturen oder Private Clouds betrieben werden.

Dynamic_vs_Static

Allerdings positioniert sich Dell Technologies damit exakt in demselben Marktsegment wie eine IBM, HP oder auch Oracle. Und auch diese haben es aktuell nicht gerade leicht, mit dem Mitbewerb aus dem Public Cloud-Markt.

Anbieter, die heute noch eine nennenswerte Rolle im IT-Markt spielen wollen, bedienen ebenfalls Dynamic IT-Umgebungen. Also IT-Infrastrukturen und –Plattformen für die Entwicklung und den Betrieb digitaler Geschäftsmodelle und neuartiger Applikationen. Diese Umgebungen verfügen über eine hohe Skalierbarkeit, Flexibilität und eine globale Reichweite. Hierfür werden Dynamic IT-Umgebungen bevorzugt als Public Cloud-Infrastrukturplattformen betrieben.

Lichtblicke: Virtustream und Pivotal - vCloud Air ist so gut wie tot

Für Dynamic IT-Umgebungen lassen sich im Dell Technologies Portfolio zwei Perlen herauspicken: Virtustream und Pivotal.

Virtustream ist als Public Cloud-Infrastruktur konzipiert und adressiert zu 100 Prozent Unternehmenskunden. So stehen fertige Services und Lösungen z.B. für den Healthcare und den Financial Services Bereich zur Verfügung. Weiterhin machen SAP-Systeme und –Applikationen einen großen Anteil aus, was noch einmal den Enterprise-Fokus von Virtustream unterstreicht. In Deutschland betreibt Virtustream seine Public Cloud aktuell mit einem Rechenzentrum in Frankfurt (bei Equinix). Weiterhin ist Virtustream Technologie-Lieferant für Vodafone in Deutschland, das auf Basis der „xStream Cloud Management“ Lösung seine eigene Cloud-Hosting-Infrastruktur betreibt.

Pivotal Cloud Foundry ist das Platform-as-a-Service (PaaS) Angebot und steht sowohl als Public Cloud-Umgebung sowie als Software-Stack zur Verfügung.

Pivotal_CF

Der Pivotal Cloud Foundry Software-Stack hat den Vorteil, dass er Infrastruktur-agnostisch implementiert ist und damit auf allen gängigen Public und Private Cloud-Infrastrukturen läuft, darunter Amazon Web Services, Microsoft Azure und OpenStack. So setzt z.B. Bosch auf Pivotal Cloud Foundry, um damit in seiner eigenen „Bosch IoT Cloud“ einen PaaS zu integrieren. Die Attraktivität von Pivotal wurde erst kürzlich wieder einmal dadurch bestätigt, indem der Automobilkonzern Ford 182,2 Millionen US-Dollar in das Unternehmen investierte.

Es bleibt daher abzuwarten, wie Dell Technologies seinen kleinen Diamanten in Zukunft behandeln wird. Infrastruktur und Speicher sind zwar nach wie vor wichtig, allerdings ist Pivotal das einzige Produkt bzw. der einzige Service im Portfolio, mit dem potentielle Kunden im digitalen Zeitalter echte Innovationen vorantreiben können.

Eine schlechte Nachricht kommt wohl für alle vCloud Air Fans. Das Public Cloud-Angebot von VMware hat für Dell Technologies keine strategische Bedeutung mehr und wird lediglich nur noch als General Purpose Cloud für die Entwicklung und den Test von VMware-relevanten Workloads betrachtet. Das wurde aus Gesprächen mit mehreren EMC-Verantwortlichen klar. Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr, schließlich ist es ebenfalls möglich VMware-Workloads auf Virtustream zu betreiben.

Abschließend muss man festhalten, dass sich Joe Tucci nicht als Verlierer des Dell/ EMC-Deals fühlen sollte. Stattdessen darf er mit gehobenen Hauptes als Gewinner abtreten. Denn eines ist sicher, es wird das EMC-Portfolio sein, welches Dell Technologies vor einem möglichen Untergang bewahrt und nicht das alte Dell-Portfolio, denn darin lassen sich kaum zukunftsträchtigen Produkte oder Services wiederfinden.