Deutschland 2014 – Startup-Katastrophe oder neue IT-Gründerzeit? (Teil 1)

Deutschland erlebt eine neue Gründerzeit! Aber ist das wirklich so? Crisp Research beleuchtet in dieser Analyse, welche Rolle IT-Startups wirklich spielen und wie sich die Partnerschaften zwischen IT-Majors und Startup-Szene auf die IT-Budgets und Innovationskultur auswirken.

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Foto GFT

Halle 16 war sicherlich das diesjährige Cebit-Highlight. Hier kamen nicht nur 50 wirklich interessante Analytics Startups in einem hippen Ambiente zusammen. Nein, der von Vollblut-Unternehmer Ulrich Dietz initiierte Gründungswettbewerb code_n war ein zentraler Knotenpunkt für den Austausch von Konzernentscheidern, IT-Managern und Startup-Unternehmern. Definitiv ein sehr gelungenes Beispiel für die neue Gründungskultur, die Teile der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft durchzieht.

Startup ist hip. Anders kann man es nicht formulieren. So kündigte die Regierungskoalition auf der Cebit ihre digitale Agenda an – mit starkem Startup-Fokus. Kein großes IT-Unternehmen, das sich nicht eigene Venture- und Accelerator-Programme leistet. Auch für die Medien machen die frischen, gut gelaunten Gründerinnen und Gründer deutlich mehr her als der ein oder andere innovationsmüde Integrationspartner. Also auf nach Gründerland!

Doch betrachtet man die letzten 12 Monate im Rückblick und einige empirische Befunde, muss man konstatieren, dass die Stimmung deutlich besser als die wirkliche Lage ist. So mussten in der Startup-Vorzeigemetropole Berlin viele der hippen Inkubatoren und Seed-Fonds Beteiligungen vor die Tür setzen und ihre Beteiligungsstrategien neu ausrichten. Laut einer vom BITKOM in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie des Instituts Aris, können gerade mal die Hälfte der Deutschen mit dem Begriff „Startup“ überhaupt etwas anfangen. In wirtschaftlich guten Zeiten arbeitet die Mehrheit der top qualifizierten immer noch lieber für BMW, Linde & Co als für kleine IT- und Technologie-Startups. Wie ist es also wirklich bestellt, um die Startup-Kultur in Deutschland? Crisp Research schätzt die Lage in Bezug auf die IT-Branche folgendermaßen ein:

Bestandsaufnahme – IT-Branche meets Startup

1) Startup-Speed-Dating – die neue Liebe der Tech-Giganten zur Start-Up Welt
Microsoft, SAP, GFT, Salesforce – die Liste ließe sich noch deutlich verlängern. Große IT-Firmen suchen in den letzten 2 Jahren verstärkt die Nähe zu Startups. Denn diese liefern was viele ihrer klassischen ISV- und Integrationspartner bislang nicht beigebracht haben – neue Cloud- und Analytics-basierte Dienste und Services. Viele der klassischen Partner (Integratoren, Systemhäuser, ISVs) haben die Innovationen der letzten Jahre und die neuen Plattformen der großen Technologieanbieter (IaaS, PaaS, Analytics...) links liegen lassen, getreu dem Motto – erst einmal abwarten. Das stellt Microsoft, SAP & Co vor erhebliche Probleme. Denn deren Kunden wollen Use Cases sehen und Innovationen zum Anfassen. Startups sollen also die Innovationslücke füllen, die die Anbieter und ihre Partner haben aufreißen lassen.

2) Value Add von IT-Startups - Neue Ideen aber keine Marktdurchdringung
Die Ausweitung der Partnerprogramme auf Startups und die Fokussierung auf deren neue Services ist erst einmal positiv zu werten und bietet beiden Seiten Vorteile. So erhalten die IT-Majors Zugang zu neuen Ideen und Use Cases. Hinzu kommen die Pluspunkte auf der Image-Seite. Die Startups hingegen profitieren vom Netzwerk der IT-Majors und dem Presse-Coverage gemeinsamer Marketingaktionen.

Doch was viele IT-Majors deutlich überschätzen sind Anzahl und Umsatzpotenzial ihrer neuen Startup-Partner. Denn die Vernachlässigung des Themas in den letzten Jahren hat dazu geführt, das nur wenige Startups über die Strukturen und Netzwerke verfügen, um schnell wachsende und marktrelevante Akteure zu werden. Vielfach fehlen etablierte Partnerschaften. Die Wachstumsfinanzierung in der Series A, B oder C-Finanzierung kann in Deutschland nur in Einzelfällen sichergestellt werden. Viele Startups – gerade wenn es nicht um Consumer-Startups geht – „verdursten“ kapitalseitig auf dem Weg von der Startup- in die Wachstumsphase. Somit kann vielfach auch kein erfahrenes Management an Bord geholt werden, das für eine Etablierung und Stabilisierung aber unbedingt notwendig ist. Man muss daher das Fazit ziehen, dass die meisten Partnerschaften mit Startups für die IT-Majors zwar neue Ideen – aber nur wenige Umsätze bringen werden. Eine Kompensation des klassischen Partner-Business ist unter aktuellen Rahmenbedingungen nicht zu erwarten.

3) CIOs kaufen nicht von Startups – Der gordische Knoten
Das Kernproblem liegt aber an anderer Stelle. Denn noch können Startups sich so gut aufstellen wie sie möchten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Lösung bzw. ihren Service an IT-Entscheider in deutschen Unternehmen verkaufen, ist sehr gering. Hier sorgen ein rigides Risikomanagement und die starke Ausrichtung des IT-Betriebs und der Unternehmensprozesse an Compliance-Richtlinien dafür, dass Startups nahezu chancenlos sind. Die aufgefeilten Anforderungen deutscher Konzerne oder Mittelstandsunternehmen sind eine Hürde, die Startups mit ihren innovativen und flexiblen Lösungen derzeit nur selten überwinden können.

Hier hilft es auch nicht weiter, dass einige Beratungsunternehmen den modernen CIO schon als Venture Capitalisten sehen, wie kürzlich von Deloitte publiziert. Das ist weder erforderlich, noch wünschenswert. Denn Venture Capital ist ein Hochrisikogeschäft. 7 von 10 Deals schlagen fehl. Eine solche Strategie ist für Unternehmens-CIO, die kritische Infrastrukturen und Prozesse betreiben, absolut unvertretbar – auch wenn etwas mehr Aufgeschlossenheit gegenüber innovativen Lösungen natürlich wünschenswert wäre.

Hier müssen sich Unternehmen und Politik ernsthaft fragen, ob und wie man diese Situation auflösen kann. Auch wenn die Produkte der Startups den etablierten Alternativen häufig deutlich überlegen sind, halten sich IT-Entscheider lieber an die goldene Regel, dass für den Kauf von IBM-Produkten noch niemand gefeuert wurde. In diesem Kontext sollte sich die Politik auch sehr gut überlegen, wie ein potenzielles deutsches „IT Sicherheitsgesetz“ wirken würde. Sollten die Hürden für den Kauf von IT-Lösungen und –Diensten noch höher gelegt werden, werden viele Startups keine Geschäfte mit deutschen Anwenderkunden mehr machen können – und sich in der Folge wohl lieber gleich auf ausländische Märkte konzentrieren.

Nach Einschätzungen von Crisp Research liegt der Anteil des IT-Budgets, das deutsche Unternehmen in 2014 in Lösungen und Services von Startups bzw. jungen Technologiefirmen stecken bei weniger als 1,5%!

Wie sich die Situation für IT-Startups in Deutschland verbessern lässt, lesen Sie im zweiten Teil des Artikels, der in der kommenden Woche erscheint.

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.

  • Miro Lisserman

    CIOs kaufen nicht von Startups: Nun ich frage mich wieso soll den ein Start-up gleich an Mittelstandsunternehmen verkaufen. Man kann doch Services für Komsumenten entwickeln oder auch für kleinere Unternehmen, die sich keine IBM leisten können. Wenn ein Startup an solche Unternehmen verkaufen will, dann ist das für mich ein Indiz, dass es sich überhaupt keine Gredanken darüber gemacht hat, ob es denn überhaupt den Markt für das entwickelte Produkt gibt. Und schon sind wir genau bei dem eigentlichen Problem angekommen – Unsere Mentalität. Wir sind ein technikgetriegebes Land. Ein Land der Tüftler, welches sich damit schwer tun Ideen und Konzepte zu vermarkten. Und daran wird sich auch in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Um als Start-Up groß rauszukommen, wird man woll auch weiterhin mit seiner Idee in die USA gehen müssen.