Deutsche “Startup-Szene” funktioniert auch außerhalb von Berlin und München

  • Die “Hinterland of Things” Konferenz zeigt, wie man eine Startup-Szene fernab der Metropolen stimuliert.
  • Mit Hilfe der Bertelsmann-Stiftung konnte die Founders Foundation in Ostwestfalen-Lippe ideale Bedingungen für Startups schaffen.
  • Was können die anderen Regionen Deutschlands daraus lernen?

Im internationalen Vergleich konzentrieren sich die IT-Startups Deutschlands auf die großen Metropolen. Allen voran gibt es in Berlin am meisten Software Startups, Venture Capital und die passende Szene. Die meisten Großstädter mussten wahrscheinlich die Startups von vor 100 Jahren, die heute Weltkonzerne sind, eher auf der Karte suchen. Neben den schwäbischen Erfindern haben besonders die Westfalen eine Erfolgsgeschichte mit Marktführern wie Miele, Bertelsmann, Oetker, Seidensticke oder Claas. Jetzt wacht die Ostwestfalen-Lippe Region wieder kräftig auf und macht den Standort OWL für Technologie-Startups attraktiv. Sichtbar wird das am besten bei der “Hinterland of Things”-Konferenz, die letzte Woche zum zweiten Mal in Bielefeld stattfand. Wer hier eine provinzielle “Gewerbeshow” von planlosen Gründern für den lokalen Markt vermutet, liegt total daneben und sollte sich am besten jetzt schon die Hinterland of Things für nächstes Jahr in den Kalender schreiben.

Die Konferenz mit mehr als 1200 Besuchern konnte sich in Punkto Professionalität und auch was die Prominenz der Sprecher und Teilnehmer angeht, ganz klar mit Konferenzen in Berlin oder San Francisco messen lassen. Souverän moderiert vom VOX Moderator Amiaz Habtu, der auch die Höhle der Löwen moderiert, waren Sprecher aus der VC-Szene, den etablierten Konzernen der Region und zahlreiche Startups auf den zwei Bühnen zu sehen. Dabei versteht sich die Hinterland of Things als Makers Conference, die Gründer und Technologen mit Investoren und Anwendern in Konzernen zusammenbringt. Aber warum entsteht so ein Ökosystem ausgerechnet in Ostwestfalen?

Initiator der Konferenz und noch viel wichtiger die stimulierende Kraft hinter der Startup-Szene der Region ist die Founders Foundation, die dem Dornröschenschlaf des Hinterlands seit 2016 den Kampf ansagt. Sebastian Borek, CEO, und Dominik Gross, CFO, haben die Mischung aus Accelerator und Inkubator zusammen mit - und finanziert durch die die Bertelsmann Stiftung gegründet. Mehr unter: http://foundersfoundation.de.

1200 Konferenzteilnehmer auf der Hinterland of Things in Bielefeld, Foto: Crisp Research

Die Konferenzteilnehmer erwartete eine ansprechende Mischung aus Venture Capital Know How, Politik, Startup-Erfahrungen und persönliches Networking zwischen lokalen und deutschen Entrepreneurs. Natürlich war auch Crisp Research vor Ort und sprach mit vielen Teilnehmern und Sprechern. Für diejenigen die dieses Jahr das Hinterland of Things Event verpasst haben, möchten wir ein paar Highlights zusammenfassen:

  • Die Höhle der Löwen ist die Fernseh-Koch-Show der Gründerszene. Nicht nur der Moderator, sondern auch Star-Investor Frank Thelen, der von Anfang an in der Fernsehshow das VC Geschäftsmodell erklärt, sollte nicht auf dem Event fehlen. Dabei hat er nicht nur ein wenig über sein Erfolgsprinzip als Gründer und später als Investor verraten, sondern sehr transparent seinen “Technologie-Baukasten” erklärt. Dabei liegt sein Augenmerk hauptsächlich auf Technologien, die es zwar schon gibt, aber deren Kommerzialisierung noch nicht reif ist. Dazu zählt immer noch Cloud Computing und vor allem die IoT Edge. Künstliche Intelligenz, Big Data, 3D Printing, Robotics und Blockchain sind ebenfalls vorhandene Technologien, die Startups weiterhin eine große Spielwiese bieten. Genauso hat Frank Thelen die Mensch-Maschine Interaktion mit VR, AR, und Speech Recognition auf dem Plan. Noch nicht in Anwendung aber trotzdem schon auf Franks VC Radar sind Quanten-Computing, Gene-Editing und Geschäftsmodelle um Ray Kurzweils Singularität, dem Punkt ab dem Computer schneller von sich selbst lernen als vom Menschen. Während die erste Gruppe sich fast vollständig mit den Crisp Research Trends 2019 deckt, wären wir bei der Investition in die letzten drei noch etwas vorsichtig.

                                   “Fernseh-Koch” Frank Thelen hielt der Deutschen Gründerszene den Spiegel vor, Foto: Crisp Research

  • Der Kampf um Talente und Ausbildung ist hauptsächlich durch die Politik blockiert. Egal ob in einer Metropole wie Berlin oder auf dem Land, der Erfolg einer Startup-Szene ist im Wesentlichen durch das Zusammentreffen von drei Dingen abhängig: Ideen, Geld und gut ausgebildete und risikofreudige Menschen. An Ideen mangelt es den Erfindern in Ost-Westfalen genauso wenig wie den Tüftlern im Schwabenländle. Deutsche VCs, die auf der Hinterland Konferenz zahlreich vertreten waren, haben mehrmals betont, dass sie in Firmen vollkommen unabhängig von ihrem Standort investieren. Natürlich ist in den Startup-Metropolen das Netzwerk zwischen Ideen und Geld eng geflochten und erprobt. Auch das Wissen um Unternehmensgründungen verteilt sich in den Metropolen einfacher. Beides konnte Sebastian Borek mit seiner Founders Foundation für die Region gut adressieren. Schwierig bleibt aber immer noch die Verfügbarkeit und Skills der Menschen. Sehr deutlich ist das in verschiedenen Panels geworden, die das Ökosystem um Startups und das Bildungssystem in Deutschland diskutierten. Für Dorothee Bär, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und zuständig für Digitalisierung, ist ganz klar das föderale Bildungssystem schuld daran, dass aus den Schulen und Unis zu wenig Digitalkompetenz in die Unternehmen und allgemein in die Gesellschaft kommt. Der Bund und die Kultusminister der Länder reiben sich in Kompetenz- und Ego-Diskussionen auf, anstelle die Republik inhaltlich zu einer Digitalkompetenz zu bringen. “Digital-Doro” hielt sich in der lockeren Konferenz-Atmosphäre auch kaum mit ihrer Meinung zu aktuellen Themen zurück und bezeichnete beispielsweise die neue Urheberrechtsreform schlichtweg als “hirnrissig” - womit sie keineswegs alleine im alten Lokschuppen in Bielefeld war.
  • Die richtige Zusammenarbeit mit Industriekonzernen kann Gründern und Unternehmen helfen. Das besondere an der Hinterland of Things war eben, dass es nicht nur eine Gründer- und VC-Szene “Party” war, sondern namhafte Firmen mit ihren CEOs und Inhabern vor Ort waren.  Markus Miele, Executive Director und Miteigentümer der Miele & Cie. KG, Cathrina Claas-Mühlhäuser, Aufsichtsratsvorsitzende der CLAAS KGaA mbH oder Dr. Brigitte Mohn, Mitglied des Executive Board der Bertelsmann Stiftung waren aktiv auf der Bühne. Crisp Research hat darüber hinaus auch einige Geschäftsführer oder Eigentümer im persönlichen Gespräch vor Ort getroffen. Dabei kam klar heraus wie das Zusammenspiel zwischen etablierten Unternehmen und innovativen Gründungen am besten läuft. Eine Idee in einem externen Startup oder in einem Corporate-Venture mit Geld im Early-Stage zu unterstützen macht viel Sinn. Sobald ein erstes Produkt entsteht, kann dies entweder ins eigene Unternehmen integriert werden oder man übergibt die Finanzierung den VCs. Selbst als VC für weitere Runden aufzutreten funktioniert für viele Firmen nicht. Auch der Einsatz von Produkten junger Startups bei Kunden eines Konzerns macht oft viel Sinn. Viele Kunden von Miele oder Claas sind ja Mittelständler und passen gut zum B2B-Fokus einiger Startups aus der Region. Selbst Produkte von Startups in Konzernen einzusetzen kann besonders bei Softwareprodukten ein kleines Startup schnell überfordern. Hier können aber Startups helfen die Dienstleistungen beispielsweise im Bereich Data Science, Artificial Intelligence oder Cloud-Native Infrastruktur-Management anbieten. Hier kann Crisp Research wie üblich zwischen Unternehmen und Startups vermitteln, wenn sie sich noch nicht gefunden haben. Und oft zahlt sich ein Invest in einen Startup sogar aus, wenn die Gründung schief geht. Die jungen Unternehmer und Technologen können direkt in den befreundeten Unternehmen arbeiten und hier helfen die Kultur zu erneuern oder den nächsten Spin-off vorzubereiten, der die Fehler vom letzten Mal vermeidet. Das sind oft junge Persönlichkeiten die ohne diese Option nicht in ein etabliertes Unternehmen kommen würden.
  • Aus Fehlern lernen, Erfahrungen teilen und Vorurteile kippen. Zahlreiche Sprecher berichteten von ihren eigenen Erfahrungen als Gründer. Darunter auch Udo Schloemer, der als CEO der Factory in Berlin die Kollaboration und den Arbeitsstil junger Unternehmen verändert hat. Zunehmend kommen sogar Gruppen von Mitarbeitern etablierter Unternehmen in eines der Factory Spaces um ihre Arbeitsweise zu verändern. Auch Oliver Flaskämper, der Gründer und Vorstand von Bitcoin.de hatte wertvolle Tips für junge Firmen, besonders wie man in regulierten Branchen trotzdem schnell Fahrt aufnimmt oder recht leichtgewichtig eine AG als Geschäftsform nutzt. Letztlich rundete Kai Diekmann die Veranstaltung ab, der von 2001 bis 2015 und damit länger als irgendjemand anderer Chefredakteur der Bild Zeitung war. Diekmann, der in Bielefeld geboren ist, berichtete wie die ganze Publishing-Branche im Internet kollabierte und er für ein Jahr ins Silicon Valley gezogen war um den Startup-Spirit und das Networking wirklich zu verstehen. Den heutige Digital-Tourismus für Manager etablierter Unternehmen sieht er eher extrem kritisch. Nach einem Leben im Konzern ist Diekmann heute als Mitgründer von storymachine.de wieder Unternehmer in einem Startup.

                         Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung im Gespräch mit Amiaz Habtu, Foto: Crisp Research

Auf der Hinterland of Things wurde auch der Rocket Mittelstand Award verliehen, der sich an junge deutsche Firmen richtet. Im Rennen waren Christian Deilmann von tado, Daniel Krauss von Flixbus und Andreas Kunze von Konux. Vorjahressieger Josef Brunner, der sein IoT Unternehmen Relayr letztes Jahr für 300 Millionen Euro an die MunichRe verkaufen konnte, gab den Preis an den Flixbus Gründer und CIO, Daniel Krauss weiter.

Zusammenfassend war der Besuch der Hinterland of Things eine Reise wert. Auch wenn der Name eine Nähe zum Internet of Things suggeriert, waren alle Technologietrends von KI bis IoT entsprechend repräsentiert. Das Modell der Founders Foundation, die Startup-Szene einer Region zu stimulieren, könnte durchaus ein Blueprint für andere Regionen in Deutschland sein. Schließlich hat Deutschland weltweit einen angesehenen Brand und in kaum einem Land sind globale Konzerne, Produktion und Absatzmarkt an einem Ort gemeinsam. Das sind eigentlich ideale Voraussetzungen besonders für Startups im B2B-Segment, welche auf der Konferenz klar als das größte Wachstumspotential der kommenden Gründerwelle gesehen wurden.