Der entfremdete Mensch: Digitalisierung zwischen Ethik und Profit

  • Die Treiber Wettbewerb und Wachstum bestimmen maßgeblich den Verlauf der Digitalisierung mit teils fragwürdigen Use Cases, wie der Einsatz von VR-Brillen zur Steigerung der Milchproduktion bei Kühen zeigt
  • Solche Szenarien machen eine Auseinandersetzung zu Sinn und Zweck von digitalen Initiativen notwendig. Die Inklusion einer Ethik-Diskussion im Rahmen der Digitalisierung kann auf Basis eines gemeinschaftlich geteilten Werte- und Normensystem ein Orientierungs- und Handlungsrahmen für eine digitale Zukunft aufspannen
  • Für Organisationen und Unternehmen stellt die Diskussion um eine digitale Ethik eine Chance dar, einen Diskursbeitrag in ihrem jeweiligen Fachgebiet zu leisten und dem wachsenden Anspruch nach verantwortungsvollem Unternehmertum nachzukommen

“Die Digitalisierung soll dem Menschen dienen”. Darauf wies Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut auf dem Internet Governance Forum Ende November in Berlin hin. Aus ökonomischer Perspektive ist damit in der Regel die Sicherung des Wohlstandes u.a. durch den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit sowie die Umsatzsteigerung der Unternehmen verbunden. Um dies zu gewährleisten, sind Unternehmenslenker gefordert entlang der Wertschöpfungskette neue Einsatzszenarien digitaler Technologien zu identifizieren. Von der Beschaffung und der Logistik über die Produktion bis hin zum Marketing sind bereits vielfältige Use Cases durch den Einsatz digitaler Technologien entstanden – seien es effizientere Produktionsprozesse durch Automatisierung oder zielgruppenspezifisches Marketing durch datengetriebenes Micro-Targeting. Gemein ist ihnen in der Regel, dass sie langfristig auf die übergeordneten unternehmerischen Ziele nach Profitmaximierung einzahlen.

Wenn die Digitalisierung mit dem Menschen durchgeht

In manchen Fällen führt aber eben jener Wettbewerbsdruck, der durch die Digitalisierung gefördert wird, auch zu fragwürdigen und umstrittenen Einsatzszenarien, wie eine unlängst erschienene Meldung aus Russland zeigt. Aktuell verprobt ein Bauernhof Testläufe von Virtual Reality Brillen an Kühen. Die speziell an die Kopfform der Tiere angepassten Geräte simulieren den Tieren in Massenhaltung, dass sie auf einer grünen Wiese stehen. Dadurch konnten laut der Betreiber bereits positive Effekte festgestellt werden. Die Kühe spüren weniger Angst und seien dadurch insgesamt friedlicher, was sich positiv auf die gesamte Herde auswirke. In einer großangelegten Studie soll jetzt untersucht werden, ob der Einsatz der Brillen auch zur Förderung der Milchproduktion beitragen kann. Man verspreche sich noch nie da gewesene Ergebnisse, so das russische Ministerium.

Quelle: dpa

Tierhaltung im allgemeinen ist seit jeher ein emotional behaftetes Thema. Nichtsdestotrotz – hört man diese Geschichte, fühlt es sich nicht wirklich “richtig” an und dem ein oder anderen kommen vielleicht sogar Zweifel daran, ob die Digitalisierung im Dienste des Menschen tatsächlich so gut aufgehoben ist, wie man es sich im Allgemeinen wünscht. Aber wer oder was entscheidet darüber, wofür Digitalisierung genutzt werden soll und bis wohin der Einsatz digitaler Technologien reichen soll bzw. darf? In Russland kam es aufgrund von Sanktionen auf diverse EU-Lebensmittel zu Einbrüchen bei Angeboten heimischer Milchprodukte. Aus diesem Grund hat der Staat begonnen stärker in die eigene Milchindustrie zu investieren, unter anderem in eben solche Methoden. Käme der Einsatz der VR-Brillen dann nicht langfristig dem Menschen zugute? Oder rechtfertigt der Zweck doch nicht immer die (digitalen) Mittel? 

Digitalisierung trifft auf Ethik

Durch die Auseinandersetzung mit dem Beispiel aus Russland begibt man sich nahezu von allein auf die Ebene, wo Moral und Ethik beginnen eine Rolle zu spielen. Die Aufgabe der Ethik, als eine der zentralen philosophischen Disziplinen, ist es seit jeher Kriterien für gutes und schlechtes Handeln sowie die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Das vorliegende Beispiel kann dabei stellvertretend für den Prozess der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stehen, der nach eben solchen Leitplanken sucht innerhalb derer er sich bewegen kann. Und es scheint in vielerlei Bereichen, dass der Einzug und Einsatz von digitalen Gerätschaften bereits länger andauert, als dass wir uns mit deren moralischen Bewertung auseinandergesetzt haben. Dabei verlangt die Digitalisierung eine zunehmend breite Diskussion darüber, welches Leben wir uns vorstellen wollen und wie wir dieses gestalten wollen.

Grundlegend dafür ist insbesondere eine fortschreitende Ökonomisierung unterschiedlichster Lebensbereiche eben durch die Digitalisierung. Menschliches Verhalten, Kommunikation und Beziehungen – sei es im Privaten oder am Arbeitsplatz – werden mehr und mehr mit Zahlen und Daten unterlegt. Der Mensch als Individuum aber auch im Kollektiv wird transparenter, Entscheidungen auf Datenbasis messbarer. Das kann in Ordnung sein, weil z.B. Krankheiten durch Tracking-Systeme früher erkannt und präventiv behandelt werden können. Das kann Fragen aufwerfen, wenn Versicherungsbeiträge steigen oder spezifische Versicherungen auf Grundlage datenbasierter Wahrscheinlichkeitsberechnungen nicht mehr möglich sind. Insbesondere der Einsatz von künstlicher Intelligenz stellt in der Ethik-Diskussion eine Kontroverse dar, sind selbstlernende Systeme doch in der Lage durch einen Bias in den Datensätzen Stereotype zu reproduzieren und insbesondere Minderheiten zu benachteiligen. Die Automatisierung von Prozessen trägt in der Regel zu mehr Effizienz bei, sei es durch Chatbots im Kundenservice oder innerhalb der Produktion, so dass zwangsläufig Arbeitsplätze wegfallen. Zu Guter Letzt findet der simultane Einsatz von Mensch und Maschine im Body-Hacking, dem Einsatz von RFID-Chips und Biosensoren, sein aktuelles Maximum. Digitalisierung stellt einen nicht nur vor ökonomische Herausforderungen – wie viel Budget auf welche Technologie? – sondern bringt eben auch ganz lebensnahe und lebenspraktische Fragestellungen mit, die es zu klären gilt.

Moral matters

Bei diesen ganzen Themen, die zunächst im luftleeren Raum stehen, kann einem schon mal schwindelig werden. Erhalten wir in fünf Jahren unsere Milch von Roboter-Kühen per Amazon-Drohne direkt nach Hause, die per Retina-Scan unsere körperliche Fitness überprüfen und bei Unregelmäßigkeiten unsere Krankenkassen darüber informieren? Solche Szenarien sind eher unwahrscheinlich, aber angesichts der Fülle an Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben können, sind derartige Sorgen und Ängste nicht unbegründet.

Grundlegend für eine erfolgreiche digitale Transformation ist, dass die relevanten Bezugsgruppen adressiert werden und ihre Sorgen diesbezüglich ernst genommen werden. Unternehmen haben hier die Möglichkeit Mitarbeiter aber auch Konsumenten und weitere relevante Stakeholder frühzeitig über aktuelle technologische Veränderungen zu informieren und mit einzubeziehen. Dabei haben sich in der letzten Zeit einige Initiativen herausgebildet, die deutlich machen, dass solche Formen von Gesprächsangeboten und gemeinsamen Aushandlungsprozessen über den Einsatz digitaler Technologien ein entscheidender Bestandteil beim Transformationsprozess sein können.  So hat sich die Bertelsmann Stiftung mit dem Projekt “Algoethik” der Aufgabe verschrieben die Gesellschaft für das Thema Algorithmen und Ethik zu sensibilisieren, den Diskurs zu strukturieren und Lösungen zu entwickeln. Die Initiative D21  stößt als gemeinnütziges Netzwerk relevante Diskussionen zu vielfältigen Bereichen der Digitalisierung an und bietet mit einzelnen Arbeitskreisen für Unternehmen die Möglichkeit sich mit Kompetenzen und Know-how dort einzubringen. Ein solches Engagement unter Einbezug vielfältiger Stimmen kann maßgeblich dazu beitragen ethische Kodizes gemeinsam zu entwickeln und damit die Weichen für eine digitale Zukunft zu legen.

Digitalisierung mit Sinn und Zweck

Um den Bogen zum Eingangsbeispiel zurück zu schlagen, kann einem die Beschäftigung mit einer digitalen Ethik helfen einen Orientierungsrahmen für das eigene Handeln zu entwickeln. Der Einsatz von digitalen Technologien in der Landwirtschaft oder Viehzucht ist nicht ausgeschlossen, nur weil es um Tiere geht. Die Frage, die sich im Kontext von Ethik und Moral stellt, ist vielmehr, warum man sie einsetzt und ob der Zweck jene Mittel heiligt. Dabei gibt es eine Vielzahl an Use Cases, die zeigen, dass das Tierwohl ganz konkret mit Hilfe von Digitalisierung verbessert werden kann – zum Beispiel, wenn es um die Früherkennung und Prävention von Krankheiten innerhalb von Herden geht. Durch Video-Tracking lassen sich mittlerweile Unregelmäßigkeiten im Bewegungsablauf feststellen und die entsprechenden Tiere frühzeitig untersuchen und behandeln. Vernetzen sich die Betriebe untereinander oder wird sogar die gesamte Wertschöpfungskette verbunden, kann darüber hinaus eine wertvolle Datenbank für Tiergesundheit und Tierwohl entstehen. 

Ja, die Digitalisierung soll und kann dem Menschen dienen. Aber das befreit ihn nicht per se davon sich kritisch mit den eigenen Beweggründen und deren Folgen auseinanderzusetzen.