Das Kapital im digitalen Zeitalter – Politische Gestaltungsspielräume in der Welt Algorithmen

Verantwortung übernehmen – Soziale Marktwirtschaft gestalten

Beitrag für die Jubiläumsschrift25 Jahre Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung

Das Internet als Betriebssystem moderner Volkswirtschaften

Im Gegensatz zu Mitte der 90er Jahre, als das Internet an den Anfängen seiner technologischen und kommerziellen Entwicklung stand, ist das Internet heute eine global ausgebaute Infrastrukturplattform, auf der sich mehr als drei Milliarden Menschen täglich austauschen, lernen, arbeiten, Ehepartner finden, Hausgeräte steuern oder Autos und Lebensmittel kaufen.

Das Internet ist nicht nur globales Leitmedium, sondern zum Betriebssystem moderner Volkswirtschaften geworden. Nutzerfreundliche Software, günstige mobile Endgeräte, hohe Bandbreiten und unbegrenzte Rechenleistung aus weltweit vernetzten Cloud-Rechenzentren bieten für Unternehmen und Konsumenten einen schier unbegrenzten Interaktionsraum. Und dieser Interaktionsraum unterliegt bislang nur einer geringen Regelungsdichte. Im Vergleich zu ähnlichen Technologien und Industriezweigen ähnelt das Internet heute, auch aufgrund seiner heterogenen und dezentralen Struktur, aus Regulierungsperspektive immer noch dem Wilden Westen. Es gilt weitestgehend das Gesetz des Schnelleren bzw. des Stärkeren. Wer zuerst an die Daten der Anwender gelangt, kann diese langfristig kommerzialisieren, Wettbewerber ausschließen und Monopolrenditen erzielen.

Die Digitalisierung von Produkten, Kundenbeziehungen und Geschäftsmodellen verändert derzeit in „disruptiver Art“ das bisherige Gefüge der Wettbewerbslandschaft und der Wertschöpfungsketten. Internetunternehmen wie Google steigen in den Gesundheits- und Energiemarkt ein, Apple plant den Bau von Autos und Facebook und Netflix lösen sukzessive die klassischen Medienunternehmen ab. Gerade verhandelt Amazon mit der Stadt New York über einen Vertrag zur Lieferung von Schulbüchern in Form von eBooks in Millionenhöhe. Ob die deutschen und europäischen Unternehmen in der digitalen Welt eine Zukunft haben und welche Rolle sie spielen werden, hängt wesentlich von den politischen Rahmenbedingungen ab, die auf europäischer Ebene und in den Nationalstaaten in den kommenden Jahren gesetzt werden. Denn derzeit geben die Innovationsführer aus den USA und China den Ton auf den weltweiten Technologiemärkten an.

Es ist somit allerhöchste Zeit, das Internet nicht länger als „Neuland“ zu betrachten, sondern die fundamentale Steuerungs- und Verteilungsfunktion zu verstehen, die dem globalen Kommunikationsmedium inhärent ist. Das Internet stellt einen ungeheuer mächtigen Allokationsmechanismus dar, der Medienkonsum, Investitionen und Wahlentscheidungen beeinflusst und lenkt. Während die Manager gut daran tun, ihre Unternehmen auf das Zeitalter der digitalen Innovationen vorzubereiten und junge Startup-Unternehmer ebenjene Chancen nutzen, müssen sich Politiker und Wissenschaftler schleunigst auch mit den drängenden gesellschaftspolitischen und ordnungspolitischen Fragen der Digitalisierung beschäftigen

Digitale Gewissheiten

Doch zuerst stellt sich die Frage, welche Annahmen man realistischer Weise zu Grunde legen sollte, wenn man sich über die Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Zukunft Gedanken macht. Mit welcher Situation werden Entscheider aus Politik und Wirtschaft im Jahr 2025 wohl konfrontiert sein? Wie werden die technologische Entwicklung und die Adaption des Internets in den kommenden zehn Jahre verlaufen? Auf Basis der Erkenntnisse der letzten Jahre sind folgende Szenarien nicht nur vorstellbar, sondern durchaus realistisch:

  • Mit rund 5 Milliarden Smartphone-Nutzern ist fast die komplette Menschheit an das Internet angeschlossen. Der Einzelne, Gruppen oder auch alle Menschen sind in Echtzeit erreichbar, organisierbar und aktivierbar.
  • Die Kommunikations-, Bewegungs-, Transaktions-, Gesundheits- und Befindlichkeitsdaten aller Menschen werden nahezu vollumfänglich erfasst und somit auswertbar, kommerzialisierbar und manipulierbar.
  • Die Mediennutzung und Kommunikation läuft vollständig über das Internet ab. Traditionelle Medien und Technologien spielen nur noch eine marginale Rolle.
  • Die organisierte Kriminalität als auch Militärs nutzen das Internet für gezielte Angriffe. Mit dem steigenden Vernetzungsgrad geht ein steigender Verletzungsgrad der Wirtschaft, von Staaten und einzelner Bürger einher.
  • Die weltweiten Datenströme laufen in den Cloud-Rechenzentren weniger, global agierender Unternehmen zusammen.

Digitale Gesetzmäßigkeiten

Der Handlungsspielraum der Politik, als auch der Innovationsspielraum für deutsche und europäische Unternehmen, im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung unterliegt einer Reihe an Gesetzmäßigkeiten. Es gilt deren fundamentale Logik zu verstehen, um Ableitungen hinsichtlich der richtigen Rahmenbedingungen in Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik treffen zu können.

Netzwerkeffekte und das „The Winner Takes All“-Phänomen

Der Wert eines digitalen Produktes hängt direkt mit seiner Verbreitung beziehungsweise dessen Nutzerbasis ab. Dies erkannte Theodore Vail schon 1908. Der damalige Präsident des US-amerikanischen Telekommunikationskonzerns Bell ersann eine Unternehmensstrategie auf Basis der beobachteten Netzwerkeffekte, die Bell zum Monopol verhelfen sollte. Was von Wissenschaftlern wie Metcalfe oder Katz und Shapiro in späteren Jahren bewiesen und berechnet werden konnte, machen sich heute Google, Apple und Facebook zu nutze. Deren Geschäftsmodelle basieren ebenfalls auf dem Netzwerkeffekt und machen alternative Dienste und Technologien nahezu irrelevant und schaffen de-facto Standards. Hierzu bedienen sich die großen Internetkonzerne gerne der Hilfe derjenigen Wissenschaftler und Experten, die das Wesen der Netzwerkeffekte seit Jahren erforschen.

Fest steht, dass Netzwerkeffekte in einer Welt mit derzeit rund 3 Milliarden Smartphones hoch relevant und erfolgsbestimmend sind. So konnte das Startup „WhatsApp“ binnen weniger Jahre auf über 1 Milliarde Nutzer wachsen und wurde kurze Zeit nach der Gründung für 16 Milliarden US Dollar von Facebook akquiriert. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen rund 50 Mitarbeiter. Die Akquisitions- und Bewertungslogik der Venture Capital-Märkte und Technologie-Börsen basiert maßgeblich auf den Netzwerkeffekten. Sie macht wenige Technologie- und Internetunternehmer sehr reich. Der Anteil der Internetunternehmer unter den neuen Milliardären der letzten 10 Jahre liegt bei weit über zwei Dritteln. Somit wird deutlich, dass die Netzwerkeffekte nicht nur für eine Konzentration an Nutzern, Marktmacht und Profiten auf Unternehmensebene sorgen, sondern vor allem auch die Verteilung von Vermögen signifikant beeinflussen.

Es darf also erwartet werden, dass die vom französischen Ökonom Thomas Piketty nachgewiesene Vermögenskonzentration weiter anhält und durch die Digitalisierung tendenziell beschleunigt wird. Hierzu trägt auch bei, dass Internetmilliardäre ihr Vermögen wiederum in neue digitale Firmen und Startups investieren und somit Macht- und Vermögenspositionen aufgebaut werden, die jenen der Eisenbahn- und Stahlbarone Mitte des 18 Jahrhunderts nicht unähnlich sind.

Digitale Nullgrenzkosten-Ökonomie

Der Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen wohnt eine transformative Kraft inne, die Jeremy Rifkin zur Publikation seines letzten Buches inspiriert hat. In „Die Null-Grenzkosten-Ökonomie“ legt Rifkin dar, wie durch die Allgegenwärtigkeit von nahezu kostenfreier Kommunikation, Vernetzung und Datenverarbeitung die Grenzkosten für die Produktion und Vermarktung von Gütern sukzessive absinken und somit den Grundstein für eine neue kooperative Wirtschaftsordnung legen („Collaborative Commons“). Dabei liegt Rifkin richtig, was die Einschätzung der Grenzkosten-Entwicklung in einer digitalen Welt angeht. Denn Cloud Computing und mobile Endgeräte sorgen in der Tat dafür, dass die Produktion und Distribution eines weiteren Gutes fast keine weiteren Kosten verursacht. Digitale Musik, digitale Bücher und die Vermittlung von Diensten und Gütern sind somit in der Tat eine Lizenz zum Gelddrucken.

Eine wesentliche Logik der digitalen „Null-Grenzkosten-Ökonomie“ liegt somit darin, dass sie Anreize für digitale Geschäftsmodelle setzt, die ohne eigene Investitionen und Anlagevermögen auskommen. So haben der Bettenvermittler AirBnB, das Taxi-Unternehmen Uber und Fahrtenvermittler BlaBlaCar eines gemeinsam – sie können auf die Assets und Infrastruktur ihrer Kunden und Partner zurückgreifen und müssen nicht selbst in Wohnungen, Autos und Smartphones investieren. Das erhöht den Druck auf diejenigen „Brick and Mortar“-Unternehmen, welche noch Infrastruktur und Anlagevermögen im klassischen Sinne finanzieren müssen. Das Urteil der Finanzmärkte lässt sich an den Unternehmensbewertungen ablesen. Hier werden Asset-intensive Unternehmen abgestraft, während Unternehmen mit digital skalierbaren und somit potenziell hoch profitablen Geschäftsmodellen zu horrenden Bewertungen gehandelt werden. Was dies langfristig aus volkswirtschaftlicher Perspektive bedeutet, wenn sich Investitionen in Infrastruktur, Energie und reale Produktionsmittel nur noch schwerlich rentieren, kann man sich ausmalen. Dieses Schicksal erfahren seit Jahren auch die Telekommunikationsunternehmen, die die Investitionen in die Netzinfrastruktur tragen, aber an den Erlösen aus den digitalen Geschäftsmodellen von Google, Facebook und Co nur marginal profitieren.

Auch wandeln sich im „Internet der Dinge“ die Eigenschaften von Produkten. Egal ob Zahnbürste, Kettensäge, Küchengerät oder Premium-Automobil - die Produkte der Zukunft sind „Software-Defined“, sprich ein wesentlicher Teil des Produktnutzens ergibt sich aus den software-basierten Funktionalitäten, Sensorik und der Vernetzung der Geräte zu einer ganzheitlichen IoT-Lösung (IoT steht für das „Internet der Dinge“, in Deutschland meist als „Industrie 4.0“ bezeichnet). Hardware und Materialeigenschaften treten zunehmend in den Hintergrund. Software-Entwicklung wird somit ein zentraler Aspekt der klassischen Produktentwicklung und zum Erfolgsfaktor auf den weltweiten Technologie- und Exportmärkten. In einer Welt der software-definierten und sensor-basierten Produkte werden auch die Geschäfts- und Preismodelle „programmierbar“. Nicht mehr der Produktverkauf, sondern nutzungsabhängige und datenbasierte Geschäftsmodelle stehen im Vordergrund. Dies verändert die Innovations- und Wettbewerbslogik fundamental. Vor allem für deutsche und europäische Firmen, die sich nun in neuen Disziplinen mit ihren Konkurrenten aus den USA und Asien messen müssen. Wenn zukünftig nicht mehr Verarbeitungsqualität und Langlebigkeit, sondern die sogenannte User Experience und Software-Funktionalität die entscheidenden Kriterien beim Kauf einer Waschmaschine sind, müssen sich auch die deutschen Exportweltmeister warm anziehen. Aus dem klassischen Ingenieur wird ein Software Engineer.

Cloud Computing und künstliche Intelligenz - Algorithmus schlägt Arbeiter

Die Entwicklung im Bereich des Cloud Computing schreitet weiter voran. Rechenleistung ist auf Knopfdruck aus weltweiten Mega-Rechenzentren verfügbar. Die Preise fallen sukzessive. In gleichen Maße nimmt die Leistungsfähigkeit von Algorithmen zu. Künstliche Intelligenz, neuronale Netze und maschinelles Lernen galten lange als Beschäftigung für exzentrische Wissenschaftler und Statistik-Freaks. Doch aufgrund der wachsenden Datenmengen und den milliardenschweren digitalen Geschäftsmodellen, werden die Verfahren der künstlichen Intelligenz schon erfolgreich in unterschiedlichen Einsatzbereichen genutzt. Von der medizinischen Bilderkennung im Rahmen der Krebsdiagnose bis hin zur Sprachsteuerung von modernen Navigationssystemen. Mit der wachsenden Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten und zunehmenden Qualität der Verfahren, können immer mehr qualifizierte Tätigkeiten ergänzt, aber auch ersetzt werden. Dies gilt mittlerweile sogar für eine Vielzahl an Tätigkeiten im juristischen, medizinischen und ingenieurstechnischen Bereich. Da Rechenleistung immer günstiger sein wird als menschliche Arbeitskraft, werden sich gerade die Industriestaaten auf eine maßgebliche Transformation ihrer Arbeitsmärkte und Bildungssysteme einstellen müssen.

Code is Law – Der Code ist das Gesetz          

Der „Code ist das Gesetz“ formulierte schon Mitte der 90er Jahre der amerikanische Verfassungsrechtler und Autor Lawrence Lessig. Er zielte mit seiner Aussage darauf ab, dass in der digitalen Welt der Software-Code und dessen Ausführung auf den Endgeräten der Nutzer die Realität bilden und somit konstitutiv sind. Damit liegt die Macht in den Händen derjenigen, die den Software-Code schreiben und kontrollieren. Regulierung wird zu einer Frage von Software-Updates und Code-Reviews. Anhand des Problems der Hass-Kommentare auf Facebook wird klar, wie komplex sich Regulierung und vor allem die Durchsetzung von nationalstaatlichen Regeln und auch der Besteuerung im digitalen Zeitalter gestalten, wenn der Zugriff auf multinationale Internetkonzerne und deren hochkomplexe IT-Systeme gefordert ist. Allein die Auslegung des Konzeptes vom „Ort der Leistungserbringung“ ist nicht trivial und die Implementierung effektiver Kontrollmöglichkeiten derzeit in weiter Ferne, da sich ein Gros der Rechenzentren der globalen Internetkonzerne außerhalb Europas befinden. Hier stellen sich heute und zukünftig grundlegende Fragen, wie sich die Balance zwischen unternehmerischer Freiheit und dem legitimen Kontrollbedürfnis auf Staatsseite, ausgestalten lässt.

Digitale Interessen

Viele der Diskussionen zum Thema Digitalisierung auf deutscher und europäischer Ebene vermitteln einen naiven oder zumindest kurzsichtigen Eindruck. Dies resultiert wohl aus der derzeit schwachen Stellung der deutschen Wirtschaft im globalen Digitalgeschäft und aus der Prägung vieler politischer Mandats- und Entscheidungsträger, für die die digitale Sphäre immer noch Neuland ist.

In den USA, China, Isreal und vielen anderen Ländern ist man hier deutlich weiter und denkt strategischer. Auch ist in diesen Ländern die Verbindung von Politik und Digitalwirtschaft deutlich enger geknüpft. Das US-Außen- und das Wirtschaftsministerium protegieren aktiv US-amerikanische Firmen auf dem globalen Parkett, während das Innen- und das Verteidigungsministerium zu den großen Auftraggebern der Cloud- und IT-Sicherheitsfirmen zählt. Die Regierung Obama beschäftigt einen „Chief Technology Officer“, dessen Vita sich wie das Who-is-Who des Silicon Valley liest. Facebook und Google haben sich mit ihren Ausgaben für Lobbying und politische Kommunikation zu heimlichen Schwergewichten hinter den Kulissen in Washington, Brüssel und Berlin gemausert. Apple, Google, Microsoft und Facebook zählen zu den Schwergewichten der US-Börsenindizes und wissen diese Macht klug und strategisch einzusetzen. Hierzu zählt auch die Besetzung wichtiger Posten in den internationalen Standardisierungsgremien, welche die Architektur und technische Weiterentwicklung des Internets vorantreiben.

Auch sollte nicht verkannt werden, dass die drei oben genannten Staaten ihre digitalen Fähigkeiten im militärischen und nachrichtendienstlichen Bereich seit Jahren stark ausbauen und alle offensive Cyberwar-Strategien vertreten. Man sollte in Europa und Deutschland daher schnellst möglich zur Einsicht gelangen, dass es im Internet nicht nur um nutzerfreundliche Software und Dienste, sondern vor allem um Macht geht. Digitalpolitik ist Machtpolitik! Dies sollten sich europäische Regierungs- und Politikvertreter zukünftig immer vor Augen halten, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen in und für europäische Firmen in der digitalen Zeit zu gestalten. Denn es ist durchaus denkbar, dass der US-Präsident in 10 Jahren aus den Reihen der Gründer und Vorstände von Google oder Facebook stammt. Die politische Kultur und die Logik des Wahlsystems in den USA lassen dies absolut realistisch erscheinen. So wie heute Investmentbanker hochrangige Posten in Finanz- und Wirtschaftsministerien weltweit besetzen, werden in 10 Jahren Unternehmensvertreter der großen Digitalkonzerne den Ton in Wirtschaftsfragen angeben.

Aus deutscher und europäischer Perspektive sollte es daher zentral sein, auf eine europäische Digitalpolitik hinzuarbeiten, die ihren Namen verdient hat. Und diese darf nicht nur den europäischen Werten in Bezug auf Bürgerrechte und Datenschutz verpflichtet sein, sondern sollte vor allem auch eine industriepolitische Dimension haben. Ohne den unbedingten Willen, auch in 10 Jahren noch mitspielen zu wollen, wird es nicht gehen. Auch sind harte Verhandlungen mit EU-Partnern und massive Investitionen in Netze und Köpfe von Nöten. Von der Harmonisierung der Rechtsräume ganz zu schweigen. Die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung von Digitalunternehmen, Startups und vor allem Rechenzentren sind durchaus noch verbesserungswürdig. Gleichzeitig müssen die europäischen Regierungen endlich als Innovationsführer und Impulsgeber vorangehen, wie dies kleine Staaten á la Estland oder Island vormachen. Die Nutzung von digitalen Technologien und Diensten im Kontext von eGovernment, intelligenten Verkehrs- und Mobilitätsnetzen oder auch im Gesundheitsmarkt steckt noch in den Kinderschuhen. Hier sind aber nicht nur Milliardeninvestitionen, sondern auch Synergien und Einsparungen in gleicher oder auch mehrfacher Höhe zu erwarten. Es bedarf vor allem politischen Muts und der Bereitschaft liebgewonnene Pfründe verschiedener Interessengruppen zu beschneiden.

Die Chance für einen Neustart scheint derzeit aber gegeben. Denn aktuell bemühen sich auch die globalen Internetkonzerne um eine Diversifikation ihrer Geschäftsmodelle und einen Eintritt in den Markt für „Industrie 4.0“-Lösungen. Im „Internet der Dinge“ sind deutsche und europäische Technologieunternehmen gut aufgestellt. So wird erstmals vorstellbar, dass nicht immer nur deutsche Manager ins Silicon Valley reisen, sondern vielleicht umgekehrt, sich US-Manager in den Digital Labs von Bosch, Continental und Zeiss nach den neuesten Innovationen erkundigen. Davon sind wir derzeit allerdings noch viele Schritte entfernt.

Digitale Politik

Das Internet ist erwachsen. Und man kann sich fragen, ob wir es mit einer „Digitalisierung des Politischen“ oder eine „Politisierung des Digitalen“ zu tun haben. Betrachtet man sich die Wahlkämpfe in Deutschland und die Abläufe in Berlin und den Landeshauptstädten, trifft wohl eher Letzteres zu. Die Digitalunternehmen suchen aktiv die Nähe zur Politik, um ihre Anliegen vorzutragen und ihre Interessen zu vertreten.

Mit der Allgegenwärtigkeit des Internets im täglichen Leben der Menschen und Bürger, wird sich das Spektrum der digitalen Themen und Entscheidungen, mit dem sich Regierung und Parlamentsangehörige auseinanderzusetzen haben, sich deutlich verbreitern und noch komplexer werden. Man kann daher nur hoffen, dass sich Minister und ihre Staatssekretäre darauf einstellen und wieder mehr eigene Kompetenzen in ihren Ministerien aufbauen. Derzeit ist die Abhängigkeit von externer Expertise teilweise erschreckend. Wieder mehr Budgets in kluge Köpfe auf Staatsseite zu investieren ist langfristig sicher keine schlechte Idee und dem Steuerzahler auch zu vermitteln. Hinzu kommt, dass sich mit den Giganten der Digitalwirtschaft nur auf Augenhöhe konstruktiv und erfolgreich verhandeln lässt.

Es braucht digitale Strategen und Visionäre, die in der Lage sind, eine europäische Digitalpolitik ganzheitlich und vor allem auch technologisch zu denken und zu erklären. Derzeit mangelt es an politischen Köpfen, die den Bürgern die Relevanz des Themas sowie bestimmte politische Positionen zu digitalen Themen klar vermitteln können. In den etablierten Parteien existiert derzeit ein Vakuum zum Thema Digitalisierung. Zumindest haben die digitalen Themen keine Priorität in der politischen Auseinandersetzung. Digitales wird im Wahlkampf nur noch am Rande thematisiert. Die Degradierung zum Randthema wird augenscheinlich bei Betrachtung der Piraten-Partei. Diese wurde noch vor wenigen Jahren als demokratische Revolution und Rollenmodell für eine neue Generation an Parteien gefeiert und verschwindet trotz Snowden-Skandal und schlechter DSL-Versorgung in weiten Teilen Deutschlands gerade wieder in der Versenkung.

Dabei geht es um viel. Die Frage, wie sich im digitalen Zeitalter ein agiler und verantwortungsbewusster Staat gestalten lässt, der die richtige Balance zwischen bürgerlichen Freiheiten und Sicherheit findet. Der die Steuermittel effizient einsetzt und den Zugang zur staatlichen Leistungen und Einrichtungen für Bürger und zukünftige Bürger vereinfacht. Denn bei der Integration sind nicht nur Menschen gefragt, die offen und gastfreundlich auf Immigranten zugehen. Digitale Technologien und Dienste könnten wesentlich dabei helfen, Teilhabe und eine leichtere Integration zu ermöglichen. Schon heute lösen mobile Apps Übersetzungsprobleme und bringen Menschen zusammen.

Digitalpolitik bleibt vielfältig. Digital bleibt spannend. Davon ist auszugehen. Man kann sich daher nur wünschen, dass mehr Nachwuchspolitiker und Wissenschaftler dieses Feld für sich entdecken und die Diskussion um den besten Weg ins digitale Zeitalter ein Ringen um die besten Ideen und Köpfe und nicht den Lobbyisten überlassen wird. Von der digitalen Gesundheitspolitik bis zur einer fairen Besteuerung von Vermögen und Daten besteht auch zukünftig genügend politischer Gestaltungsspielraum.

Der Essay ist erschienen in der Festschrift "Verantwortung übernehmen - Soziale Marktwirtschaft gestalten" anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung. Die Publikation versammelt die Beiträge und Perspektiven 40 namhafter Vertreter aus Wirtschaft und Politik. Erschienen im November 2016, Herausgeber Friedrich Ebert Stiftung. Ein Online-Version des Buches finden Sie hier.

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.