Das „Digital Lab“ – Statussymbol für CEOs oder Wundermittel bei der digitalen Transformation?

Egal ob Volkswagen, Axa Versicherung oder Deutsche Bahn. Sogenannte „Digital Labs“ sind der letzte Schrei bei deutschen und europäischen Konzernen. Doch sind die digitalen Innovationslabore nur pressewirksame Statussymbole oder wichtige Bausteine der digitalen Transformation? Welche Arten von Digital Labs gibt es und auf welche Best Practices sollten CEOs und CIOs achten?

Rund 20 Jahre nach dem ersten großen Internethype geht es wieder los. Diesmal lautet das Stichwort „Digitalisierung“. Und die Konzerne und Mittelständler aller Branchen sind mit dabei. Und begründen fröhlich sogenannte „Digital Labs“. Die Deutsche Bahn hat eines, die Axa Versicherung auch, Volkswagen gleich mehrere. Aber was versprechen sich die Unternehmenslenker von ihren Ideenlaboren und Innovationsplattformen? Welches sind ihre strategischen Zielsetzungen? Werden gerade wieder Millionen und Abermillionen in prestigeträchtigen Strategieprojekten verbrannt, auf das sich CEOs und CIOs mit coolen Projekten und Startups umgeben können? Denn eines ist sicher - Startups und Digital Labs sind der letzte Schrei. Kaum ein echter „Digital Leader“ kommt ohne aus. Egal ob traditioneller Stahlhandel oder schnöde Logistik, die CEOs haben verstanden, dass neue Produktideen und digitale Geschäftsmodelle besser im Austausch mit den jungen Wilden aus der Startup- und Tech-Branche entstehen. Doch wo ist der Unterschied zur großen Internetblase der 1990er-Jahre?

Digitalisierung vs. Internethype der 90er – Geschichte wiederholt sich nicht

Im Gegensatz zu Mitte der 90er Jahre, als das Internet an den Anfängen seiner technologischen und kommerziellen Entwicklung stand, ist das Internet heute eine global ausgebaute Infrastrukturplattform auf der sich mehr als 3 Milliarden Menschen täglich austauschen, arbeiten, Ehepartner finden, Hausgeräte steuern oder Autos und Lebensmittel kaufen. Das Internet ist nicht nur globales Leitmedium, sondern das Betriebssystem moderner Volkswirtschaften. Moderne Browser, hohe Bandbreiten und unbegrenzte Cloud-Rechenpower aus weltweit vernetzten Rechenzentren bieten für Unternehmen und Internetnutzer einen schier unbegrenzten Interaktionsraum. Allein das Handelsvolumen des globalen eCommerce lag in 2014 bei rund 1.500 Milliarden USD. Über die digitalen Werbemärkte werden jährlich rund 200 Milliarden umgesetzt. Konzernlenker und CIOs tun also gut daran, die derzeitige Digitalisierungswelle nicht als Hype abzutun, sondern sind besser beraten, diese als letzte Chance zur Transformation ihrer teils angestaubte analoge Geschäftsmodelle zu betrachten. Der Aufbau von Digital Labs ist dabei ein wichtiger, wenn auch nicht hinreichender Schritt auf dem Weg zur erfolgreichen Digitalisierung.

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Quelle: Studie „Digital Business Readiness“, 2015

Digital Labs – Wichtiger Baustein in jeder Digitalisierungsstrategie

Das Digital Lab ist eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung dafür, dass eine Digitalisierungsstrategie erfolgreich sein kann. Denn nur wenn Unternehmen über einen talentierten, kommunikations- und durchsetzungsstarken „Chief Digital Officer“, eine flexible und skalierungsfähige „Digital Infrastructure Platform“ sowie über ein wenig Spielgeld verfügen, um sich an erfolgsversprechenden oder strategisch relevanten Startups zu beteiligen, kann aus der ganzen Sache etwas werden.

Am besten wenn alle vier Voraussetzungen erfüllt sind und die jeweiligen Aktivitäten gut koordiniert werden. Denn was tun mit den guten Ideen aus dem Digital Lab, wenn sich diese dann nur umständlich und sehr langwierig umsetzen lassen. Was tun mit dem „MVP“, „Prototypen“ oder neuen Geschäftsmodell, wenn die Anschluss- und Wachstumsfinanzierung über einen Seed- bzw. Venture Capital Fonds fehlt. Somit sind CEOs und CIOs klar im Vorteil, denen das Zusammenspiel aus Kreativität, Technologie und Venture Finanzierung bewusst ist. Auch aus diesem Grund ist die Rolle des „Chief Digital Officer“ so wichtig. Denn welches Vorstandsressort in großen Konzernen kann glaubhaft den Advokat für neue Ideen und disruptive Geschäftsmodelle übernehmen? Richtig – keines! Damit wird klar, dass der Chief Digital Officer eine wichtige Rolle spielt, wenn auch viele der CDO-Positionen nur eine Erscheinung auf Zeit sein werden und nach abgeschlossener Transformation wieder verschwinden oder in operativen Funktionen aufgehen werden, z.B. als Leiter eCommerce.

Bildschirmfoto 2015-08-13 um 09.48.05Quelle: Report „Das Digital Lab“, 2015,

Digital Labs – Strategische Zielsetzungen und Funktionen

Doch was muss ein Digital Lab für das Unternehmen leisten, um als erfolgreich gelten zu dürfen? Erst einmal gilt es die wesentlichen Funktionen zusammenzufassen. Diese lesen sich wie folgt:

  • Entwicklung und Design neuer digitaler Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle
  • Use Cases zur Optimierung und Digitalisierung interner Prozesse mittels moderner IT-und IoT-Lösungen
  • Wissensaustausch mit und Zugang zu Startups, Partnern und Software-Entwicklern
  • Identifikation von Investmentmöglichkeiten, um Markteinstieg in neue digitale Wachstumsmärkte zu beschleunigen

Neben diesen strategischen Zielsetzungen und Kernfunktionen versprechen sich viele Unternehmenslenker von ihren Digital Labs auch positive Auswirkungen in der medialen Wahrnehmung und eine Stärkung des Innovations-Images. Auch wenn Digital Labs eine gewisse Leuchtturm-Funktion innehaben und unternehmensintern sicher helfen können die Digitalisierungs-Story zu vermitteln, sollten diese Beweggründe nie im Vordergrund stehen. Sonst ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Denn den Beteiligten wird meist schnell klar, ob CEO und CIO sie nur als privaten Innovations-Zoo halten, den ab und zu die Presse besuchen darf, oder ob sie als Speerspitze des digitalen Fortschritts im Unternehmen auf Augenhöhe behandelt werden. Und dies ist sicherlich angeraten, denn die digitalen Talente sind heute sehr flexibel und werden vielerorts gebraucht. Hier sollte es das Top-Management an Commitment nicht fehlen lassen.

Welche Ausprägungsformen von Digital Labs es gibt und welche Best Practices zum Aufbau und Betrieb von Digital Labs vorliegen, lesen Sie in der Vollversion unseres Reports. https://www.crisp-research.com/report/das-digital-lab-statussymbol-fur-ceos-oder-wundermittel-bei-der-digitalen-transformation/

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.