Low Code Fanbase wächst – Trainings und Zertifizierungen für Citizens und Devs?

  • Low Code Development-Plattform entwickelt sich rasant zu einem strategischen Business-Trend und definieren Software- und App-Entwicklung in Unternehmen neu
  • Große Anbieter und Konzerne werden auf die Lösungen aufmerksam - Als Nutzer und als neue Eigentümer der dahinterstehenden Unternehmen
  • Low Code Development ist ein echter Fortschritt für Mitarbeiter (Citizen Developer) und Entwickler, die jeweils auf ihre Art von der neuen Lösung profitieren können
  • Der Bedarf nach Trainings und Zertifizierungen wird immer größer, schon bald ist das Wettbieten um Low Code-Experten in den Unternehmen eröffnet

Unsere leistungs- und wissensgetriebene Wirtschaft und Gesellschaft sucht seit jeher nach Profis und Experten, die mit ihren Qualifikationen die Geschicke lenken und das Heft des Handelns übernehmen dürfen. Das Vertrauen in Personen und Organisationen, die sich im Vorfeld einer Aufgabe durch bestimmte Errungenschaften und Kenntnisse auszeichnen konnten, ist naturgemäß höher.

Für ganz konkrete Aufgaben und Problemstellungen, gerade auch in der IT, ist dieses Modell berechtigterweise sehr gefragt. Zertifizierungen, Referenzen und Co. sind weiterhin die Top-Auswahlkriterien im B2B-Umfeld. Doch wenn die Beauftragung eines Experten nicht möglich ist, weil es ihn gar nicht gibt? Dann muss das jeweilige Unternehmen in den eigenen Reihen, durch Skill-Development, Trainings und Verantwortungen dies kompensieren. Nicht selten kommen bei diesen organischen Lösungen noch bessere Ergebnisse hervor, als wenn sie ausgelagert werden.

Eine Kombination aus eigenen Skills und Ideen zusammen mit den Dienstleistern ist auch in der Digitalisierung der Königsweg. Einerseits braucht es Experten und Dienstleister, die mit einer Menge Erfahrung auf Technologie- und Strategie-Ebene aufwarten und ihr Spezialwissen einbringen können. Andererseits braucht es das ganze Unternehmen und alle Stakeholder, um parallel den Prozess zu gestalten und zu entwickeln. Immer wichtiger werden im Zuge dessen auch die Mitarbeiter. Mit fallenden Hierarchien retten sich die Entscheider nicht nur in Phrasen der Mitbestimmung sondern verändern ganz konkret die Gestaltungsgremien. Über die Hälfte der Unternehmen, die Crisp Research in einer Studie in Kooperation mit Samsung zu Beginn des Jahres befragt hat, geben an, dass die Wünsche der Mitarbeiter eine aktive und tragende Rolle bei der Umsetzung der Digitalisierungs- und Digital Workplace-Initiativen spielen.

Für das neue Softwareentwicklungs-Paradigma Low Code Development spielt diese Entwicklung eine ganz zentrale Rolle. Low Code Development-Lösungen verwenden für die Anwendungsentwicklung statt klassischer Programmierung visuelle und deklarative Techniken. Das bedeutet, dass mit vorgefertigten Tool-Snippets und einem grafischen Editor Anwender eine App “bauen” statt “coden” können.

In Deutschland kommt das Low Code-Paradigma erst jetzt richtig an. Wenngleich zahlreiche Lösungen, auch von deutschen Anbietern, schon über Jahre hinweg existierten, sind insbesondere in den letzten Monaten viele Unternehmen auf die Lösungen aufmerksam geworden. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Unternehmen gerade jetzt auf die Entwicklung neuer Anwendungen und mobiler Apps für die Mitarbeiter und Kunden setzen und im Rahmen ihrer Digitalisierungsstrategien über den Tellerrand hinaus schauen und nicht mehr ausschließlich die IT-Infrastruktur auf Vordermann bringen müssen.

Diese Aufmerksamkeit geht sogar so weit, dass Siemens mit 600 Mio. € viel Geld in die Hand genommen hat und sich den Anbieter mendix sichert, der für die Siemens-eigene Mindsphere IoT-Plattform und als zusätzlicher Wachstumstreiber im digitalen Geschäft helfen soll.

Low Code-Plattformen werden somit schon bald ein wichtiger Teil der digitalen Wertschöpfungskette sein. Als eigenständige Plattformen oder integriertes Produkt in höherwertigen Lösungen werden die Unternehmen in der Lage sein, schnell und teilweise ohne die Hilfe von Code-Zeilen Anwendungen zu entwickeln, die in Sachen Design und Funktionalität state-of-the-art sind und sich vollständig in die Architektur integrieren lassen.

Das Potential ist enorm, denn die Unternehmen können so noch schneller MVPs (Minimal Viable Products) ihrer Anwendungen aufsetzen und kürzere Going-Live-Zeiten sicherstellen. In einer digitalen Wirtschaft, die auf Geschwindigkeit, User Experience und Innovation ausgerichtet ist, ist dies eine wichtige Qualifikation der Unternehmen.

Low Code aus Profi-Sicht: Arbeitslose Developer oder der nächste Entwicklungsschritt

Bedeutet Low Code ein plötzliches Entwicklersterben? Wenn Anwendungen und Software fortan nicht mehr das Verständnis von Code-Zeilen benötigen, liegt diese Frage nahe. Denn grundsätzlich können Apps und Software schon bald von jedermann mit grundlegendem Design-, Logik- und Technologie-Verständnis auf einem internetfähigen PC gebaut werden.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Auch zukünftig werden Entwickler trotz oder gerade weil es Low Code-Plattformen gibt, besonders gefragt sein. Dies liegt erst einmal daran, dass sie auch weiterhin die Umsetzer der Lösungen sein werden, die meist nur holzschnittartig durch das Unternehmen entworfen wurden und dann in ein fertiges digitales Produkt übersetzt werden müssen. Darüber hinaus bekommen sie ein neues Tool an die Hand, welches nicht nur Standard-Abläufe automatisiert erstellt, sondern auch beim Software Lifecycle Management unterstützt. Neben den zusätzlichen Code-Fragmenten, die für die fertige App immer notwendig sein werden, können die Entwickler unter dem Strich deutlich höherwertige Aufgaben und Aufträge übernehmen. Das Design der App, die Entwicklung von intelligenter Software und damit der Quantensprung in Sachen Digital User Experience kann vor allem dann erfolgen, wenn die wenigen Entwickler sich nicht an Basis-Tasks aufhalten müssen, sondern die wirklich spannenden und skill-erforderlichen Maßnahmen angehen können. Hauptargumente für Entwickler, das Low Code-Paradigma aktiv zu treiben und sich nicht davor zu verstecken sind vor allem:

  • Schnelleres Coding bzw. Going-Live der Anwendung
  • DevOps und SDLC-Unterstützung
  • Einfache Integration in Backend & Bestandssysteme
  • Plattformunabhängigkeit (Übersetzung in native Sprachen möglich)
  • Individualisierbarkeit
  • Einfaches Fehlermanagement

Low Code aus Einsteiger-Sicht: Citizen Developer als große Chance

Für die Entwickler ändert sich durch Low Code einiges. Für die Mitarbeiter ändert sich dagegen alles. Denn sie können erstmals über den Planungsprozess hinaus bei der Entwicklung einer Anwendung mitwirken. Denn ohne die Notwendigkeit, klassischen Code einzugeben, sondern mit der Möglichkeit, fertige Bausteine zusammenzustellen, ist Entwicklungsgeschick keine Kernvoraussetzung mehr.

Mit Low Code können unterschiedlich komplexe Apps in weiten Teilen mit den fertigen Modulen auf einer grafischen Oberfläche erstellt werden. Es ist vorrangig wichtig, die Interdependenzen einzelner Funktionen zu kennen und die Logik hinter der geplanten Software zu verstehen. Gemeinsam mit einem grundlegenden Design- und Navigationsverständnis sind so auch Mitarbeiter in der Lage, lauffähige Apps zu produzieren.

Quelle: OutSystems

Die Wechselwirkung und Abhängigkeit zu und von den Entwicklern bleibt wie oben beschrieben erhalten, jedoch ist sie deutlich geringer als zuvor. Gerade in den Planungs- und Test-Prozessen können so über eine deutlich einfacher verständliche Plattform Informationen und Ideen ausgetauscht werden. Die “Citizen Developer” sind damit eine große Chance für die Unternehmen, digitale Geschäftsmodelle und -prozesse schneller, effektiver und besser aufbauen und in Betrieb nehmen zu können.

Low Code Forecast: Professionalisierung über Weiterbildung, Zertifizierung und Standards

Low Code zeichnet sich durch eine hohe User Experience, intuitive und einfach Benutzung aus. Das Ziel, wenn es dieses denn gibt, auch einmal ohne ausgewiesene Experten eine App zu entwickeln, könnte somit erreicht werden. Tatsächlich braucht es für Low Code auch keine Gurus oder ausgezeichneten Personen. Der Ansatz lebt vor allem von einer weiten Verbreitung und der Community.

Trotzdem ist es notwendig, Schulungen und sogar Zertifizierungen anzubieten. Denn einerseits soll die einfache App-Entwicklung nicht dazu führen, dass Mitarbeiter willkürlich Anwendungen entwickeln, die keiner nutzt. Ein Feingefühl für App-Development, Navigation, Design und Nachfrage muss auch im Low Code-Zeitalter vorhanden sein.

Darüber hinaus bedeutet der Umgang mit der Low Code-Plattform für alle Stakeholder eine Umstellung. Entwickler haben einen neuen Workflow, Citizen Developer lernen eine ganz neue Fähigkeit.

Um im Unternehmen die richtigen Ansprechpartner zu identifizieren, die Verantwortung übernehmen können, die Tools weiterbringen und so in Sachen App-Strategie und digitaler Geschäftsmodelle einen wichtigen Beitrag leisten, sollte eine grundlegende Schulung angeboten werden.

Noch konkreter wird der Bedarf an Zertifizierungen, wenn sich die Entwicklung der Low Code-Plattformen in Richtung Industrie und Fachbereiche weiter bestätigt. Siemens und mendix sind nur das erste Beispiel für die unheimliche Chance, IoT-Ökosysteme mit Low Code aufzubauen.

Für das Zusammenspiel der Entwickler mit den Citizen Developers und Product Owner auf der Business-Seite sowie einen exzellenten Erfahrungsschatz, was die Plattformen jeweils an Möglichkeiten bieten und wie sie zu benutzen sind, braucht es somit doch Standards und Trainingsmethoden.

Damit ergeben sich für alle Beteiligten des Low Code-Paradigmas konkrete Anforderungen:

  • Plattform-Anbieter können einheitliche Standards der Bedienung und App-Entwicklung übernehmen und weiter entwickeln. Auf Basis der Programmiersprachen und Betriebssysteme ist hier ein großer Teil schon getan.
  • Berater und Dienstleister können sich selbst im Thema Low Code fit machen und Trainingsprogramme für Entwickler und Nicht-Entwickler aufbauen, welche die Verbindung aus Business- und Wertschöpfungslogik mit der IT- und App-Entwicklung herstellt.
  • Entwickler können die Vorteile der Plattformen schon heute nutzen und den Vergleich zwischen “Hard Code” und Low Code machen. Die Umstellung auf Low Code braucht auch in agilen Teams seine Zeit.
  • Mitarbeiter können sich auf den Weg zum Citizen Developer machen. Schon mit erstem Basiswissen können sie sich an der Entwicklung von Apps versuchen und damit erste Prototypen testen, die es vielleicht auch in die Digitalstrategie der Unternehmen schaffen.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Mobile Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead für Mobility, Collaboration und User Experience des Research und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Maximilian Hille ist verantwortlich für die Marktfoschungsinitiativen und Beratungsinitiativen insbesondere in den Bereichen Digital Workplace und Mobile Business.
Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG.
Seine Schwerpunktthemen sind Digital Workplace Design, digitale Geschäftsmodelle, Unified User Experience, Mobile Backend & Development Plattformen, Mobile Management & Security, Mobile Web Experience, mobile Technologien, Mixed Reality, Chatbots, digitale Sprachassistenten und Collaboration.
Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.