Cloudreach & Claranet gehen auf Shopping-Tour – M&A-Welle im Markt für Managed Cloud Services

  • Nach der Finanzspritze von Blackstone geht der Cloud-Native Managed Service Provider Cloudreach auf Einkaufstour
  • Der skandinavische Managed Services Provider Basefarm übernimmt Unbelievable Machine in Berlin, um in der DACH-Region zu wachsen
  • Claranet holt neue Investoren an Bord und übernimmt europaweit 3 IT-Service Provider und Cloud-Spezialisten
  • Fazit: Starke Nachfrage nach Cloud-Operations Skills und breites Angebot an Beteiligungskapital als dynamische Treiber der Marktentwicklung

Mittlerweile ist es nicht mehr nur die Digitalisierung, die die Nachfrage nach Infrastructure- und Platform-as-a-Service-Diensten anheizt. Auch die Verlagerung und Transformation von klassischen Enterprise-Workloads und Unternehmensprozessen auf die Cloud-Plattformen von AWS, Azure, Google und Co. treibt die Nachfrage voran. Crisp Research geht daher in aktuellen Prognosen von einem dynamischen Wachstum der Cloud-Ausgaben von derzeit 35 Mrd. USD auf rund 83 Mrd. USD in 2020 aus.

Da die “Cloud-Transition” bestehender Anwendungen sowie die Neuentwicklung von “Cloud-native Apps” und modernen Serverless-Architekturen aber ein entsprechendes Know-how und genügend Ressourcen benötigt, die derzeit in vielen Unternehmen noch fehlen, haben diejenigen IT-Dienstleister eine hohe Nachfrage zu verzeichnen, die sich exzellent mit den Public Cloud-Plattformen auskennen. So verzeichnen die sogenannten “Managed Public Cloud Service Provider” eine hohe Nachfrage, die sich über organisches Wachstum alleine nicht mehr decken lässt. Analog zu den IT-Abteilungen der Konzerne und Mittelständler fällt es auch den Managed Service Providern nicht leicht, an talentierte Mitarbeiter mit Cloud-Skills zu kommen. Die Akquise spezialisierter Cloud-Dienstleister und kleinerer Wettbewerber ist somit eine sinnvolle Wachstumsstrategie.

Durch den Cloud-Boom, der sich bis in die Finanzbranche herumgesprochen hat, ist auch das Finanzierungsumfeld günstig. So erhalten die etablierten und smarten Managed Service Provider derzeit spielend Kapital zur Finanzierung entsprechender Akquisitionen. Die Investment-Story zielt primär auf den Zukauf von Talent und Kundenbeziehungen ab und vereinfacht in diesem Sinne auch die Due Diligence und Unternehmensbewertung. Anders verhält es sich, wenn Technologien und andere software-basierte Assets Teil des Deals sind. Gefragt ist heute alles, was die Cloud-Transition vereinfacht und beschleunigt und den Cloud-Betrieb im Anschluss zu automatisieren hilft. Managed Cloud Provider, die hier über entsprechende Tools, Benchmarkdaten und Automatisierungs-Workflows verfügen, haben somit ein Ass im Ärmel, wenn es um Verkaufsgespräche mit Investoren und größeren Wettbewerbern geht. Als wesentliche Markttrends und Treiber lassen sich somit zusammenfassen:

  • Nachfrage nach Cloud-Skills wächst weiterhin dynamisch parallel zum Cloud-Markt
  • Managed Cloud Service Provider suchen händeringend nach qualifiziertem Cloud-Personal
  • Beteiligungs- und Fremdkapital steht für Akquisitionen zur Verfügung
  • Akquisitionen von Cloud-Spezialisten somit derzeit als attraktives Element der Wachstums- und Unternehmensstrategien etablierter IT-Service Provider

Cloudreach, Claranet und Basefarm gehen einkaufen

Cloudreach zählt zu den Pionieren im Markt für Managed Cloud Services, man könnte auch sagen der “Cloud-native Service Provider”. So hat die von Pontus Noren 2009 in UK gegründete Firma nie ein Rechenzentrum oder größere Server-Farmen besessen. Der Fokus liegt rein auf Transformation und Managed Services auf Basis der Public Cloud-Plattformen. Das Unternehmen hat das letzte Geschäftsjahr mit rund 60 Mio. USD an Umsatz beendet und beschäftigt rund 250 Mitarbeiter. Die Expertise und die Wachstumsaussichten im Cloud-Markt haben das Private Equity-Schwergewicht Blackstone zu einem Investment in Cloudreach animiert. So verfügt Cloudreach seit Februar 2017 über frisches Geld und strategischen Beistand bei Akquisitionen. Im Rahmen einer Buy-and-Build-Strategie hat Cloudreach mit ETA und Cloudamize erste, wenn auch kleinere, Akquisitionen getätigt. Weitere werden wohl folgen. Wettbewerber sollten sich aufgrund der Kapitalstärke von Blackstone und des ambitionierten Managementteams auf Seiten Cloudreach auf jeden Fall in acht nehmen. Wie sich Cloudreach in der DACH-Region entwickelt, hängt maßgeblich von den Faktoren a) Customer Access und Market Awareness sowie b) Recruiting Capabilities ab. So ist die Bekanntheit von Cloudreach in der DACH-Region noch gering. Nur wenige CIOs und Cloud Manager haben die Briten derzeit auf der Shortlist. Zudem muss Cloudreach auch seine Service-Mannschaft in der Region stärken, um mit den lokalen Cloud-Playern mithalten zu können. Wenn Cloudreach die Vielzahl der ausgeschriebenen Job-Positionen in nächster Zeit besetzen kann, hat man zumindest gute Karten.

Mit Claranet zählt ein weiterer Managed Service Provider aus UK zu den maßgeblichen Playern im Managed Cloud-Markt. Auch wenn Claranet erst etwas später gestartet ist und zudem noch eigene Data Center und Infrastrukturen betreibt, hat man vor einigen Jahren strategisch in den Bereich Managed Public Cloud Services investiert - und entsprechend akquiriert. Erst kürzlich hat Claranet mit frischem Geld alter und neuer Investoren insgesamt drei IT- und Cloud-Spezialisten übernommen. So zählen nun Sec-1 (UK), Oxalide (Frankreich) und ITEN Solutions (Portugal) zur Claranet-Gruppe. Mit diesem Schritt hat Claranet rund 100 Mio. Euro Umsatz sowie weitere Cloud-Skills zugekauft. In Kombination mit neuen Partnerschaften, wie z.B. Google Cloud Platform, will Claranet das Multi-Cloud-Geschäft weiter ausbauen und vor allem Kunden mit agilen, digitalen Workloads durch einen 24/7 Managed Cloud Service unterstützen.

Mit dem Geld von Investoren kauft sich auch der skandinavische Managed Service Provider Basefarm den Kundenzugang und Marktanteile in der DACH-Region. So wurde kürzlich der berliner Cloud- und Big Data-Spezialist Unbelievable Machine durch die Norweger übernommen. Mit einer Reihe interessanter Kunden sowie einer hohen Expertise im Bereich von Machine Learning waren die Berliner ein attraktives und verfügbares Target.

Denn eines ist klar - die Anzahl an interessanten Targets ist begrenzt. Managed Service Provider mit ausgewiesener Cloud-Expertise auf AWS, Azure, GCP & Co. sind selten in der DACH-Region. Hinzu kommt, dass die Bewertungen derzeit auf einem relativ hohen Niveau liegen und einige Unternehmer geführte Cloud Service Provider auch gar nicht verkaufen wollen. Warum auch, wenn der Markt gerade wächst und das Business Spass macht. Cloudreach, Claranet und Co. müssen also die Augen aufhalten und sich kreative Ansätze ausdenken, um weitere anorganisch zu wachsen.

Die Schnellen fressen die Langsamen - Reply kauft DXC?

Die Kombination aus Investorengeld und aggressiven Wachstumsstrategien auf Seiten der “Cloud-native” Managed Service Provider schafft eine vollkommen neue Marktdynamik. So können die Schnellen die Langsamen fressen - sprich die angeschlagenen Outsourcing- und Managed Service Provider der ersten Generation, die nie ernsthaft ein Standbein im Markt für Public Cloud auf den Boden bekommen haben. Spannend  wird zu sehen sein, ob es zu Übernahmen kommt, bei denen deutlich kleinere Cloud Service Provider “alte” Konkurrenten zwecks Kundenzugang und Bestandsgeschäft kaufen.

Denkbar sind solche Szenarien. So wächst die italienische Reply-Gruppe seit Jahren (mittlerweile rund 780 Mio. Euro Umsatz) - ebenso der Börsenkurs. Hier, wie bei den Private Equity-finanzierten Cloud Service Providern, ist die notwendige Akquise-Währung vorhanden. Es stellt sich somit nur die Frage der Sinnhaftigkeit. Warum sollten sich leane, schnell wachsende Managed Cloud Provider langsame und margenschwache Outsourcing-Player ans Bein binden? Es daher zu vermuten, dass sich die Akquise- und Wachstumsstrategien von Cloudreach & Co. eher auf kleine, agile Spezialisten fokussiert, als auf die Tanker der guten alten Outsourcing-Welt. Wie deren Zukunft aussieht ist ungewiss.

Deren Chance liegen in den kommenden 2-3 Jahren in der Transformation und im Betrieb von komplexen Hybrid Cloud-Solutions und digitalen Unternehmensprozessen, die mit dem IT-Backend und bestehenden Rechenzentrumsinfrastrukturen verbunden werden müssen. Da sukzessive auch die Enterprise-IT in die Public Cloud wandert, haben T-Systems, DXC, Atos & Co. noch eine Gnadenfrist und ein stattliches Marktpotenzial vor sich. In 5-10 Jahren wird aber auch dieses Betätigungsfeld abgegrast sein und die Anwender bauen ihre Lösungen “Serverless” und mittels Platform Services auf. Dann gilt es wieder die Frage zu beantworten: “IT Betrieb - Quo Vadis?”

 

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.