Cloud Majors Strategy Check: Thronfolger Google auf dem Weg zum Cloud Thought Leader?

  • In einer mehrteiligen Serie analysieren die Analysten von Crisp Research die aktuellen Strategien und Potentiale der führenden Cloud-Anbieter. In diesem Analyst View geht es um die Strategie von Google.
  • Dank der zahlreichen Ankündigungen und des großen Einsatzes in der Open Source-Community ist Google in Sachen Cloud-Portfolio derzeit ein strahlender Stern. Nicht zuletzt, weil Google erstmals eine Antwort gegen den Vendor-Lock-In liefert.
  • Seit einigen Monaten wurde die Google Enterprise-Strategie intensiv weiterentwickelt. Mit Hilfe der Partner wird sich dies auch regional schon sehr bald zeigen.
  • Google wird eine echte Option für die Unternehmen werden und sticht seine Konkurrenten schon heute in vielen Merkmalen aus.

Die Cloud-Strategien der Unternehmen in Deutschland nehmen langsam aber sicher Fahrt auf. Die lange Test- und Evaluationsphase, in der noch immer viele Entwickler die Cloud-Adoption hierzulande getrieben haben, ist möglicherweise jetzt vorbei. Zahlreiche Unternehmen stehen vor der Wahl ihrer Public Cloud-Provider, die sie in Zukunft als strategischer Partner begleiten werden. Auch wenn alle Welt von Hybrid und Multi Cloud spricht, wird die Realität sein, dass sich auch große Unternehmen auf eine klare Auswahl der Anbieter beschränken werden und “Best-of-Breed” mit klaren Grenzen stattfinden wird. So ist die Wahl der Cloud-Provider trotz aller Diskussion um Flexibilität, Offenheit und Variabilität eine langfristige und strategische. Denn selbst wenn theoretisch die Wechselhürden möglichst klein sind, was nicht immer stimmen muss, bedeutet das Set Up einer Cloud-Umgebung inklusive der externen Infrastrukturen eine Menge Arbeit für die Unternehmen. Mit der steigenden Adoption steigen auch die Ausgaben für Public IaaS weiter stark an. In diesem Jahr werden nach Prognosen von Crisp Research knapp 50 Mrd. US-Dollar von den Unternehmen ausgegeben. Gleichzeitig buhlen mindestens eine Hand voll Public Cloud Provider, die über ein hinreichend breites und globales Portfolio verfügen, um die Gunst der Anwender.

Aus diesem Grund wird Crisp Research in den folgenden Wochen die verschiedenen Ausgangslagen und Potentiale der führenden Cloud-Angebote im Rahmen dieser Serie unter die Lupe nehmen.

Overview

Google läuft noch immer bei vielen Unternehmen unter dem Radar. Manche haben grundsätzliche Vorbehalte, die Google schon aufgrund des Namens für die eigene Strategie ausschließen, andere haben den massiven Cloud- und Enterprise-Change des Anbieters vielleicht noch gar nicht recht mitbekommen. Fest steht, dass Google derzeit stark im Aufwind steht. Die Zahl und Qualität der Releases, die der Anbieter bringt, zeigen klar, dass Google auf verschiedenen Handlungsfelder aktiv ist und ein holistisches Angebot für die Public Cloud anstrebt, das die Platzhirsche im Markt wie AWS und Microsoft (Hand auf’s Herz) regelrecht zittern lässt. Hier ist Google in einigen Fällen schon der beste seines Fachs und setzt die Maßstäbe. Auf der anderen Seite heißt dies jedoch, dass Google noch einige Lücken schließen muss, die zu den anderen Anbietern bestehen, um die ambitionierten Ziele zu erreichen. Ein Gefahrenpotential für die Zukunft wird auch Googles Regierungstreue zu den USA sein. Wie kaum ein anderer Provider ist die Nähe zu den US-amerikanischen Gepflogenheiten unverkennbar. Und das ist unter der derzeitigen Administration und den damit einhergehenden geopolitischen- und Handelsrisiken sicher kein Vorteil.

Portfolio

Das Angebot von Google für die eigene Cloud-Plattform besticht derzeit immer mehr. Schon immer ist Google dafür bekannt gewesen, dank der eigenen Infrastrukturen und Netzwerke, eine besonders leistungsstarke IaaS-Plattform zu bieten. Dass mittlerweile auch in Europa zahlreiche Cloud Data Center errichtet sind, zeigt, dass Google dies auch regional gewährleisten möchte. Mit der Inbetriebnahme des Frankfurt Rechenzentrums, hat Google einen wichtigen Schritt gemacht. Das Zürcher Pendant soll bald folgen.

Quelle: Google Cloud

Im Vergleich zu vielen anderen Providern steht dabei die User Experience auch für das IT-, Dev- und Admin-Team klar im Vordergrund der Entwicklung. Das passt auch ein wenig zum Open Source-Fokus des Anbieters, der sich vermutlich schon sehr bald auszahlen wird. Bekanntermaßen ist Google in der Open Source Community besonders engagiert. Beispiele wie die Entwicklung von Kubernetes sind ein klarer Beweis und unter dem Strich nur ein kleiner Teil in über 2.000 Projekten. Diese zahlreichen Initiativen zeigen klar, wo Google in den kommenden Monaten und Jahren seine Entwicklung konzentrieren wird. Ein genialer Geniestreich war dabei die jüngste Ankündigung des Kubernetes Marktplatzes auf der Google Cloud.

Unternehmen fürchten oft einen Vendor Lock-In, wenn sie sich für eine Public Cloud entscheiden. Das stimmt erst dann, wenn sie auch eine große Zahl proprietärer Plattform-Services nutzen, die teilweise eine geniale Unterstützung der Operations auf der jeweiligen Cloud sind, in einem Hybrid- oder Migrationsszenario allerdings ein Genickbrecher sind. Denn bei der Migration auf eine andere Cloud müssen die Features der Plattform-Services auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden, um noch lauffähig zu sein. Aus diesem Grund nutzen viele Unternehmen die Plattform-Services gar nicht, sondern bauen sich eigene Äquivalente.

Damit könnte aber dank Google bald Schluss sein. Denn der Kubernetes Marktplatz überwindet die Gefahr des Lock-Ins. Unternehmen können schon bald Plattform-Services aus dem Kubernetes Marktplatz nutzen und betreiben. Beim Wechsel der Infrastrukturen setzen sie einfach einen neuen Container-Cluster auf und migrieren den bestehenden Service, ohne theoretisch einen Feature- oder Leistungseinbruch fürchten zu müssen.

Die Unternehmen, die also einen guten Kubernetes und Container Service auf ihrer Plattform bieten, haben hier die besten Karten. Dort ist Google den Konkurrenten bei genauerem Hinsehen tatsächlich meilenweit voraus. Das zeigt sich in der User Experience und daran, dass es fast nur bei Google wirklich tadellos läuft.

Auf der anderen Seite arbeitet Google auch intensiv daran, sich für den Betrieb von Enterprise Workloads zu wappnen. Immer mehr Unternehmen wollen auch im Lift & Shift-Modus bestehende Anwendungen auf die Public Cloud migrieren und dort betreiben. Dazu braucht es vor allem Migrations- und Managementwerkzeuge, die mit den bestehenden Architekturen kompatibel sind. Jüngste Ankündigungen zu Partnerschaften beziehungsweise der Unterstützung von VMware- und NetApp-Tools unterstreichen das ernsthafte Bemühen von Google. Jedoch reicht dies vermutlich nicht aus, um reibungslos bestehende Workloads in die Google Cloud zu bringen und zu betreiben.

Enterprise Strategy

Die Enterprise Strategie von Google ist seit einigen Monaten schon offenkundig die größte Baustelle bei Google. Hier wachsen Produktentwicklung und strategische Führung gerade wieder noch näher zusammen. Das zeigt sich u.a. daran, dass der Schweizer Urs Hölzle, SVP for Technical Infrastructure und Verantwortlicher hinter Design und Performance der Cloud-Rechenzentren, direkt an die Enterprise-Strategiechefin Diane Greene berichtet.

In der Realität ist Google immer noch dabei, seine Reputation bei den Unternehmen aufzupolieren. Dazu gehört einerseits, störende Imagefragen zu widerlegen oder zu überwinden und sich andererseits als klarer Partner für die Unternehmen zu positionieren. Im Zuge dessen wird Google sich auch zunehmend in einzelnen Branchen aufschlauen und teilweise spezifische Angebote für bestimmte Zielgruppen entwickeln.

Schon heute steht die Enterprise-Strategie auch unter dem Stern “One Google”. Auch Google zeigt also, dass Thought Leadership im Open Source-Umfeld und eine klare Wachstumsstrategie nicht im Widerspruch stehen müssen. Unter One Google versteht der Anbieter einerseits, dass große Teile des Portfolios um und neben des Cloud-Plattform-Angebots, für die Unternehmen zur Verfügung stehen sollen. Der One Google-Stack ist gerade hierzulande noch ein seltenes Phänomen, hat sich in Übersee aber durchaus schon als praktikabel erwiesen. Zum anderen bedeutet One Google aber auch, dass die Organisation der Unternehmen den Google-Weg adaptieren soll. Mit Hilfe der eigenen Erfahrungen möchte Google den Unternehmen dabei helfen, agiler und reaktionsschneller zu werden und so in der Cloud, Digital und Open Source Welt zu reüssieren.

Langfristig hält Google an der Strategie fest, dass sämtliche Kunden und Projekte gemeinsam mit einem Partner realisiert werden (100% Partner-attached). Dies macht gerade vor dem Hintergrund, dass die Unternehmen langfristig einen zentralen Ansprechpartner wünschen, absolut Sinn.

So sind es derzeit vor allem die Managed Public Cloud Provider, die selbst erkennen, welches Potential in der Google Cloud steckt. Die Veränderung der Provider in Zahl und Güte gerade in Deutschland zeigt das deutlich. Immer mehr führende Managed Public Cloud Provider, darunter allen voran Reply, Nordcloud oder Claranet (u.a.) durchlaufen Zertifizierungsprogramme und werden enge Partner und Google Ambassador für Deutschland.

So muss Google die Verantwortung für den Kreuzzug in den Unternehmen gar nicht alleine übernehmen. Mit Hilfe der Partner multiplizieren sich die Zugänge in die Unternehmen direkt um ein vielfaches.

Roadmap

Klar ist, dass Google noch viel Arbeit leisten muss, um sich an die Spitze des Cloud Marktes zu setzen. Ebenso klar ist aber auch, dass Google derzeit die wohl besten Karten hat, die Macht in diesem so wichtigen Markt zu übernehmen. Auf Seiten des Portfolios, der User Experience und Performance steht Google derzeit zumindest gemessen am Momentum ganz vorne im Markt. Die Vorherrschaft in Sachen Open Source wird sich schon bald auszahlen, wenn auch die Unternehmen vermehrt ihre Open Source-Strategien in die Tat umsetzen.

Regional und im Hinblick auf die Strategie, kann Google endlich beginnen, richtig Fahrt aufzunehmen. Die DACH-Organisation wächst weiter. Und vor allem wächst sie über eine reine Sales-Organisation hinaus. Mit einem differenzierten Ökosystem und einem Team aus Cloud-Experten vor Ort, kann auch hierzulande bei Google eine ernste Marktstellung entwickelt werden. Wenn sich die führenden Persönlichkeiten im DACH und EMEA-Raum nicht ausschließlich auf das Recruiting konzentrieren müssen, sondern die Plattform, Strategie und Partnerlandschaft aus eigenem Antrieb heraus zu entwickeln, wird sich dies für Google in jedem Falle auszahlen.

Bottom Line

Unternehmen, die bislang Google noch nicht auf dem Zettel haben, sollten ihre Position schleunigst überdenken. Gerade in der Welt der orchestrierten Hybrid und Multi Cloud-Umgebungen ist eine Google Cloud eine der besten Optionen für den Betrieb performanter cloud-native und Enterprise-kritischer Anwendungen. Die Vorbehalte gegenüber Google erweisen sich nur in Teilen als begründet, sodass es eine große Zahl von Workloads gibt, die problemlos betrieben werden können. Insbesondere die IT- und Dev-Teams werden es den Unternehmen danken, sich frühzeitig in die Open Source-Bewegung einschalten zu können und einen wichtigen Trend aktiv vorantreiben können.

Die Google Cloud mag für viele Unternehmen derzeit noch nicht relevant sein. Die Message ist aber klar: Sie wird es werden! Wenn es Google gelingt, die Innovationsfrequenz hoch zu halten und weiter auf die richtigen Karten zu setzen, führt schon bald in einigen Cloud-Fragen kein Weg mehr an dem Suchmaschinenriesen mit angeschlossener Cloud-Factory vorbei.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Mobile Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead für Mobility, Collaboration und User Experience des Research und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Maximilian Hille ist verantwortlich für die Marktfoschungsinitiativen und Beratungsinitiativen insbesondere in den Bereichen Digital Workplace und Mobile Business.
Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG.
Seine Schwerpunktthemen sind Digital Workplace Design, digitale Geschäftsmodelle, Unified User Experience, Mobile Backend & Development Plattformen, Mobile Management & Security, Mobile Web Experience, mobile Technologien, Mixed Reality, Chatbots, digitale Sprachassistenten und Collaboration.
Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.