Cisco & Jive – Klein hilft Groß

Cisco und Jive haben zu Anfang des letzten Monats eine strategische Partnerschaft bekanntgegeben. Cisco stellt WebEx Social ein und wird gemeinsam mit Jive eine integrierte Suite anbieten, die Social Collaboration und Echtzeit-Kommunikation vereint. Die Frage dahinter ist, für wen diese Partnerschaft mehr Vorteile mit sich bringt.

Social Collaboration ist aktuell eines der wichtigsten strategischen Themen großer IT-Anbieter. Zum einen ist es ein großer und stark wachsender Markt. Zum anderen dienen Social Collaboration Plattformen als Einfallstor zur Enterprise-IT. Allerdings sind die Hürden mittlerweile hoch, was die Themen Usability, Funktionsumfang und Integration angeht.

Immer mehr Unternehmen setzen solche Lösungen ein. Social Collaboration bzw. Enterprise Social Network (ESN) Suites werden zunehmend ein wichtiger Bestandteil der Geschäftsprozesse über nahezu alle Branchen hinweg. Da  solche Lösungen ein optimaler Ankerpunkt für die Anbieter sind, um über Cross- und Up-Selling weitere Produkte am Kunden platzieren zu können, ist es unerlässlich, an dieser Stelle gut aufgestellt zu sein.

In Würde sterben: WebEx Social

Cisco steht seit längerer Zeit für führende Produkte im Bereich Echtzeit-Kommunikation. Um ein ganzheitliches Portfolio, also ein gesamtes Enterprise Social Network abbilden zu können, ist daher auch das Thema Social Collaboration von hoher strategischer Relevanz für das Unternehmen. Allerdings war man trotz zweimaligem Anlauf nicht in der Lage, das entsprechende Produkt WebEx Social (ehemals Quad) eigenständig erfolgreich zu vermarkten. WebEx Social war als Lösung für das vernetzte Arbeiten durchaus ein passables Produkt. Basis-Funktionen wie einfaches Dokumentensharing und zusätzliche Kommunikations-Schnittstellen waren vorhanden. Allerdings muss bereits an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Lösung zu zögerlich weiterentwickelt wurde. Cisco war schlichtweg nicht in der Lage, mit der Innovationsgeschwindigkeit des Wettbewerbs mitzuhalten, um dem Bedarf der Anwender gerecht werden zu können.

Weiterhin war Cisco auch nicht in der Lage WebEx Social richtig zu vermarkten. Für viele Anwender war es offenbar ein Hemmnis, direkt eine vergleichsweise teure und umfangreiche Suite zu kaufen. Cisco verfolgte allerdings  die Strategie, Cross- und Upselling-Potenziale über WebEx Social heben zu wollen und die Lösung ausschließlich mit einer Vielzahl weiterer Lösungen im vorkonfektionierten Bundle anzubieten. Möglicherweise wäre ein modularer Aufbau  des gesamten ESN-Portfolios die bessere Strategie gewesen.

Da man sich bis zuletzt dagegen gewehrt hat, dies zu ändern, und WebEx Social auf andere Weise anzubieten, musste  sich Cisco am Ende eingestehen, dass das Projekt Social Collaboration offenbar gescheitert ist.

Kooperation mit Jive hebt Potenziale

Der Aufbau und Betrieb einer erfolgreichen Collaboration-Lösung war für Cisco alleine also nicht umsetzbar. Jive stellt dagegen eine erfolgreiche Lösung in diesem Segment dar, welche sich Cisco nun zu Nutze machen möchte. Mit der Integration von Jive, das als sogenannter Pure Play Vendor besonders stark auf das Thema Collaboration fokussiert ist, da es prinzipiell nur ein Produkt, wenn auch in mehreren Ausführungen, anbietet, ist es für Cisco möglich auf ein anerkanntes Produkt bauen zu können. Ergänzt werden soll das Collaboration-Paket von Jive mit den Cisco-eigenen Entwicklungen Jabber (Kommunikation über Sprache, Messaging, Videos) und WebEx Meetings (Web-Konferenzen). Damit ergäbe sich ein stimmiges und vollständiges Produkt, welches die Stärken beider Partner gut kombiniert und daraus (endlich) eine vollständige, gut zu vermarktende Lösung für Cisco, aber natürlich auch für Jive, macht. Kollaboration ist eng verbunden mit Kommunikation. Daher macht die Vereinigung beider Eigenschaften in einem Produkt durchaus Sinn. Auf der Homepage von Jive ist die Partnerschaft folgendermaßen beschrieben:

“Jive is the world’s premier enterprise collaboration platform. Cisco is the leader in real-time communication. Now we’re teaming up to bring you the best of both–in one complete end-to-end solution.”

Jive screenshot

Reselling oder aktiv entwickeln?

Auf den ersten Blick mag Cisco hier die Rolle des „großen Bruders“ einnehmen, der dem jungen und kleineren Unternehmen Jive die große Welt eröffnen will. Das vorhandene Partnernetzwerk, die Vertriebsexpertise und der Brand von Cisco sind für den Vertrieb von Jive ein uneingeschränkter Zugewinn. Allerdings muss das nicht heißen, dass Cisco die Rolle des Zugpferds übernehmen kann. Die Partnerschaft ist nämlich nicht exklusiv. Das bedeutet, dass Jive in der Lage ist, das Produkt weiterhin selbstständig zu vermarkten und gleichzeitig weitere Partnerschaften mit ähnlichen  Modellen eingehen kann. Das Risiko für Cisco ist hoch, da Jive als eigenständiger Anbieter auch jederzeit von einem Konkurrenten gekauft werden könnte, oder die Partnerschaft einfach wieder beendet. Die daraus resultierende Folge wäre vermutlich, dass Cisco ohne Collaboration-Lösung am Markt bestehen müsste.

Allerdings ist die aktuell geplante Form der Partnerschaft erst der erste Schritt hin zu einer engeren Vernetzung beider Unternehmen.  Was bereits seitens beider Managements anklang ist, dass aus dem anfänglichen Reselling beziehungsweise dem Verbinden der einzelnen Produkte auch eine Entwicklungs-Partnerschaft entstehen soll. Die Verfolgung dessen sollte vor allem für Cisco ein essentielles Thema sein. Denn Jive hat gezeigt, dass man mit einer modernen Lösung, die hinsichtlich Release-Zyklen, Usability, User-Interface „state-of-the-art“ ist erfolgreich sein kann. Damit es Cisco gelingt, Jive noch näher an die eigene Strategie und das eigene Portfolio heranzuziehen ist es notwendig, die weitere Produktentwicklung proaktiv zu begleiten und vor allem hinter dem neuen Produkt zu stehen, um die gemeinsame Lösung gut verkaufen zu können. Sollte Cisco den Fehler machen, diesen Bereich nur als Nebenkriegsschauplatz zu verstehen, könnte man bei dem Thema Collaboration mittelfristig wieder auf sich allein gestellt sein.

Die Kennzahlen beider Unternehmen täuschen über die tatsächlichen Kräfteverhältnisse der Partnerschaft hinweg. So erwirtschaftet Jive aktuell einen Jahresumsatz von etwa 150 Mio. US-$. Dagegen ist Cisco mit 48,6 Mrd. US-$ mehr als 300 Mal so groß wie der neue Partner. Der Unternehmenswert von Jive zeigt aber, dass dem jungen Anbieter ein besonderes Standing und ein hohes Potenzial zugeschrieben wird. Die Marktkapitalisierung von über 580 Mio. US-$ liegt fast viermal über dem Jahresumsatz.

Implikationen für den Markt

Somit bleibt Cisco nichts anderes übrig, als diese Partnerschaft auf Augenhöhe zu akzeptieren und zu unterstützen. Das Kerngeschäft von Cisco steht schon länger unter massivem Druck. Themen wie IoT (Internet of Things) werden in Zukunft zwar ein Milliardenmarkt, aber diese Zukunft liegt noch einige Quartale entfernt. Außerdem ist die Konkurrenz stark. Microsoft, IBM und Co. besitzen erfolgreiche und etablierte Produkte, die eine strategisch wichtige Rolle  innerhalb des jeweiligen Portfolios spielen.

Dabei ist es nicht einmal notwendig, diese Expertise eigenständig zu entwickeln. Die Übernahmen  der letzten Jahre haben gezeigt, dass die großen Unternehmen erkannt haben, dass Pure Play Anbieter hinsichtlich Innovation, Reaktionsfähigkeit und Abbildung des Kundenbedarfs oftmals die Nase vorn haben. Dies liegt einerseits daran, dass sie in der Lage sind, ihre Lösungen tatsächlich mit vollem Eifer und absoluter Sorgfalt entwickeln zu können.  Andererseits ist es für diese Unternehmen deutlich einfacher, bedarfsgerechte Lösungen zu entwickeln, da Service Design und Entwicklungsgeschwindigkeiten den Anforderungen des Marktes optimal entsprechen. So sind vor allem kleine Entwicklerteams deutlich schneller und effektiver, als ein Pool aus mehreren 1.000 Verantwortlichen in einem globalen Großkonzern, die durch Off- und Nearshoring sowie langwierige Abstimmungsprozesse ein hohes Maß an notwendiger Flexibilität verlieren.

Benchmark für globale Konzerne wie Cisco ist beispielsweise IBM. Big Blue hat genau diese Schwächen früh erkannt. Um dennoch die notwendige Flexibilität und Innovationsfähigkeit erfolgreicher Anbieter beibehalten zu können, hat man rechtzeitig strategische Geschäftsfelder definiert, um aus diesen Segmenten junge Unternehmen zukaufen zu können, die die entstandenen Löcher stopfen konnten. So hat IBM über die Jahre gezielt junge Unternehmen akquiriert, die Lösungen innerhalb der als strategisch definierten Geschäftsfelder entwickeln.

Um weiterhin eine führende Marktposition einnehmen zu können, werden große Unternehmen in den kommenden Jahren weiterhin auf Partnerschaften und Zukäufe von und mit solchen Pure Play Anbieter setzen müssen, um den Mangel an eigener Innovationskraft zu ersetzen.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Mobile Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead für Mobility, Collaboration und User Experience des Research und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Maximilian Hille ist verantwortlich für die Marktfoschungsinitiativen und Beratungsinitiativen insbesondere in den Bereichen Digital Workplace und Mobile Business.
Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG.
Seine Schwerpunktthemen sind Digital Workplace Design, digitale Geschäftsmodelle, Unified User Experience, Mobile Backend & Development Plattformen, Mobile Management & Security, Mobile Web Experience, mobile Technologien, Mixed Reality, Chatbots, digitale Sprachassistenten und Collaboration.
Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.

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