Chancen trotz Krise – Warum Unternehmen von Kryptowährungen profitieren können

Die Blase ist geplatzt: Der Bullrun ist vorbei. Nach einem nahezu 600-prozentigen Kursanstieg der digitalen Leitwährung Bitcoin in den letzten Monaten ist die Marktkapitalisierung nun um nahezu 60 Prozent gefallen: Ein Rückschlag von nur 2 Monaten. Die Unsicherheit ist hoch, und viele behaupten, dass dies der Todesstoß war. Doch diese Korrektur ist eine gute Sache. Denn Kryptowährungen erhalten im Business-Kontext bzw. im Kontext der digitalen Transformation eine zunehmende Relevanz.

Quelle: https://www.finanzen.net/devisen/bitcoin-euro-kurs 05.03.2018

Die Achterbahnfahrt der Kurse, betrügerische ICOs (Initial Coin Offerings) und die scheinbar unglaublichen Geschichten rund um die jungen Bitcoin-Millionäre, verstellen vielfach den Blick für die langfristigen Chancen und Innovationspotenziale dieser neuen Digitalwährungen. Da im weiteren Verlauf der Digitalisierung der Geschäftsmodelle auch eine Automatisierung der Geschäftsprozesse und Zahlungsabwicklung in Echtzeit (oder nahezu Echtzeit) erfolgen muss, können Kryptowährungen ein strategisch wichtiger Baustein erfolgreicher Unternehmensstrategien im digitalen Zeitalter werden.

Derzeit ist der Markt für Kryptowährungen durch eine hohe Intransparenz sowie extreme Dynamik geprägt. Daher möchten wir im Rahmen dieses Beitrags versuchen, die verschiedenen Formen und Spielarten von Kryptowährungen zu definieren sowie deren hauptsächlichen und sinnvollen Use Cases zu erläutern.

Was sind überhaupt Kryptowährungen?

Internetwährungen, Cryptocurrencies oder Kryptowährungen sind dezentralisierte, kryptografisch gesicherte Netzwerke und Tauschmittel, die fast immer auf einer Blockchain basieren. Sie zeichnen sich durch die Machtverteilung in ihren Netzwerken aus und durch die Möglichkeit Überweisungen peer-to-peer zu senden, ohne einen Mittelsmann. Auch können diese Währungen nicht beliebig durch Notenbanken oder Regierungen nachgedruckt werden. Entweder muss man sie schürfen (minen) und unterstützt mit seiner Rechenleistung den Erhalt der Struktur, oder die Menge ist vordefiniert und kann unmöglich erhöht werden. Dadurch dass Kryptowährungen digital entstehen bzw. vorhanden sind und (noch) nicht von öffentlichen Instituten erstellt wurden, spielen Staatsgrenzen bei den Überweisungen, den Gebühren oder der Transaktionszeit keine Rolle. Auch Stromeffizienz unterscheidet sich enorm: Während manche Währungen nicht mal eine Wattstunde für eine Transaktion verbrauchen, so verbraucht eine Bitcoin-Transaktion mehr Strom als ein Einfamilienhaus in einer Woche.

Zentrale Charakteristika von Kryptowährungen:

  • Dezentral
  • Kryptographische Architektur
  • Nicht an Staatsgrenzen gebunden
  • Kein Mittelsmann / Peer-to-Peer

Im Unterschied zu digitalen Payment Providern, wie z.B. Paypal oder Stripe, schaffen Kryptowährungen keine Third-Party Platform um Zahlungen online abzufertigen. Es gibt mehrere entscheidende Unterschiede: Während diese nämlich dem Kontoinhaber ähnlich wie eine Bank ein Guthaben zuschreiben und den Zahlungsverkehr zentral abwickeln, somit also auch immer Gebühren für den Händler oder Käufer entstehen und dieser dritten Partei auch volles Vertrauen geschenkt werden muss, fällt dies alles bei den  Kryptowährungen weg. Nano und IOTA z.B. ermöglichen durch ihre Architektur kostenlose Transaktionen für beide Seiten, sowie durch die Dezentralisierung einen Schutz vor Kontoeinfrierungen oder Ähnlichem und die Möglichkeit zu direkten Transaktionen ohne Zwischen-Partei.

Die unterschiedlichen Arten von Kryptowährungen

Anders als bei Fiat-Währungen (Dollar, Euro, Yen) haben Kryptos verschiedene Nutzen und Ziele, die sich teilweise auch mit der Zeit verändern. Vor allem zeichnen sie sich durch verschiedene technologie- und einsatzbedingte Vor- und Nachteile aus.

Krypto als Geldersatz/Zahlungsmittel

Der offensichtlichste und bekannteste, angestrebte Anwendungsbereich für den Großteil der momentanen Kryptowährungen ist das Ersetzen der Fiatwährungen. Sie versuchen das durch überlegene Eigenschaften zu erreichen. Kryptos können viele Vorteile bringen, minuten- bis sekundenschnelle, günstige Transaktionen über die ganze Welt, mehr Sicherheit und weniger Einfluss durch einzelne Entscheidungsträger.

Ein logischer Schritt wenn man sich die vergangenen Effekte der Digitalisierung ansieht:

In der jungen Generation wurde das Fernsehen durch Youtube ersetzt, zu großen Teilen wurden Briefe durch den eMail-Verkehr obsolet und jetzt wird nicht nur versucht das traditionelle Geld zu digitalisieren, sondern es entwickelt sich ein komplett neues Verständnis von Finanzen, Transaktionen und Währungen.

Momentane Nachteile, wie z.B. dass Transaktionen am Wochenende schlichtweg nicht möglich sind oder die ständige Angst, dass die Kontrolle des Geldes in den Händen von profitorientierten Banken liegt, die durch ihre Gier jederzeit eine neue Finanzkrise verursachen könnten. Ein modernes Beispiel dafür ist das Land Venezuela, mit einer Inflationsrate von ungefähr 2600 Prozent bis dato in den letzten Jahren. Auffällig ist, wie dieses Land die Statistiken in Südamerika dominiert, was Krypto-Suchanfragen, Kontoeröffnungen oder Wallet-Downloads angeht. Denn die Menschen suchen Zuflucht für ihr Kapital und sehen diese neue Technologie als die beste Lösung. Es geht diesen Menschen nicht um das schnelle Geld, es geht um die Rettung ihres Besitzes.  “Be your own bank.”, der Slogan der Seite blockchain.info fasst es ganz gut zusammen.

Einige bekannte Coins dafür sind Bitcoin und Nano (ehemals RaiBlocks), die beide mit einer Blockchain-Technologie arbeiten. Oder IOTA, eine deutsche Kryptowährung mit einem komplett anderen Lösungsansatz: der Tangle als Platform, “the next generation blockchain”, wie der Fujitsu Deutschland CEO Rolf Werner sie in einer Vorstellung genannt hat. Während alle Fiat-Währungen im Kern gleich funktionieren (entgegengebrachtes Vertrauen der Bürger an eine Autorität mit der Erlaubnis sich um das Geld zu kümmern), so ist es bei Krypto vom Kern aus anders.

Während IOTA sich auf die Machine to Machine Economy fokussiert (IoT im Namen) und momentan mit 20-30 Transaktionen pro Sekunde läuft, so wurde das Nano Netzwerk schon erfolgreich mit 200 tps getestet. Zum Vergleich: Bitcoin ist momentan durchschnittlich bei 2-5 tps, Ethereum bei maximal 6.  Eine Veränderung seit dem auch intern verfassten Artikel von Moritz Strube am 19.05.2017.

Doch das angestrebte Ziel kann auch verfehlt werden, vor allem bei einem Test auf Herz und Nieren. Denn Bitcoins Architektur macht Probleme. Dadurch, dass der begrenzte Speicherplatz in den Blöcken nun von immer mehr Menschen geteilt werden muss, dauert es teilweise Stunden bis eine Transaktion bestätigt wird. Dadurch steigen die Gebühren. Auch wenn die hohen Transaktionsgebühren von 10 Euro mittlerweile beseitigt wurden, wird keine Bitcoin-Transaktion jemals kostenlos sein.

Krypto als Plattform / Multifunktionsnetzwerk

Im Laufe des Jahres 2017 entwickelte sich auch das Interesse die Blockchain und den Ledger als Plattform für andere Funktionen zu nutzen sehr dynamisch. So entstanden Kryptos, wie Ethereum und NEO. Einer der größten Nutzungsbereiche dieser Netzwerke  sind die ICOs (Initial Coin Offerings). Dazu kommen wir später.

Beide nutzen sogenanntes GAS als Zahlungsmittel für Transaktionen. Während man auf der Ethereum Blockchain die eigene Währung Ether (auch oft aus Bequemlichkeit Ethereum genannt) nutzt, um Transaktionen zu finanzieren, so ist es bei NEO etwas anders. Wenn man NEO kauft, kauft man Anteile des Netzwerks und generiert GAS alleine nur durch den Besitz der Anteile. Außerdem nutzt NEO bekannte Programmiersprachen für ihre ICOs, Ethereum dagegen hauseigene.

Was beide jedoch gemeinsam haben sind Smart Contracts. Dies sind Vereinbarungen die in das Netzwerk eingespeist und in dem Ledger aufgeschrieben werden, mit keiner Möglichkeit sie im Nachhinein zu ändern oder zu löschen. Das gibt einem die Möglichkeit den Trust-Faktor zu entfernen. Entgegengebrachtes Vertrauen für Leistungen fällt so in der Blockchain weg. Vertragsklauseln können so teilweise automatisch ausgeführt werden, wenn die vorher ausgemachten Umstände eingetroffen sind. Mehr Bequemlichkeit und mehr Sicherheit können so erreicht werden.

Ein anderes Beispiel wäre VeChain, eine Coin mit dem Ziel Transportketten zu dokumentieren und transparent bereitzustellen. Dies wird durch die Einspeisung von Produkten in die Blockchain ermöglicht. Methoden wie NFC, RFID und QR-Codes lassen einen dann sehr einfach die komplette Transportkette inklusive Temperatur, Dauer und Herkunftsort überprüfen. Bessere Dokumentation und mehr Transparenz für die betreffenden Firmen und auch Endverbraucher sind zwei der Vorteile davon.  Ein eigenes Netzwerk kommt im Juni, mit Verbesserungen für den speziellen Use-Case. Auch wird dann eine two-coin Lösung angestrebt, ähnlich wie bei NEO.

Krypto als Kickstart durch ICO’s

Wie vorher angeschnitten, erlauben Blockchains wie NEO und Ethereum die Erstellung von Tokens, sogenannte ICO’s, das Digitale Äquivalent zu den IPOs mit einigen neuen Vorteilen. Diese geben Startups in der Krypto-sphäre die Möglichkeit genug Geld zu sammeln, um etwas Bestehendes oder Neues mit der Effektivität einer Blockchain auszustatten. Die Realisierung solcher Projekte wird somit immer wahrscheinlicher.  Durch die Initial Coin Offerings bekommt jeder die Chance noch in der frühesten Phase in ein Projekt zu investieren. Noch ein Bonus ist die Nutzbarkeit dieser Tokens bei vielen Projekten, denn durch das Erstellen eines eigenen Ökosystems wird nicht nur eine Basis generiert, es kann auch eine eigene Architektur- und Smart Contract-Basis für jegliche Projekte entstehen. Zudem kann durch die größere Online-Reichweite auch viel Geld angezogen werden. Erfolgreiche ICO’s sind oft im zweistelligen Millionenbereich. Je größer und erfolgversprechender das Vorhaben wird, desto mehr Marktplätze bieten den Austausch von Bitcoin und Co. zu diesen an. Die Nachfrage und Liquidität steigt - und der Kurs gleich mit.

Ein Beispiel ist Oyster Pearl, ein Projekt in der Betaphase mit dem Ziel, die kaputte Internetökonomie zu retten. Ungefähr 30 Prozent aller Internetnutzer haben momentan einen Adblocker - und die Zahl steigt täglich. Besonders beliebt ist dieser bei aktiven Internetnutzern, die eigentlich die größten Werbeeinnahmen generieren sollten. Oyster Pearl ermöglicht Seitenbetreibern eine Zeile Code in ihre Website zu integrieren, welche die Leistung des Besucher-PC’s erkennt und einen kleinen Teil dessen Rechenleistung nutzt um Oyster Pearl zu minen. Für den Nutzer ändert sich nichts, da die genommene Rechenleistung dieselbe wäre wie die für das Anzeigen der Werbung. Die gefundenen Oyster Pearl können dann für Speicherplatz eingetauscht werden, mindestens 64GB anonymer, dezentralisierter und sicherer Cloudspeicher auf der IOTA Tangle für ein Jahr. Der Nutzer sieht keine Werbung mehr und besucht die Seite lieber, der vorhandene Adblocker muss nicht deinstalliert werden und der Websitebetreiber bekommt sein Geld abhängig von der Zeit die der Nutzer auf seiner Seite verbringt, zudem profitiert die Tangle von dem hohen Transaktionsvolumen da diese mit steigender Nutzung schneller wird.

Chancen und Risiken - für Unternehmen und Anleger

Der Vorteil vieler Kryptowährungen ist unbestreitbar. Doch der Markt ist jung. Sehr viel neues Geld fließt rein, oft mit nicht ausreichender Recherche. Die eigentliche Gefahr stellen nicht Regulationen oder Angriffe dar, denn diese stabilisieren diesen Markt und sortieren schlechte Projekte aus.

Sondern es sind die Marktakteure, die nur auf das schnelle Geld aus sind, welche auf lange Sicht den größten Schaden anrichten könnten. Bei einem so unregulierten und Hype-basierten Markt mit wenigen funktionierenden Assets ist das Risiko für FUD (Fear-Uncertainty-Doubt) hoch. Durch schlechte Reportage, falsche Quellen und viele Gerüchte wird so die Mass Adoption verlangsamt.

Bitcoin als Beispiel hatte schon mehr als ein dutzend 20%+ Kursstürze in seiner Geschichte, manche mehr als 60%. Man muss an die Technologie glauben, um ein Early-Adopter zu sein. Ohne Frage werden ein Großteil aller jetzigen Kryptos über die Zeit enorm an Wert verlieren, gar verschwinden.

Natürlich ist ein solch junger, liquider und intransparenter Markt auch sehr attraktiv für Betrüger. So existieren viele Projekte, die einfach nicht halten können, was sie versprechen. Bitconnect ist ein gutes Beispiel dafür. Lange war vielen Leuten bekannt, dass es sich um ein klassisches Ponzi-Scheme handelt, dennoch gab es viele ignorante Investoren oder Akteure, die sich von den falschen Quellen informiert haben. Letzen Monat hat Bitconnect seinen Service eingestellt. Innerhalb von wenigen Tagen ist der Kurs von 431$ auf unter 10$ gefallen. Leider kein einmaliges Beispiel.

Potentielle Gefahren, Risiken und wichtige Meilensteine sollten einem bekannt sein, um bei einem Kurseinbruch die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Es gibt auch viele verschiedene Use Cases, oft sind sie sogar sinnfrei und man fragt sich, wieso dafür jetzt genau eine Blockchain erforderlich sein sollte. Denn die Blockchain ist nicht für alles von Nutzen. In Projekte zu investieren, die schon etabliert sind, verringert das Anleger-Risiko. Auch verschiedene Use Cases abzudecken ist nicht schlecht. Denn schließlich kann man nur erraten, welcher Wirtschaftszweig erfolgreich durch Kryptowährungen, Plattformen und Tokens in Zukunft auf den Kopf gestellt wird.

Empfehlungen

Außer Frage steht, dass dieser neue Markt enorme Wachstumspotenziale in sich trägt.  Doch wir stehen gerade ganz am Anfang. Blockchain Entwicklungen und -Startups werden vorher nicht dagewesene Möglichkeiten erforschen. Viele Projekte werden scheitern, viele Menschen werden auch noch lange der Sache kritisch gegenüberstehen, doch wie auch einst das Internet, wird nur die Zeit zeigen, was wir wirklich als Menschheit daraus gewinnen können.

In einer Null-Zins-Phase mag es auch für Unternehmen interessant sein, Teile der Liquidität in Krypto-Währungen anzulegen oder zumindest die digitalen Geschäftsmodelle und -Transaktionen via Digitalwährungen abzuwickeln, um so die digitalen Transaktionskosten gering zu halten und global skalierungsfähig zu sein. Krypto-Währungen sind daher deutlich mehr als Spielgeld abenteuerfreudiger Hedgefonds und Startup-Gründer. Die Fähigkeit, Transaktionen sicher und compliant in Krypto-Währungen abzuwickeln könnte zu einer Standard-Fähigkeit wie heute die Nutzung von Cloud-Diensten oder die Integration von Paypal als Payment Provider werden. Unternehmen und ihre Digital-Verantwortlichen sollten sich daher mit den Funktionsweisen und verschiedenen Facetten der neuen Digital-Währungen auseinandersetzen, und dabei Chancen und Risiken immer im Blick behalten.

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Über den Autor:

Analyst

Smart Contracts

Valentin PletnevValentin Pletnev ist beim IT-Research- und Beratungsunternehmen Crisp Research AG als Analyst tätig. Er fokussiert seinen Research auf die Schwerpunktthemen Krypto-Währungen, Krypto Hedging und Risk Management sowie Smart Contracts und untersucht die Einsatzszenarien und Adoptionsstrategien der jungen Digitalwährungen in deutschen und globalen Unternehmen.

Valentin Pletnev verfügt über eine Ausbildung in Wirtschaftsinformatik (Fachabitur Wirtschaftsinformatik) und studiert Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Kassel. Er spricht Deutsch, Englisch, Russisch und Bulgarisch. Der junge Technologie-Enthusiast beschäftigt sich seit einigen Jahren mit Krypto-Währungen und Online Gaming.