Bulette oder Filetstück? Host Europe schluckt Telefonica Online Services

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Manchmal ist einem im erstem Moment gar nicht so klar, was da gerade auf dem Teller gelandet ist. Was auf der Karte eben noch als „Frischlingsrücken“ bezeichnet wurde entpuppt sich dann beim Essen oft als banale „Schweinerei“.

Das ist bei Übernahmen häufig nicht anders, bekommt der Käufer doch auch das Objekt der Begierde nur von seiner schönsten Seite präsentiert, Due Diligence hin oder her. Was also hat sich Host Europe mit der Übernahme der Telefonica Online Services gerade einverleibt? Aber erst mal von vorne.

Moving-up-the-stack

Bisher stand das Gros der deutschen und europäischen Hosting-Unternehmen – und wir sprechen hier von den klassischen Webhostern-  am Seitenrand des Cloud-Marktes und mussten nahezu hilflos mit ansehen, wie Teile ihres Geschäftes nach und nach in die Hände großer Public Cloud Anbieter wanderten. Oberstes strategisches Ziel ist es daher für alle größeren Unternehmen sich im Umfeld höherwertiger Hosting-Dienste zu positionieren. Das ist aber leichter gesagt als getan. Es ist eben nicht ausreichend nur auf der Website und in Marketing-Unterlagen zu verkünden, dass man nun über dieses Angebot verfügt.  Was also tun? Eigentlich gibt es realistischerweise nur drei strategische Optionen:

  1. Der lange steinige Weg der (Selbst-)Transformation, verbunden mit hohen Aufwendungen und einem hohen Risiko des Scheiterns
  2. Man nimmt einen strategischen Investor mit an Bord, um sich weitere Handlungsoptionen zu eröffnen
  3. Man kauft strategisch zu und erweitert damit sein Portfolio in Richtung Premium

Host Europe hat gleich zwei der drei möglichen Optionen in kurzer Zeit umgesetzt. Zuerst hat man das eigene Geschäft an den Finanzinvestor Cinven verkauft. Der Kaufpreis von  520 Mio. Euro dokumentiert  die starke Stellung von Host Europe innerhalb des deutschen und europäischen Hosting-Marktes und untermauert, dass Host Europe strategisch auf dem richtigen Weg ist. Cinven ist ganz offensichtlich daran interessiert, das Geschäft der Host Europe weiterzuentwickeln. Denn wenige Wochen danach folgte sogleich der nächste Schlag mit der Übernahme der Telefonica Online Services (TOS).

Die TOS ist mit ihren rund 50 Mitarbeitern im Hosting-Markt so etwas wie eine Sportwagenmanufaktur im Automobilbereich. Nicht besonders groß, spezialisiert und ganz dem Thema Hochleistung verschrieben. TOS hostet vor allem E-Commerce und Medienportale von Kunden wie Zalando oder Spiegel Online.

Man kann ohne Übertreibung attestieren, dass Host Europe damit ein Geniestreich gelungen ist, löst die Übernahme mehrere Probleme auf einmal. Host Europe verfügt jetzt über die notwendigen Skills und Infrastrukturen zum Betrieb wirklich hochperformanter Portale und auch über die entsprechenden Kundenzugänge. Außerdem  entfällt für Host Europe die Herausforderung entweder den eigenen Brand neu hin Richtung Premium zu formen, oder einen eigenen Premium-Brand zu etablieren.

Neue Chancen und Wachstumsperspektiven

Auch für die TOS eröffnen sich neue Chancen und Wachstumsperspektiven. Innerhalb des Telefonica Konzerns war die TOS weder wichtig für die Unternehmensstrategie, noch groß genug, um im Konzern wahrgenommen und mit den nötigen Mitteln für ein schnelles Wachstum ausgestattet zu werden. Das alte deutsche Sprichwort  „Perlen vor die Säue werfen“ trifft es wohl ganz gut.

Nun hat sich die Situation komplett verändert. Host Europe verfügt über eine große Kundenbasis, das war bei Telefonica zwar auch der Fall, aber dort war der „inhaltliche“ Weg vom Netz- und Mobilfunkgeschäft hin zu hochwertigen Hosting-Dienstleistungen doch sehr weit. Die Überschneidungen also einfach zu gering.

Außerdem ist die TOS nun für Host Europe ein strategisches Vehikel, mit dem Host Europe die eigene Transformation vorantreiben möchte. Somit ist auch die Eingangsfrage beantwortet. Bei  diesem Gericht handelt es sich eindeutig um ein Filetstück und der Gast ist offensichtlich Gourmet.

Wohl bekomms!

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Über den Autor:

Senior Analyst & COO

Steve JanataSteve Janata ist COO und Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Steve Janata als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Fragen des Strategie-, Portfolio- und Channel-Management. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Carlo Velten bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Steve Janata engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.

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