AWS Summit 2018 Berlin: Die Cloud manifestiert sich zur Normalität

  • Der AWS Summit 2018 in Berlin hat für die deutsche IT-Community einen wichtigen Einblick in die Strategie von AWS gegeben. Gemeinsam mit seinen Partnern hat AWS das derzeitige Cloud- und IT-Weltbild und einen kleinen Blick in die Zukunft zeigen können.
  • Der deutsche Markt ist eines der wichtigsten Geschäftsfelder von AWS, dennoch gibt es Zweifel daran, ob AWS mit der richtigen Strategie vor Ort unterwegs ist. Denn  auf der Summit gab es keine Neuerungen hinsichtlich Features und Services.
  • Auch AWS zeigt bei der Public Cloud ein höheres Reifestadium. Die Diskussionen waren geprägt von der Cloud-Evolution und weniger von den großen Innovationen.
  • Datenschutz und die DSGVO kamen trotz hohem Interesse eher zu kurz. Die DSGVO ist kein Hobby, sondern vielmehr Pflicht. Nur die eigenen Dienste DSGVO-konform zu gestalten und den Kunden nicht mitzunehmen, reicht auch für AWS nicht aus.

Rund 4.500 IT-Spezialisten, Entwickler, Influencer und hochrangige Entscheider haben sich zwei Tage in der Station Berlin getroffen. AWS hat zu seiner Summit in Deutschland eingeladen und gemeinsam mit zahlreichen Partnern die aktuellen Updates und Strategien vorgestellt. Schnell wurde klar unter welchem Zeichen diese Veranstaltung stehen würde - “Cloud is the new normal”.

Viel Cloud, Machine Learning und Künstliche Intelligenz - wenig Neues

Die Standfläche der Expo-Area zeigte es deutlich und auch in unseren Gesprächen mit den Anbietern wurde es ebenso bestätigt: Bei Cloud haben sich die Fragen tatsächlich vom „Ob“ zum „Wie“ verschoben. Die Themen der Anbieter gehen demnach schon von Migration zu Management. Sinnbildlich dafür ist der Übergang von PoCs bzw. Implementierung in den Betrieb. Manche Kunden können schon heute auf der Plattform skalieren, die Erfolge an der einen Stelle Realität werden lassen und den Cloud-Stack zunehmend ausbauen.

Der offizielle Start des Summit begann durch die Keynote von Klaus Bürg, AWS Geschäftsführer Deutschland. Gefolgt von Show-Cases (BMW, Flixbus, OLX, Otto) aus dem deutschsprachigen Raum, eingebettet in die Keynote von Glenn Gore, Chief Architect von AWS. Schwerpunkte der Keynotes waren:

  • In Machine Learning/Künstliche Intelligenz (ML/KI) bietet Amazon viele Funktionen an (Daten-Visualisierung und -Transformation, Model-Evaluierung), sowie Varianten von Learn-Algorithmen.  Diese eignen sich jeweils für spezifische Anwendungsfälle (Mustererkennung, Kaufempfehlungen, Betrugsverhinderung, Bedarfsvorhersagen, etc.) und laden wegen des Pay-As-Go-Modells zum Experimentieren. Interessant zum Einstieg ist Sagemaker, das übrigens in Berlin entwickelt wird.
  • Tools für Builders werden von Amazon kontinuierlich ausgebaut, bemerkenswert ist Cloud9 für Lambda Funktionen zur Serverless-Entwicklung.
  • Data/Analytics mit riesigen Datenmengen (4 Milliarden Events pro Tag) präsentierte OLX.
  • Die Virtualisierungsarchitektur Nitro, entwickelt durch Hypervisor-Spezialisten im Dresdener Entwicklungszentrum, ermöglicht über ”bare metal”-Instanzen innovative Produkte des Partners VMware; näheres dazu in einem separaten Analyst View von unserem Kollegen Stefan Ried.

Neben dem Blick für das große Ganze, gab es am Rande der Konferenz Gespräche mit Managern und Spezialisten von AWS. Speziell durch die  Security-Brille betrachtet, kann man festhalten, dass sich die Frage von „ist die Cloud sicher“ (auch Security of the cloud genannt) verschoben hat in Richtung “sichere Nutzung der Cloud” (Security in the Cloud). Die Insights dazu werden in einem der nächsten Analyst Reports publiziert.

Die Keynotes und Gespräche haben verdeutlicht, dass Cloud Computing immer mehr zur Normalität wird. Gerade im Zuge der Digitaloffensiven vieler Unternehmen wurden Cloud-Infrastrukturen schnell zum maßgeblichen Technologie-Treiber und Erfolgsfaktor für innovative Geschäftsmodelle und digitale Produkte.

Das zeigt auch das breite Service-Portfolio von AWS. Durch das wachsende Interesse an Internet of Things, Machine Learning/Künstlicher Intelligenz und auch der immer größer werdenden Rechenleistung, stieg die Adaptionsrate der Cloud in zahlreichen Unternehmen mitunter sprunghaft an. Jedoch hat man gemerkt, dass darüber hinaus wenig neues präsentiert wurde - Cloud Computing ist doch immer mehr zur Selbstverständlichkeit geworden.

Dass es keine Feature- und Service-Ankündigungen auf dem AWS Summit gab, liegt an mehreren Gründen: Zwar gibt es beständig Änderungen an den Services (mehr als 3 pro Tag), aber diese sind typischerweise zu kleinteilig um das breite Publikum zu interessieren. Zum anderen kündigt AWS üblicherweise die größten Neuigkeiten bei der Hausmesse re.Invent im Herbst an. Dazwischen müssen erst einmal die angekündigten Services geliefert werden, und dann spart man sich vermutlich neue Themen bis zur nächsten re:invent auf. Vor allem aber ist festzuhalten, dass der Summit in Berlin nur einer unter vielen weltweit ist. Die erstmalige Verfügbarkeit von EKS, dem gemanagten Kubernetes von Amazon, wurde quasi nur am Rande erwähnt, vermutlich weil die Dienste derzeit nur in US-Rechenzentren genutzt werden können oder die Diskussion zwischen Serverless und Container nicht angeheizt werden sollte.

Zudem nimmt AWS die Umsetzung der DSGVO auf die leichte Schulter, während viele ihrer Kunden doch noch mit dem Thema ringen. Compliance war als Vortragsreihe durchaus präsent, aber konkrete Hilfestellung bei Umsetzung der DSGVO gab es nicht. Natürlich kann man AWS nicht dafür kritisieren, dass Developer das Thema nicht attraktiv finden, und es deswegen wohl ein Randthema war. Aber statt allgemeiner Darstellungen zur DSGVO hätten wir von AWS trotzdem mehr spezifische Details erwartet, was denn bei den hauptsächlich genutzten Diensten konkret zu tun sei. AWS könnte mit reproduzierbaren Rezepten die Schmerzen der Kunden bei der Umsetzung der DSGVO erleichtern. Dazu müsste sich AWS allerdings selber klar positionieren und ihr Credo zur Kundenorientierung (Customer Focus) mit der eigenen Rechtsabteilung diskutieren.

Tatsächlich wird AWS von der Konkurrenz nicht ernsthaft bedrängt und so kommen die Herausforderungen stattdessen durch die allgemeine Marktlage: Nicht alle Kunden haben ihre vor ein paar Jahren mit viel Optimismus gestarteten CloudFirst-Programme vollständig umsetzen können oder wollen. Finanzabteilungen rechnen die Kosten von Cloud inzwischen mit spitzem Stift und trennen sich nicht leichtfertig von On-Premise Infrastrukturen, die aus demselben Budget bezahlt werden müssen.  Aus dem Verlagern von Anwendungen in die Cloud, oder der Portierung auf Mobile Apps, lässt sich absehbar nicht mehr viel Wachstum generieren.

So müssen neue Anwendungsfelder erschlossen werden um die hohen Wachstumsraten aufrecht zu erhalten. Machine Learning kommt da wie gerufen, weil es immens viel Rechenleistung verbraucht, und wird von AWS entsprechend enthusiastisch unterstützt. Das Problem an Machine Learning sind allerdings die benötigten Datenmengen, die sich die Anwender meistens erst noch beschaffen müssen. Viele kommerziellen Anwendungsfälle werden durch die DSGVO möglicherweise gebremst, so dass sich die Innovation auf IoT ausrichten wird. Wir würden erwarten, dass AWS diese Technologien entsprechend fördern wird, mit neuen Services und neuen Features,  um im Gegenzug mehr Rechenleistung verkaufen zu können.

Der deutsche Markt - eines der wichtigsten Geschäftsfelder für AWS

Obwohl AWS als amerikanisches Unternehmen möglichst alle Dienste in gleicher Form global verfügbar macht, wurde deutlich, wie sehr man sich um den deutschen Markt kümmert. So werden zum einen Verträge mit europäischen Kunden in Zukunft nach EU-Recht abgeschlossen und bestehende Verträge nach US-Recht auf europäische Standards umgestellt. Auch wenn keine neuen Services für den deutschsprachigen Raum announced wurden, sind Crisp Research insbesondere folgende Fakten positiv aufgefallen:

  • Die AWS Deutschland GmbH hat eine wachsende Zahl von Offices in Deutschland in denen hauptsächlich Sales-Personal und technische Architekten verfügbar sind. Für die meisten Anwender ist die Vielzahl der AWS Services eine Herausforderung. Native Cloud-Anwendungen laufen nur gut auf dem AWS Stack wenn diese Dienste in richtiger Art und Weise kombiniert sind.
  • Ähnlich wie Google, bringt auch AWS die Entwicklung einiger Dienste nach Deutschland. So werden demnächst in Berlin Teile der Machine Learning- und Deep Learning-Dienste (z.B. AWS Sagemaker) entwickelt. An einem zweiten Standort in Dresden werden Teile der neuen EC2 Instanzen entwickelt. Dabei handelt es sich auch um das sogenannte Nitro Projekt, das Bare-Metal dynamisch verfügbar macht.
  • Für Endkunden ist das wohl wichtigste Commitment zum deutschen und EU Markt die lokale Vertragsgestaltung. Die physische Speicherung von Daten in Deutschland, was AWS mit der Availability Zone in Frankfurt schon länger kann, bringt kaum noch rechtliche Vorteile. Wenn der Dienst von einer amerikanischen Company erbracht wird, können amerikanische Behörden Zugriff auf die Daten bekommen. Zumindest adressiert AWS nun das Problem vieler Kunden mit einem Gerichtsstand in USA und hat nun endlich in Luxemburg eine Gesellschaft “Amazon Web Services EMEA Sarl” gegründet, die in Zukunft der Vertragspartner für AWS Kunden in Europa sein wird. Damit ist der AWS Dienst nicht nur physisch in Europa sondern auch endlich in der EU Rechtsprechung.
  • AWS bemüht sich auch mit sichtbarem Erfolg um die deutsche Industrie und Lobby. Wir berichteten bereits über die Kooperation mit Siemens, die auf der Hannover Messe gezeigt wurde.

Spezialwissen im Public-Cloud-Umfeld - Managed Services sind unverzichtbar

Besonders viel Bewegung ist derzeit im Bereich Managed Services auf AWS, dem Betrieb von Applikationen auf AWS. Denn viele Kunden stellen fest, dass (1) AWS zwar die Infrastruktur managt, aber nicht die darauf gebaute Applikation und (2) die klassischen Managed Services Dienstleister mit AWS fremdeln. Gerade MPCPs (Managed Public Cloud Provider) sind so essentiell, weil es eben doch noch eine hohe Komplexität gibt und AWS auch im gewissen Maß Grenzen seiner Managed Services hat. Zudem im wesentlichen nunmal Infrastruktur-Anbieter und kein Managed Service ist. Um die Anforderungen der Unternehmen (Hybrid, integriert, individuell, viel Management) wirklich zu decken, braucht es eben diese Partner, die bis dato gute Arbeit leisten und ebenso dafür verantwortlich sind, dass die Cloud zur Normalität gereift ist. Denn die Kunden wollen die AWS-Dienste wegen der Flexibilität und Agilität nutzen und benötigen nach erfolgreicher Implementierung nachhaltige Unterstützung beim Betrieb.

Die Charakteristiken der neuen Managed Cloud Services sind noch nicht vollständig trennscharf ausgeprägt, aber zeigen eine neue Richtung auf:

  •     Reichhaltiges Portfolio von gemanagten AWS Services
  •     Leistungskatalog durch Kunden selektierbar
  •     Cloud-gerechtes Preismodell (Kosten entsprechend AWS-Verbrauch)
  •     Europaweit aufgestellt
  •     Kein vorausgeschaltetes Implementierungsprojekt notwendig

Zu den in Deutschland gewachsenen Providern, z.B. Plusserver, Root360,  kommen mit Claranet, ProAct und Rackspace ernstzunehmende Konkurrenten hinzu, die in ihren Stammmärkten in den Nordics, Westeuropa und den USA groß geworden sind und den deutschen Markt als Gelegenheit erkennen. Auch große AWS-Consultingpartner (z.B. AllCloud, Nordcloud) könnten diesen Bereich zunehmend als interessantes Geschäft entdecken. Zudem erwarten wir weitere Bewegung von etablierten Systemhäusern in Providern (z.B. Cancom, DXC), die ihre bisherigen Kunden auch beim Weg in die Cloud begleiten wollen.

Fazit zu den aktuellen Geschehnissen bei AWS

Der Summit bat eine Gelegenheit, die Entwicklungen im Ökosystem um AWS in Erfahrung zu bringen, die fast noch wichtiger sind als die Ankündigungen von AWS selber. Denn typischerweise sind es Consulting und Systemintegratoren, die ihre Kunden auf dem Weg in die Cloud begleiten und dabei zunehmend den vollen Lebenszyklus der Applikation im Blick haben.

Wir dürfen zudem gespannt sein, welche neuen Dienste in den kommenden Monaten auch in Deutschland zur Verfügung stehen werden. Hinsichtlich der Marktsituation, der Strategieveränderung und den Herausforderungen von AWS, hat sich gerade im Security Umfeld einiges getan und wird auch zukünftig viel passieren. Insbesondere vor dem Hintergrund neuartiger Bedrohungsszenarien. Wie werden Data-at-rest und Data-in-transit zukünftig per Default geschützt? Die Antwort darauf könnte AWS in naher Zukunft geben.

Auch abzuwarten ist die Entwicklung der Partnerschaft zwischen AWS und VMware. Dazu berichtet unser Kollege Stefan Ried in seinem Analyst View zum AWS Summit ausführlich.

Information zu diesem Artikel: Dieser Analyst View wurde von Ekkard Schnedermann und Jan Mentel verfasst.

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Über den Autor:

Analyst

Jan MentelJan Mentel ist als Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research tätig. Inhaltliche Schwerpunkte sind Cloud-Computing, Mobility Solutions und Internet of Things mit besonderem Fokus auf Datenschutz, Compliance und Implikation der EU-Datenschutzgrundverordnung. Weiterhin unterstützt er im Rahmen des Researchs sowie individueller Kundenprojekte bei der Recherche und Beratungsarbeit. Jan Mentel studierte Wirtschaftsrecht an der Universität Kassel.