2014 – Jahr der Innovationen oder Krim-Krieg? Welche Chancen und Risiken das Jahr prägen werden

Es ist paradox – während im Westen Deutschlands noch der Karneval tobt, versetzen auf der Krim zwei Großmächte ihr Militär in Kampfbereitschaft. Während in Hannover fiebernd die letzten Vorbereitungen für die weltgrößte IT-Messe laufen, entscheidet sich drei Flugstunden gen Osten, wie sich der Energiepreis in Europa und die politische Großwetterlage in den nächsten Jahren entwickeln werden.  Die Entwicklung in der Krim-Region waren auch für erfahrene Politikbeobachter bis vor Kurzem nicht absehbar. Die aktuelle Dynamik auf dem politischem, militärischen und wirtschaftlichen Parkett macht eine Prognose schwierig. Aber die Lage ist zu dramatisch und ihr Wirkungskreis geht weit über die Ukraine und Russland hinaus, so dass auch Wirtschaftsentscheider in Europa sich Gedanken machen müssen, welche Szenarien in den kommenden Monaten in Folge der Krim-Krise denkbar und wahrscheinlich sind.

Crisp Research versucht sich an dieser Stelle an einer ersten Einschätzung der strategischen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und den hiesigen IT-Markt. Womit müssen IT-Anbieter und IT-Anwender rechnen, wenn sich die Krise auf der Krim verschärft?

Szenario 1) – Cool-Down – Eine Eskalation wird durch geschickte, umsichtige Diplomatie verhindert

Es ist immer noch wahrscheinlich, dass sich durch geschickte und umsichtige Diplomatie ein „Cool-Down-Effekt“ erreichen ließe, der die verfeindeten Lager an einen Tisch holen sowie eine Lösung der heutigen Krise herbeiführen könnte. Vorausgesetzt die politischen Hardliner auf Seiten des Westens und Russlands besinnen sich der wirtschaftlichen und langfristig politischen Schäden ihres derzeitigen Verhaltens. In diesem Szenario, könnte der akute Konflikt innerhalb von einigen Monaten beigelegt und die wirtschaftlichen Risiken begrenzt werden.

In diesem Szenario würden sich die Aktienpreise der russischen Energie-Multis wieder erholen. Langfristige Lieferverträge würden weiter eingehalten. Produktionsunternehmen und Rechenzentrumsbetreiber stehen keinem konkreten Energiepreis-Risiko gegenüber. Kurzfristige Negativ-Ausschläge an den Börsen würden wieder kompensiert. Der osteuropäische Markt würde weiter als Absatz- und Wachstumssegment für IT-Produkte aus dem Westen dienen.

In diesem Szenario entstehen keine nachhaltigen negativen Auswirkungen der Krim-Krise auf die europäische Wirtschaft – sowie den IT-Markt. Das Jahr 2014 könnte zu einem Jahr der Innovation werden. Denn wie selten zuvor in der Geschichte des IT-Marktes haben die großen IT-Anbieter sich so um dass Thema Innovation bemüht, wie in 2014. Keine Woche ohne Ankündigen zu neuen Startup-Accelerator-Programmen, Technologie-Offensiven und Event-Formaten mit der Venture Capital-Community. Es scheint derzeit klar woher der Wind weht – die jungen Technologiefirmen prägen die Digitalisierung der Geschäftsprozesse und –Modelle. Und davon wollen auch die großen IT-Majors profitieren. Sie stellen ihre Technologien und Cloud-Plattformen nur zu gerne zur Verfügung, um von den StartUps neue Anwendungen und Services entwickeln zu lassen – egal ob für das Internet der Dinge, Big Data Analytics oder einfach nur mobile Apps für die schnelle und unkomplizierte Zusammenarbeit.

Eine toller Ausblick, selbst wenn in 2014 deutlich weniger IT-Hardware verkauft werden wird. Crisp Research sieht in diesem Szenario ein Wachstum des IT-Marktes in Deutschland von über 4%. Die Innovationsbereiche legen mit 30% oder mehr zu.

Szenario 2) – Krim-Krise – Temporäre militärische Auseinandersetzungen  in der Grenzregion und wirtschaftliche Unsicherheit

Doch was passiert, wenn die überhitzten und teils überfragten Gemüter die falschen Entscheidungen treffen? Was wenn Polarisierung und nicht kühle Köpfe über die Zukunft der Krim entscheiden? Eine temporäre militärische Auseinandersetzung liegt durchaus im Möglichkeitsraum. Welche wirtschaftlichen Auswirkungen werden sich – abseits der humanitären Katastrophe – zeitigen? Welche Vorbereitungen solchen Unternehmen treffen?

Es muss angemerkt werden, dass sich Russland – auch in Zeiten politischer Auseinandersetzungen – immer als zuverlässiger Handelspartner in Energiefragen präsentiert hat. Ob dies immer noch Gültigkeit hat, wenn sich Europa in militärische Auseinandersetzungen mit Russland verstricken lässt und/oder harsche Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland erlässt bzw. mitträgt, darf fraglich sein. Derzeit bezieht Deutschland rund 35% seines Erdgases und Erdöls aus Russland. Eine elementare Abhängigkeit, die im Rahmen der Energiewende und der Abschaltung der AKWs noch größer geworden ist. Sollten diese Handelsbeziehungen durch militärische Auseinandersetzungen ernsthaft gestört werden, sind auch auf lange Sicht deutlich steigende Energiekosten einzuplanen. Crisp Research geht von einer Verteuerung von bis zu 15% im industriellen Bereich aus. Das dürfte nicht nur energieintensive Industrieunternehmen, sondern auch Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland und Europa vor Probleme stellen. Denn im Wettbewerb gegenüber US-amerikanischen oder skandinavischen RZ-Betreibern wären deutsche und europäische Anbieter dann in einem eklatanten Nachteil. „Cloud Services made in Germany“ würden dann von einem Premium-Produkt für sicherheitsorientierte CIOs zu einem Luxusartikel, mit eher geringer Nachfrage. Denn in einem konjunkturell schwierigen Umfeld werden Kostenargumente viele wohl begründete Sicherheitsbedenken einfach hinwegfegen.

In diesem Szenario ergeben sich nachhaltige wirtschaftliche Unsicherheiten, die derzeit nur schwer prognostizierbar sind. Höhere Transaktions- und Versicherungskosten für Geschäfte in Osteuropa / Eurasien bis hin zum Wegbrechen dieser Region als Absatzmarkt für westliche Produkte und Technologien. Ob und wie sich Dependancen in Russland aufrechterhalten lassen würden, ist schwer kalkulierbar. Fest steht, dass die Kosten für „Doing Business in Russia“ deutlich steigen. Fraglich ist auch, ob und unter welche Umständen Mitarbeiter bereit sind in der Krisenregion und Russland zu arbeiten.

Neben steigenden Energiekosten und einem steilen Abfall des Geschäftes mit Russland und seiner verbündeten Staaten, ergeben sich noch weitere Risiken für IT-Anwender und IT-Anbieter im Rahmen einer solchen Krise. Im Rahmen der „Digital Transformation“ wandelt sich auch die IT-Sicherheitslage. Rekrutierten sich noch vor wenigen Jahren die Mehrheit der Angriffe auf IT-Systeme von Unternehmen und Behörden aus dem Milieu jugendlicher Hacker, so ist es heute zunehmend das organisierte Verbrechen und staatliche Organisationen, die zielgerichtet Cyber-Kriminalität und Cyber-Spionage betreiben. Und auf diesem Feld existieren in gerade in Russland und weiteren ehemaligen Ostblock-Staaten erhebliche Fähigkeiten und professionelle Organisationsstrukturen. Eine militärische Auseinandersetzung und ein weiteres Erodieren des politischen Vertrauens würde zwangsläufig dazu führen, dass sich die russische Führung noch weniger in der Verantwortung sieht, kriminelles Hacking und Wirtschaftsspionage zu kontrollieren und zu bekämpfen. Im schlimmsten Fall könnten sich staatliche und mafiöse Strukturen zusammentun, um den „Feinden im Westen“ ihre Daten und Geheimnisse abzujagen – eine sehr unbehagliche Vorstellung mit nicht prognostizierbarem Verlustpotenzial. In diesem Kontext müsste das Thema „Datensicherheit“ wohl noch einmal neu definiert werden.

Szenario 3) – Krim-Krieg – Längerfristige militärische Auseinandersetzungen, Destabilisierung der Region und wirtschaftliche Abspaltung des Russlands von Europa

Über dieses – derzeit aber glücklicherweise noch eher unwahrscheinliche Szenario, möchten wir nicht spekulieren, sondern hoffen das Beste und freuen uns lieber auf eine spannende Cebit!

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Über den Autor:

Senior Analyst & CEO

Carlo VeltenDr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.