Was bringt das SAP & Apple-Bündnis für die Enterprise IT?

Vergangene Woche hat Apple durch eine weitere Partnerschaft mit einem globalen IT-Schwergewicht für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Nach IBM geht nun auch SAP eine strategische Partnerschaft mit Tim Cook und Apple ein. Die Modalitäten und Ziele sind auf den ersten Blick wenigstens vergleichbar.

Trotz allem wird dieser Schritt berechtigterweise kontrovers diskutiert. Inwieweit ist diese Partnerschaft exklusiv, war es eine notgedrungene Entscheidung, gibt es Innovationen, wer gewinnt durch diese Partnerschaft und steckt dahinter überhaupt ein Potential?

Können auch Kernanwendungen Mobile Customer Experience?

Digital Customer Experience – das sind drei Worte, die im Produkt-Marketing bereits ausgereizt sind und oft nur unerfüllte Versprechungen umschreiben. Denn viele Anbieter führender Technologien und Services haben es bislang versäumt, die Customer Experience ihrer Produkte wirklich auf das höchstmögliche Niveau zu bringen. IT-Leiter haben häufig Schwierigkeiten, die bestehenden Lösungen im IT-Stack der Unternehmen mit den Anforderungen an Benutzerfreundlichkeit und Design zu vereinbaren. Man könnte beinahe den Vorwurf äußern, den meisten Anbietern geht es eher darum, die Preis- und Lizenzmodelle trotz Cloud & Co. hinreichend zu verkomplizieren, sodass Berechtigungen und Zugriffe möglichst wenig anwenderfreundlich und gleichzeitig teuer sind.

Demgegenüber steht aber klar das Bekenntnis vieler Anwender-Unternehmen, sich auf den digitalen Wandel mit aller Macht einstellen zu wollen und insbesondere ihren Mitarbeitern und Kunden eine optimale Grundlage für die (Zusammen-)Arbeit zu schaffen. So nimmt das Thema Enterprise Mobility mittlerweile immer mehr Fahrt in den Unternehmen auf. Das damit verbundene Konzept des „Digital Workplace“, das neue leistungsfähige und mobile Technologien, wie auch die freie Wahl des Arbeitsortes umfasst, wird immer häufiger zur Alternative des klassisch-analogen PC-Arbeitsplatzes.

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Quelle: Crisp Research + Citrix , Studie: The Adaptive Workplace, 2015

Die uneingeschränkte Umsetzung eines solchen Modells wird allerdings dadurch limitiert, dass führende IT-Anbieter diesen Trend nicht konsequent mitgehen. Problematisch ist dies für die Unternehmen vor allem dann, wenn die Abhängigkeit von diesen IT-Anbietern besonders groß ist. Dann ist es meist nicht möglich, sich aus bestehenden Verträgen zu lösen, um Alternativen zu suchen. Aber auch die Suche nach einer Alternative, die schnelle Migration, hohen Funktionsumfang und State-of-the-Art Design verspricht, ist häufig aussichtslos.

Als einer der weltweit größten Software Hersteller hat SAP unweigerlich eine große Bedeutung im Enterprise-Geschäft. Etwa drei Viertel aller weltweiten Transaktionen werden unter Hinzunahme eines SAP-Prozesses abgewickelt. Trotz dieser Vormachtstellung und mitunter auch Innovationsführerschaft der Walldorfer hat sich die Digital Customer Experience, insbesondere eine Mobile Customer Experience, bei den Lösungen von SAP nur selten zeigen können. Mit der responsiven Strategie auf Basis von SAP Fiori, die SAP bislang verfolgte, wurde auch das eigene Software-Portfolio nur stiefmütterlich auf ein neues User Experience-Niveau gebracht, auch wenn eine Vielzahl von „Design Thinking“-Initiativen im Unternehmen vorangetrieben werden. Denn gerade für Kernanwendungen wie SAP reicht eine responsive Web App meistens nicht aus, um den vollen Funktionsumfang abbilden zu können. Mit dem eher proprietären Stack ist SAP aber selbst dafür verantwortlich, die Produkt- und UX-Entwicklung voranzutreiben.

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Auf der anderen Seite steht bei Apple ein grundsätzlich ebenfalls proprietärer Technologie-Stack mit einer hohen Marktmacht. Trotz oder vielleicht auch gerade weil Apple auf einen proprietären Stack setzt, sind das iPhone und iOS im Unternehmenseinsatz die führenden Plattformen. Denn wenngleich Android im Consumer-Geschäft mehr als dreimal so viele Marktanteile besitzt wie Apple, sieht es im Enterprise-Geschäft etwa umgekehrt aus. Aufgrund der hohen Sicherheitsstandards bei Apple und den Schnittstellen zu allen gängigen Security- und Management-Werkzeugen hat sich Apple auch neben dem Design einen USP erschaffen. Die strikte Kontrolle der App-Qualität und die eigene Pflege der zugrundeliegenden Technologie sind bislang das Top-Argument für viele CIOs und CISOs.

SAP & Apple – Doch ein wenig Potential?

Somit haben einige Skeptiker, die über Sinn und Unsinn dieser Partnerschaft diskutieren, häufig eine falsche Grundannahme getroffen. Denn SAP geht mitnichten die Partnerschaft mit einem Nischenplayer, sondern mit dem Marktführer ein, welcher in der entsprechenden Zielgruppe derzeit und zukünftig einen hohen Einfluss nimmt.

Auch zeigt SAP damit ganz deutlich, dass die halbfertige Mobility-Strategie ein Ende haben soll. Denn der Wunsch der SAP-Anwender nach einer besseren User Experience darf auch bei SAP nicht überhört werden. Aller Voraussicht nach werden die teilweise sehr guten SAP Mobility Tools um Fiori und die Mobile Application Development Platform erweitert und im Zuge der Partnerschaft zunächst stärker auf iOS und dessen Standards ausgerichtet.

Auch weiterhin können die SAP-Produkte ein hohes Potential für Apple haben. Denn mit der Möglichkeit, zukünftig auch große Datenströme mithilfe von HANA mobil und hoch-performant auszuwerten oder Teil der ganzen HANA-Welt zu werden, kann Apple im Enterprise-Geschäft sicher nicht schaden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Technologien grundsätzlich proprietär sind. Zwar gibt es viele gute Argumente für offene Technologie-Stacks für eine schnelle Weiterentwicklung. Aber gerade in den Kernanwendungen und -prozessen ist Kontinuität und Sicherheit gefragt. Der Quantensprung, Kernanwendungen zukünftig auch mobil mit einer guten User Experience nutzen zu können, ist bereits ein großer Fortschritt, der gar nicht zwingend eine offene Technologie benötigt.

Weiterhin ist SAP nach IBM der zweite große Partner für Apple im Enterprise-Geschäft. Auch die enge Zusammenarbeit von IBM und SAP spielt in diesem Dreiecksgespann eine wichtige Rolle. Dadurch kann das Trio Apple, IBM und SAP insgesamt eine nutzerfreundliche, sichere Technologieplattform, wichtige Kernanwendungen für das Business und Beratungsleistungen bieten. Damit sind die wesentlichen Anforderungen der CIOs beinahe abgedeckt.

Es zeichnet sich also ab, dass mit der neuen Partnerschaft ein umfangreicher Stack für die Enterprise-IT geboten werden kann. Dabei bleiben alle Unternehmen aber ebenso eigenständig und offen, wie sie es vorher auch waren. Denn die Partnerschaften dienen in keiner Weise dazu, sich exklusiv an einen Partner zu binden. Die Technologien und Portfolios werden durch die Zusammenarbeit weiterhin in einer gesamten Ausrichtung optimiert.

Die Partnerschaft ist somit ein Indiz dafür, dass führende Technologie-Anbieter sich zusammentun und die eigenen Technologien auch im Sinne der Anwender enger verzahnen. Gleichzeitig entsteht ein zusätzliches Vertriebspotential für die Anbieter, das aber häufig darüber hinweg täuscht, dass es vorwiegend darum geht, wichtige Anwendungen auf eine wichtige Plattform mit neuesten Standards zu bringen.

Die Grenzen der neuen Allianz

Nichtsdestotrotz muss festgehalten werden, dass die Partnerschaft für SAP und Apple vor allem über negative Meldungen hinwegtäuschen soll. Denn gerade bei Apple sorgen Meldungen wie sinkende Absatzzahlen des iPhones schnell für Unsicherheit und schlechte PR. Auch SAP muss trotz vieler neuer Technologie-Releases viel tun, um das Image eines Innovationsführers wieder zu erlangen und zu stärken. Da hilft eine medienwirksame Partnerschaft sicherlich, um die Diskussionen in eine andere Bahn zu lenken.

Wesentlich ist auch, dass diese Partnerschaft aber keine abschließende Allianz zwischen zwei IT-Dinos sein soll. Die Strategien und Produkte bleiben überwiegend so, wie sie es vorher auch waren. Es geht in diesem Schritt vor allem darum, Versäumnisse nachzuholen und Synergiepotentiale zu heben. Dazu ist es vor allem notwendig, dass die Bereitstellungsmodelle und Lizenzvereinbarungen so gestaltet werden, dass der Anwender nicht wieder die alten Probleme vor sich hat. Denn auch wenn es technologisch möglich ist, die bestehenden Portfolios enger zu verzahnen und attraktiver zu machen, bleiben die Bezugsmodelle immer noch eines der wesentlichen Kriterien für den CIO.

Weiterhin sollten die Anwender die SAP & Apple-Allianz nicht als Innovationspartnerschaft sehen. Die Weiterentwicklung der Produkte für die Mobile Customer Experience trägt lediglich den steigenden Anforderungen der Anwender Rechnung. Ob sich zukünftig echte Disruptionen durch neue Anwendungsfälle ergeben, ist derzeit völlig offen. Hier wissen auch die großen Player, dass Partnerschaften und M&A-Programme in der Startup-Szene eher zum Erfolg führen werden.

Empfehlungen für IT-Entscheider

Für die IT-Entscheider ergeben sich aus der Partnerschaft zunächst vier zentrale Fragestellungen beziehungsweise Handlungsfelder:

  1. SAP Lizenzmodell: Die Lizensierung der SAP-Produkte ist für viele CIOs noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Gerade Themen wie die „indirekte Lizensierung“ sorgen immer wieder für Fragen und Ärgernisse bei den Anwendern. Bevor SAP auch mobil genutzt wird, sollten die Anwender gezielt das eigene SAP-Lizenzmodell und die möglichen Neuerungen für die mobile Nutzung prüfen (lassen).
  2. Virtual Desktop: Viele Unternehmen haben auch bislang schon einen Weg gefunden, den vollen Funktionsumfang von SAP wenigstens auf dem Tablet oder Laptop mobil zu nutzen. Die Bereitstellung von SAP über virtuelle Desktops könnte jetzt partiell ersetzt werden. CIOs sollten daher ermitteln, inwieweit die SAP/Apple-Allianz die VDI- und Desktop-as-a-Service-Strategie beeinflusst.
  3. Endgeräte-Landschaft: Es bietet sich an, die bestehende Landschaft der Endgeräte im Unternehmen festzustellen. Diejenigen IT-Abteilungen, die mithilfe von EMM-Tools oder einer umfangreichen Mobility-Strategie bereits einen guten Überblick haben, sind hier im Vorteil. Alle anderen Unternehmen werden selbst herausfinden, ob sie zukünftig flächendeckende Apple-Nutzer werden können.
  4. Individuelle SAP-Applikationen: Viele Unternehmen haben im Laufe der Zeit ihre SAP-Landschaft an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Diese „customized Services“ werden bei den mobilen Anwendungen von SAP vermutlich nicht ohne weiteres nutzbar sein. Die Entwickler sollten sich frühzeitig auf die neuen Anforderungen vorbereiten und die Spezifikationen kennen lernen.

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass eine Allianz proprietärer Technologien durchaus auch Vorteile für den Anwender bringen kann. Letztendlich geht es darum auch in der dynamisch digitalen Welt ein wenig Souveränität und Nüchternheit zu bewahren. Denn das Kerngeschäft funktioniert auch heute noch mehrheitlich mit klassischen Kalkülen. Dazu braucht es notwendige IT-Unterstützung auf einem hohen Niveau. Es geht aber mitnichten darum, zu viel Innovation den eigentlichen Forderungen der CIOs nach Stabilität, Design und Sicherheit vorzuziehen.

Die Apple/IBM-Allianz hat bereits gezeigt, dass eine solche Partnerschaft schnell ihre notwendige Nüchternheit wiederfinden kann. Ähnlich wird es auch bei Apple und SAP sein. Die geplanten Verbesserungen und Integrationen der Anwendungen und Mobility-Werkzeuge werden wohl 2017 kommen. Darüber hinaus gehen beide Unternehmen aber auch ihre Wege und versuchen für sich selbst die optimale Strategie im Markt zu verfolgen. Ob die Sales-Mannschaften und Partner auf beiden Seiten in der Lage sein werden, die „Story“ und potenziellen Mehrwerte klar und überzeugend gegenüber den Kunden zu kommunizieren, bleibt abzuwarten.

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Über den Autor:

Senior Analyst & Cloud Practice Lead

Maximilian HilleMaximilian Hille ist Senior Analyst und Practice Lead bei Crisp Research. Als Cloud Practice Lead leitet er alle Research- und Beratungsaktivitäten zu den Themen Cloud-Architektur, Cloud-Native Technologies, Managed Cloud Services, Digital Workplace und Mobility.

Zuvor war er Research Manager in der „Cloud Computing & Innovation Practice“ der Experton Group AG. Maximilian Hille studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik.

Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Platforms, Cloud Architecture Design, Hybrid & Multi Cloud Computing, Cloud-Native Architectures, Digital Workplace, Collaboration, Enterprise Mobility und Mobile Business. Maximilian Hille war Jurymitglied bei den Global Mobile Awards 2016, 2017 und 2018.